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WALTER HEUN FOLGT SIGRID GAREIS ALS INTENDANT DES TANZQUARTIER WIEN NACH
Von Fred Arctor
Der neue Intendant des Tanzquartier Wien heisst Walter Heun. Er wird Sigrid Gareis zu Beginn der Spielzeit 2009/10 ablösen. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat sich für Heun aus einem von einer Findungskommission vorgelegten Dreiervorschlag ausgewählt. Die Kommission favorisierte, heißt es nun in einer Aussendung zweier ihrer Mitglieder, Kerstin Evert (Kampnagel/Hamburg), die jedoch am Abend vor Bekanntgabe der Entscheidung ihre Kandidatur zurückzog.
Walter Heun, geboren 1962 in Hof bei Bayreuth, hat von 1982-88 in München Theaterwissenschaft, neue deutsche Literatur und Philosophie studiert. 1987 begann er sich in verschiedenen Institutionen des zeitgenössischen Tanzes zu engagieren. Heute kann Heun auf eine Biographie verweisen, die ihn als einen der umtriebigsten Tanzorganisatoren Deutschlands ausweisen.
Er betreibt eine Tanz- und Theaterproduktionsfirma, Joint Adventures (www.jointadventures.net ), leitet des weiteren das 1991 von ihm gegründete kleine Festival Tanzwerkstatt Europa in München, rief, ebenfalls 1991, das Nationale Performance Netz (NPN) für den Austausch zwischen Veranstaltern und Künstlern ins Leben - ein Vorgängermodell des österreichischen TIGA, das bereits in den Startlöchern steht.
An der Basis des Networking
Außerdem wirkte Heun ab 1994 als Mitbegründer und Co-Veranstalter der biennalen Tanzplattform Deutschland, leitete die zum Choreografischen Zentrum ausgebaute Tanzabteilung des Luzerner Stadtteaters, mischte im IETM mit und so weiter. Auffällig dabei ist, dass Heun immer an der Basis des Networking und Kuratierens arbeitete, und nie als Kurator in Erscheinung trat, der wirklich neue Akzente setzte.
Was die Entscheidung des Wiener Kulturstadtrats für ihn bedeutet, legt Heun in einem Statement zur „künftigen Programmarbeit im Tanzquartier Wien" dar:
„Nachdem die Interdisziplinaritat des Tanzes lange Jahre zum wichtigsten Argument fur die Relevanz des Tanzes in der kulturellen Landschaft wurde, ist es an der Zeit, die Spezifik des Tanzes als Kunstform, aber auch als Medium in den Blick zu nehmen. Der Tanz ist heute selbstbewusst genug, seine Existenzberechtigung nicht mehr aus der Mittlerfunktion zwischen den Kunstformen legitimieren zu müssen. Der Einsatz aller medialen Mittel, die Überschreitung alter Grenzen ist im Tanz längst gängige Praxis.
Aufbauend auf dem durch Sigrid Gareis, ihr Team und die kooperierenden Wissenschaftler und Künstler erarbeiteten Diskurs und stets die choreographischen und performativen Konzepte der Tanzhistorie, aber auch der jüngeren Vergangenheit reflektierend, wird die zukünftige Programmation am Tanzquartier Wien die Rolle des bewegten Körpers im Raum vor dem Hintergrund der aktuellen künstlerischen Entwicklungen thematisieren.
Aus dem Bewusstsein, dass der Tanz ohnehin die Integration anderer Künste, Medien, wissenschaftlicher Diskurse u.v.m. selbstverständlich leistet, wird vor allem die künstlerische, ästhetische und theoretische Zuwendung zur Choreographischen Kunst im Zentrum stehen. Hier wird insbesondere zu untersuchen sein, wie vielschichtig die Ausformungen, Wirkweisen und Ästhetiken der Choreographischen Kunst sind.
Die Spielzeiten werden jeweils Begriffe reflektieren, die zu den konstitutiven Parametern der Choreographischen Kunst gehören. Diese werden seriellen Charakter erhalten, der eine vertiefte Begegnung des Publikums im sinnlichen Erleben, aber auch in der theoretischen Auseinandersetzung ermöglicht. Die Kommunikation über diese Auseinandersetzung wird auf das jeweilige Zielpublikum abgestimmt sein, um so einem größeren Publikum den Einstieg in die künstlerischen Entwicklungen zu ermöglichen.
Die Programmation wird nach wie vor nationale und internationale Künstler/innen einbeziehen. Außerdem wird die internationale Vernetzung, die strukturelle Unterstützung der Wiener, respektive österreichischen Tanzszene in verschiedenen Formen und Formaten fortgefuhrt werden. Walter Heun wird hier seine reiche Erfahrung in der nationalen und internationalen Vernetzung, der Koproduktion und der Kulturförderung zum Wohle der aktiven Tanzschaffenden einbringen."
Das ist, muss berücksichtigt werden, Pressematerial und daher nicht besonders ausführlich. Aber es sagt doch sehr viel über die Situation aus, die Heun in Wien vorfindet, und an die er sich offensichtlich erst einmal analytisch herantasten muss. Die Wortwahl soll signalisieren, dass der neue Intendant sich durchaus auf das Niveau einlassen will, auf das Gareis das Haus gebracht hat.
Der „bewegte Körper im Raum“
Der Inhalt vermittelt aber auch den Eindruck, dass Heun der gegenwärtigen Tendenz zum Tanzen im Tanz folgt. Hier liegt seine Chance dafür, das Tanzquartier in diese Diskurse hinein- und zugleich wieder über sie hinauszuführen, um den „bewegten Körper im Raum“ nicht mit sich allein zu lassen, sondern bewusst die Konzeptionen dieses Körpers in der medialen Gegenwartsgesellschaft aufzugreifen und jene Ästhetiken zu forcieren, die sich damit auf der Ebene der Gegenwartskunst kritisch auseinandersetzen.
(11.9.2008)
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