TQW III: Der Zahn der Zeit

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TANZQUARTIER WIEN: KONFLIKTE UM DIE NACHFOLGE VON SIGRID GAREIS

Von Norma Jean Sedlmayr


Sigrid Gareis wird nun doch mit Ende der Spielsaison 2008/09 das Tanzquartier Wien verlassen. Wie Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am 29. Jänner nach einem Gespräch mit der Gründungsintendantin des heute zu den renommiertesten seiner Art zählenden Hauses bekannt gab, wird ihre Stelle im Frühjahr 2008 ausgeschrieben. Es ist anzunehmen, daß die Ausschreibung zügig, möglicherweise bereits im Februar oder März, erfolgt.

Nach einem starken Votum von 93 Wiener Kulturschaffenden, darunter den renommiertesten Wiener ChoreografInnen wie Barbara Kraus, Philipp Gehmacher, Superamas, Christine Gaigg, Chris Haring, Milli Bitterli und Daniel Aschwanden (aber auch von Monika Meister, Constantin Wulf, Yosi Wanunu, Michael Stolhofer, Berno O. Polzer, Julius Deutschbauer, Thomas Frank und Haiko Pfost), hatte Gareis angeboten, ihren Vertrag nach zwei Perioden um eine halbe zu verlängern, um dem Haus einen noch stabileren Kurs in den kulturpolitischen Wogen der österreichischen Hauptstadt zu geben. Nun herrscht Freude unter den Gegnern dieses Vorschlags, von denen einige, glaubt man ihren Aussagen in der Presse, sich schon darauf vorbereiten, das Tanzquartier zu übernehmen.

Opfer und Ballettdirektor 

Überschwenglich grüßte die IG Freie Theaterarbeit: „Daß der Stadtrat der Empfehlung des Kuratoriums gefolgt ist, ist ein wichtiges Zeichen demokratiepolitischer Sensibilität.“ [*] In Aussendungen unterbreitet die IG ihre Zukunftsvisionen für das TQW. Bei der Neubesetzung sei „noch stärkeres Gewicht auf künstlerische Positionen zu setzen“ und zugleich brauche es „im Sinn der Pluralität andere Formate, in denen das Tanzquartier nicht repräsentierte Stilistiken adäquat ihre Öffentlichkeit finden können“.

Sebastian Prantl, ein Wortführer der TQW-Gegner, überlegt öffentlich, sich mit dem ehemaligen Ballettdirektor Bernd R. Bienert um Gareis' Nachfolge zu bewerben. Die Wiener Tageszeitung „Die Presse" zitiert Prantl in indirekter Rede: „Man müsse nach Südafrika, China, Korea, Osteuropa schauen, die inländische Szene offener integrieren, das Alte (30-er Jahre, Aktionismus) mit Neuem, den Tanz mit anderen Sparten verknüpfen: Künstler statt Intendanten an die Macht, ist Prantls Devise.“ Die Kultursprecherin der Wiener Grünen Marie Ringler dämpft diesen Anspruch: Prantl sei „einer von denen, die 150.000 € im Jahr an allen Gremien vorbei bekommen und stilisiert sich als Opfer.“ Ein Vergleich: der im Vorjahr in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Choreograf Chris Haring kam 2006 mit 40.000 Euro aus, ohne an den Gremien vorbeizuschlüpfen.

Waltz’ Trauma für Wien

Bienert wiederum, der sich auf seiner Website als „Chefchoreograph“ bezeichnet, kritisiert die Wiener Subventionspolitik: „Wer den performativen Tanz nicht bedienen will, hat keine Chance auf Förderung.“ Diese Chancenlosigkeit schlug sich 2006 bei Elio Gervasi in 125.000 Euro nieder und bei „homunculus“ mit 165.000 Euro - beide verweisen stets auf ihre „tänzerische" Ausrichtung. Unter der Produktion von „homunculus“ hat Bienert 2005 ein großes, durchaus performatives Stück herausgebracht, das bisher einmal (in Wien) zu sehen war. Auch die Leiter der eingesessenen lokalen Wiener Companie, Nikolaus Selimov und Manfred Aichinger, wurden in diesem ersten Nachfolge-Raten genannt. Selimov hatte auch die „tanzunit[ed]“-Petition an den Wiener Stadtrat organisiert, die die Anstrengungen dieser Gemeinschaft gegen Gareis sichtbar machte.

