THEMA: Transaktualität

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DIE WIEDERVERGEGENWÄRTIGUNG VON PERFORMATIVEN ARBEITEN. EIN PROJEKT

Von Helmut Ploebst


EINLEITUNG

Am 16. September hat für mich die Saison 2011/12 begonnen, in der Wiener brut mit der Wiederkunft von Gini Müllers Stück Who shot the princess? Angesichts dieser Arbeit dachte ich, es wäre notwendig, noch ein paar Wochen zu warten, um herauszufinden, was passiert, wenn ich aus einer zeitlichen Distanz heraus Überlegungen zu einigen bis dahin gesehenen Arbeiten oder Kuratierungen aufzuschreiben beginne.

Das Format der Besprechung von Stücken lebt üblicherweise von seiner Aktualität. Diese Gesetzmäßigkeit ist mir schon seit Jahren verdächtig, denn sie trägt dazu bei, die performative Kunst zu sedimentieren: gespielt, gesehen, besprochen, Geschichte geworden. Die Information hat sich ins Kurzzeitgedächtnis eingeschrieben, und mit der Rezension wird sie eingeordnet, verfestigt und ausgeschrieben. „Aktualismus“ ist daher eine Form der Verdrängung.

Alle Medien müssen hier einem immer gleichen Schema folgen, das auf immer gleichen linearen Logiken aufgebaut ist. Das ist ein gerade noch Gewinn bringendes, hoch neoliberales Service für alle Beteiligten, und das anpassungsbesessene Kommunikationsgeschehen rund um die Kunst hat sich auch ganz darauf eingestellt. Ich halte das für äußerst beunruhigend und letztlich für ein Symptom einer pathogenen, also krankmachenden Unterforderung.

Seit dem Beginn dieser Saison sind zwei Monate vergangen, und ich habe als professioneller Rezipient in dieser Zeit doch einige Stücke gesehen. Mein Vorhaben, das an einem nicht linearen Zeitmodell orientiert ist, ist also zu einem ansehnlichen Monster geworden, das sich nur noch schwer fassen lässt, und es könnte definitv scheitern.

Diese Aussicht ist jetzt eine Herausforderung. Denn jede Besprechung ist die Übersetzung einer Lektüre (jener der Produzierenden) in eine andere Lektüre (jener der Rezipierenden). Mit der Zeit transformieren sich die Erinnerungen an die jeweils aktuelle Lektüre einer Arbeit. Die Unmittelbarkeit verflüchtigt sich, die Veränderungen haben einen längeren Prozess hinter sich. Was entsteht nun in der Produktion der zweiten, transaktuellen Form der Lektüre – jener für die LeserInnen eines Mediums? Ist es nur die Dokumentation eines Verlusts an Unmittelbarkeit oder schon eine Forensik am Körper der Erinnerungspolitik oder den Gespinsten der Lektüre?

Gegen eine systematische Vergessensproduktion

Ich werde die sich aus dem Verlauf dieser Investigation über die Vergegenwärtigung ergebenden Fragen ab und zu in die einzelnen Texte miteinbeziehen, in der Hoffnung, nicht an Relikten klebenzubleiben, sondern letztlich einige pathologische politische Aspekte einer „Kulturgesellschaft“ darzustellen, die sich in einem permanenten Zeitsturz befindet und darin die Kalkulation des Spektakels mit dem Vergessen – einer neurotischen Amnesie – miterfüllt. Ich werde Notizen und Unterlagen mit einbeziehen und hier im Sinn der Objektivierung des Geschriebenen ausnahmsweise einen subjektiven Schreibstil einsetzen.

Außerdem werde ich nicht chronologisch vorgehen, sondern eine Abfolge herstellen, die sich aus diskursiven Attraktoren speist, die in den besprochenen Arbeiten enthalten sind. Und jeder dieser Arbeiten wird eine eigene Textfläche zur Verfügung gestellt, um den Eindruck zu vermeiden, hier entstünde so etwas wie ein Essay.

Also beginne ich mit Meg Stuarts Violet, das ich am 14. Oktober im Tanzquartier Wien gesehen habe. Denn Stuart ist immer noch eine der hervorragendsten Choreografenpersönlichkeiten der Gegenwart. Vor 15 Jahren, im Herbst 1996, habe ich zum ersten Mal eine ihrer Arbeiten erlebt: das Improvisationsprojekt Crash Landing, das sie damals zusammen mit Christine De Smedt und David Hernandez in Leuven begonnen hat. Es war eine prägende Erfahrung.


(10./14.11.2011)