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EIN KOMMENTAR ZUR KUNSTPOLITIK
Von Fred Arctor
Jede Künstlerinnen- und Künstlervertretung hat es schwer. Sie muß wissen, welche Anliegen wessen sie wem gegenüber vertritt. Sie muß sich selbst legitimieren, indem sie konkrete Ergebnisse ihrer Vertretungsarbeit vorweist. Künstler erwarten von ihren Vertretungen Aktivitäten gegenüber der Verwaltungsobrigkeit und Betreuung im Kleinen, beispielsweise in Steuer- und Versicherungsfragen. In der Kommunikation zwischen Mitgliedern und der Organisation muß es ein Klima des Vertrauens geben.
Kunstschaffende sind in allen Gesellschaften besonders ausgesetzte Arbeitende, weil ihr Metier ein amorphes, offenes Gebilde ist. Und nicht so klar definierbar wie Medizin oder Fliesenlegen. Das heißt, eine KünstlerInnenvertretung muß sich in einer gesellschaftlich „subkutan“ diskursbildenden Materie orientieren können, die sich permanent verändert. Noch dazu muß diese Organisation sich in allen den künstlerischen Kommunikationsprozeß betreffenden Belangen so reflektierend verhalten, daß sie dort aktiv werden kann, wo alle Mitglieder gleichermaßen Support benötigen. Sie darf sich niemals zur Parteigängerin von Lobbies auch innerhalb der Künstlerschaft machen (lassen), da sie sonst ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Im Gegenteil, sie muß versuchen, die politischen Strömungen in jenem Feld, dem sie sich widmet, realistisch einzuschätzen und gegebenenfalls auch unterschiedliche Tendenzen nach „außen“ hin vertreten können.
Sie muß weiter greifen können, als kurzfristige Bedingungen es wünschenswert erscheinen lassen mögen. Sie muß für die „Schwachen“ und die „Starken“ innerhalb ihrer Mitgliederschaft so Partei ergreifen, daß deren Kunstfeld insgesamt gestärkt wird, und Einzelinteressen in größere Zusammenhänge stellen können. Manchen Anliegen wird sie nicht nachgehen können, wenn diese über ihren Kompetenzbereich hinausgehen. Eine Künstlervertretung sollte daher strikt vermeiden, sich in die Strukturen von Veranstaltern reklamieren, um nicht in die peinliche Lage zu kommen, dort auftragsgemäß Platz für alle ihre Mitglieder fordern zu müssen. Ihr Einfluß kann zwar eine schlecht arbeitende Präsentationsinstitution nicht verbessern, eine gut arbeitende aber erheblich beschädigen. Wenn sich eine Künstlervertretung aber einmal unklugerweise in eine Institution reklamiert hat, darf sie ebenfalls um keinen Preis der Welt die Partei einer Lobby nehmen, sondern muß die Kommunikation zwischen Künstler- und Veranstalterseite dort moderieren, wo es strukturelle Probleme gibt. Kuratoren und Künstler müssen gleichermaßen frei sein. Die Vertretung der Künstler darf den Künstlern nicht empfehlen wollen, wie Kunst zu machen ist, und sie darf Veranstaltern nicht in ihre kuratorischen, kunstvermittelnden Strategien pfuschen.
Die „Interessengemeinschaft Freie Theaterarbeit“ IGFT mit Sitz in Wien hat, so hat es den Anschein, diese Fehler gemacht, die sie nun als Künstlervertreterschaft in Gefahr bringen. Sie hat sich in eine Institution reklamiert (das Tanzquartier Wien), sich von einer Künstler-Lobby (tanzunit[ed]) vereinnahmen lassen, sich in deren Sinn nach innen und außen hin exponiert. Und dabei hat die IGFT übersehen, daß diese Politik alles andere als im Sinn eines beachtlichen Teils ihrer Klientel ist. Als sie das erfuhr, reagierte sie mit einem pauschalen Angriff auf ihre eigenen Mitglieder, die sich nun als „offene Assoziation Tanz&Performanceschaffender" gegen ihre eigene Vertretung zur Wehr setzen muß.
Was hier in Wien zur Debatte steht, stellt keineswegs einen der üblichen Grabenkämpfe in Kunstkreisen dar. Wenn eine Künstlervertretung für eine teils politisch einflußreiche, hochsubventionierte Gruppe, die sich in einer Institution ihrer eigenen Einschätzung gemäß nicht adäquat vertreten fühlt, gegen eine große weitere Gruppe stellt, deren Existenz weniger gut abgesichert ist, führt sie sich selbst ad absurdum. Für die freien Tanz- und PerformancekünstlerInnen in Wien ist das blinde Anrennen der eigenen Vertretung gegen einen ihrer erfolgreichsten Presenter ein Desaster. Denn das Tanzquartier Wien hat in sieben Jahren mehr von ihnen mit mehr Bedacht präsentiert als etwa das ImPulsTanz-Festival in einem Vierteljahrhundert.
(24.1.2008)
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