Sabine Kock, Geschäftsführerin der IGFT, unterstützt ihre Vertreterinnen im Tanzquartier-Kuratorium, Silvia Both und Marty Huber, mit einem eigenwilligen Vorschlag: „Wie die Schaubühne im deutschsprachigen Raum versucht hat, ,am Zahn der Zeit‘ zu sein, was Inhalte und Ästhetik, aber auch die Reflexion von Arbeitsformen (...) betrifft“, so könnte auch das TQW werden. Vielleicht hat Kock bedacht, daß das TQW eine andere, vor allem aber wesentlich komplexere Struktur darstellt als die Schaubühne, und sie weiß auch, wie die Kooperation zwischen Thomas Ostermeier und Sasha Waltz endete, nämlich in einem Debakel (Waltz rauschte im März 2006 unter zugestandener Mitnahme von 600.000 Euro aus dem Etat des Hauses ab und bezeichnete ihre Zeit dort als „traumatisch“). Warum schlägt Kock gerade ein Paradebeispiel dafür, wie eine Künstler-Koleitung nicht funktioniert, als „Vision“ für das Tanzquartier Wien vor?

Heftige Beteuerungen

Mit zunehmender Heftigkeit beteuert die Künstlervertretung, die nun der Kritik eines großen Teils ihrer Mitglieder steht, die Wahl ihrer beiden Vertreterinnen sei korrekt verlaufen. Wieso aber kam es dazu, daß Both und Huber mit ihrer Wahl im Juni/Juli 2007, wie es in einem Schreiben der IGFT (21.1.2008) heißt, „zum dritten Mal bestätigt“ werden mußten? Es hat demnach binnen eines Jahres - bis 2005 waren Daniel Aschwanden und Rose Breuss im Kuratorium - insgesamt drei Anläufe gegeben, bis die beiden schließlich mit dem Siegel der Glaubwürdigkeit versehen ins Kuratorium geschickt werden konnten. Zwei davon waren wohl solche, die zumindest nicht ein „offenes Wahlverfahren“ darstellten.

Es nimmt also nicht wunder, daß die von Both und Huber gehaltenen Informationsveranstaltungen im Vorfeld der Wahl von einer ganzen Anzahl vielbeschäftigter Künstler nicht ernst genommen wurden. Sicher aber ist, daß beide (wie auch übrigens ihre Mitbewerber Günter Marinelli und Sebastian Prantl) als ausgewiesene Tanzquartier-Gegnerinnen galten, weshalb durch einen Teil der Szene auch noch Barbara Kraus und Frans Poelstra aufgestellt wurden, denen diese Gegnerschaft nicht nachgesagt werden konnte. Sehr eigenartig war auch der Wahltermin angesetzt, Ende Juni/Anfang Juli knapp vor der Urlaubszeit (der Siegerinnen) und im anlaufenden Sommerfestivalstreß für viele Wiener Künstler.

Kalkül mit Unaufmerksamkeit? 

War es also eine kalkulierte Unaufmerksamkeit, in deren Schatten sich dann die „tanzunit[ed]"-Initiative gebildet hat, die von Kuratorin Silvia Both auch unterschrieben wurde? Wer weiß. Und: Ist es verwunderlich, daß sich gerade in der Folge Künstler zu Wort meldeten, die sich von dem Label „tanzunit[ed]“ nicht vertreten fühlten - oder wenn diese dann eine alternative Stellungnahme an dieselbe Adresse sandten, an die sich die ersteren gewendet haben? Wohl eher nicht.

