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Transsexy Katholenvögel

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GINI MÜLLER, SABINE MARTE & PETER KOZEK VERSPIELEN EINE VERWEISMASCHINE IM WIENER BRUT

Von Judith Staudinger


Eine liturgische Posse sollte der theatrale Kurzschluss des „schwulen, katholischen Kommunisten“ Pier Paolo Pasolini mit dem heiligen Franziskus werden, so kündigte man es - ganz großes Kino - im gesungenen Vorspann an. Die Bilder sollten tanzen, die Verweise fliegen und die Tiere sprechen lernen. Doch die „Trankatholischen Vögel“ von Gini Müller, Sabine Marte und Peter Kozek hatten sich derart viele Anspielungen und Zitate auf die Flügel geheftet, dass das Abheben unmöglich wurde. Und der Gastauftritt der Wiener Ikone Hermes Phettberg machte die Posse auch nicht heiterer.

Wie in Pasolinis Film „Große Vögel, kleine Vögel“ (1966), eine Meditation über die Stellung des Kleinbürgers zwischen Proletariat und katholischer Kirche, der den Ausgangspunkt der Multimedia-Performance bildet, gehen auch in den „Transkatholischen Vögeln“ zwei Gestalten (bei Pasolini Vater und Sohn, hier Müller und Kozek in zwillingshaftem Synchronlook als schwules Pärchen) ihres Weges und werden von einem Raben (Sabine Marte zur Videoanimation) gefragt, wohin er, der Weg, denn führe. Doch die Frage will ideologisch verstanden werden, denn des Raben Heimat ist die Ideologie - Kapitalstadt, Karl-Marx-Allee -, und die beiden Spaziergänger sollen zum Klassenbewusstsein verpflichtet werden. Doch alle Ideologie wird von dem glücklich Händchen haltenden Paar nur mit einem unbesonnen glucksenden Kichern quittiert. Im Moment lebend, wollen die beiden Wanderer nichts wissen vom Sinn des Lebens.

Wir haben die Theorie...

Für die surreale Pilgerreise wurde eine hölzerne Drehbühne gebaut, die das Zentrum des Bühnenbildes darstellt. Hinter ihr spannt sich eine große Leinwand auf, wo die wüste Ödnis eines Niemandslandes zwischen „Via Dolorosa“ und „Via Melancholia“ vorbeiwirbelt. Am Bühnenrand thront Hermes Phettberg als Beobachter der Szenerie in einer Ledersesselschaukel. Ihn dazu zu bitten war für die Vögel-Macher die Lösung auf die Frage, was sich heute noch mit Pasolinis filmischer Vorlage anfangen lässt. Phettberg und seine „Predigtdienste" fließen also in die Collage ein, und mit ihm auch das sadomasochistische Element.

„We've got the theory“, wissen Müller und Kozek, und wie der Ideologie-Rabe bei den Menschen das Leben sucht, scheinen sie im Theater die Realität zu ihrer Theorie probieren zu wollen. Das Spiel ist aber dermaßen überfrachtet mit - beziehungsweise besteht hauptsächlich aus - Namedropping großer Denker von Marx über Nancy, Virno und Hardt/Negri, dass die ebenfalls erkennbaren Theateransätze vom epischen bis zum armen Theater nicht wirklich entwickelt werden, auch wenn alles perfekt geprobt und gesetzt ist. „Hochangeregtes Palaver“, wie es das Programmheft richtig beschreibt, entspinnt sich, bleibt aber letztlich ein leeres Insidergeschäft.

...und Hermes wird gedreht

„Hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott“, spottet man im religiösen Teil der liturgischen Posse. Helmut Neundlinger tritt als heiliger Franziskus auf und fesselt die inzwischen zu Mönchen verwandelten Pilger. Spatzen und Falken werden bekehrt mit einem Heilsversprechen, auf das sie gerne verzichtet hätten, ein stolzer Adler wird zum Sprechen gebracht und die Utopie so weiter gesponnen, dass die Vision eines „Kommunismus des Kapitals im Namen der Liebe“ dabei herauskommt.

Bleibt noch Phettberg und der Sadomasochismus. „Ich suche einen lieben Sadomasochisten, der mich nimmt“, heißt es da. Sein Wunsch wird nicht erfüllt, jedoch dreht sich zum Schluss im wahrsten Sinne alles um seine Lust. Peitschenschläge werden dem gebrechlichen Prediger versprochen und dann doch vorenthalten, und letztendlich bindet man ihn nackt auf die Drehbühne, Hände und Füße weit gespreizt wie in da Vincis Körperstudie vom „Vitruvianischen Menschen“. Mit ein paar Ruten und Beißringen drapiert, wird der Holzkreis in Schwung gebracht.

Im besten Fall schwirrt einem als Zuschauer der Kopf von all den angerissenen Kontexten, ästhetischen und inhaltlichen Verweisen und Zitaten aus verschiedensten Epochen. Video, Musik und die performative Körperarbeit dieser als kollektiv beschriebenen Arbeit addieren sich zu einer Überfülle in verspielter Verkopftheit und brutaler Unterhaltung. Ein ästhetisches und intellektuelles Vergnügen, als welches Pasolinis „Große Vögel, kleine Vögel“ gilt, ist dem Gewirr aber nur schwer abzuringen, denn die ganzen Geister sind viel zu austauschbar und beliebig herbeigerufen. So dreht sich zum Schluss alles im Kreis, und die Ideologie-Katzen beißen sich in ihre Schwänze.


(16.10.2009)