Interessant erscheint allerdings, daß sich in Reaktion auf die von beinahe hundert Kulturschaffenden unterzeichete alternative Stellungnahme die IGFT meldete. Ausschließlich. Denn die Gruppe „tanzunit[ed]" ist bis heute, abgesehen von Stellungnahmen Prants und Bienerts in der Presse, konsequent stumm geblieben. Ihre Agenden werden nun offensichtlich von der Künstlervertretung ausgefochten. Die Agenden der alternativen Petition dagegen wurden mittlerweile wiederholt als vom Tanzquartier „instrumentalisiert" abgetan.

Befremdliche „Diffamierung“ 

Das Wiener Off-Theater- und Tanzkuratorium (Angela Glechner, André Thurnheim und Marianne Vejtisek) meldete sich gestern, 29.1.2008, zu Wort und schrieb in einer Aussendung: „Wir (...) müssen mit großem Befremden die Reaktion die Reaktion der IG Freie Theaterarbeit durch ihre Geschäftsführerin Sabine Kock auf die Petition der überwiegenden Mehrheit der Wiener Tanz- und PerformancekünstlerInnen in der Causa Tanzquartier Wien lesen. Darin wird den unterzeichneten KünstlerInnen eine Instrumentalisierung unterstellt und ihnen somit eine eigenständige und autonome Positionierung in der besagten Angelegenheit abgesprochen. Wenn aber aus Gründen einer natürlichen Pluralität einer Theater- und Tanzlandschaft oft unvereinbare Positionen existieren (...), sollte im Sinne eines selbst von der IG Theater geforderten demokratischen Verständnisses der Einwand einer Mehrheit von KünstlerInnen nicht durch Diffamierung begegnet bzw. entkräftet werden. Das Kuratorium plädiert also nachhaltig an die IG Freie Theaterarbeit, ihrem Auftrag nachzukommen und einen objektiven Standpunkt einzunehmen.“

Kocks Antwort besteht in einer Bestätigung des Vorwurfs, die Künstler seien instrumentalisiert worden. Und in einer Erweiterung: Kock schreibt von „medialer Instrumentalisierung“. Also haben sich auch der Österreichische Rundfunk, die „Austria Press Agentur“ und Printmedien wie unter anderen „Kurier“, „Die Presse“, „profil“ und „Der Standard“ vom TQW instrumentalisieren lassen, indem sie über den Konflikt - übrigens aus ganz verschiedener Sicht - berichteten? Immer tiefer dreht sich die Rechtfertigungsspirale der KünstlerInnenvertretung.

Ein Gegenteil 

Steht die IG nun vor einer Spaltung? Schon sprechen Glechner, Thurnheim und Vejtisek davon, sie künftig möglicherweise „nur mehr sehr eingeschränkt als Gesprächspartner anzusehen“. Und zwingt Kock Stadtrat Mailath-Pokorny nicht förmlich dazu, sich für die Nachfolgesuche für die TQW-Intendanz in letzter Minute noch nach einem anderen Kuratorium umzusehen? Er jedenfalls wird sich weder von der IG Freie Theaterarbeit noch von wem auch immer sonst instrumentalisieren lassen wollen. Mailath teilt mit: „Die Ausschreibung soll eine offene und auch internationale sein und dadurch gewährleisten, dass der eingeschlagene Weg fortgesetzt werden kann.“ Kocks IG-Modell der Berliner Schaubühne jedenfalls ist das genaue Gegenteil dieses Weges.

Über all dem schwebt ein abwartendes Lächeln wie aus naher Ferne. Auch ImPulsTanz-Leiter Karl Regensburger wurde als möglicher Nachfolger von Sigrid Gareis genannt.

[*] Sämtliche Zitate in diesem Text stammen aus schriftlichen Quellen. 

(30.1.2008)