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GEORG BLASCHKES "KÖRPER.BAUEN.STELLEN - TRIO VERSION" IM WIENER WUK
Von Benjamin Schoppmann
Das künstlerische Konzept der Trioversion von „körper.bauen.stellen“ des österreichischen Choreografen Georg Blaschke setzt zunächst am „gegebenen Raum“ an: dem Projektraum des Wiener WUK. Drei PerformerInnen kommen auf - den Raum - die Wände. Sie setzen an, legen Hand an - Wand - sich, Säulen, Bäuche, Beine, die Ecke, Boden oder Decke - Konstruktionsmerkmale unserer Gebäude oder Bauten. Man meint, die drei (Andrea Stotter, Heide Kinzelhofer und Blaschke selbst), arbeiten, rechnen, gegenrechnen zu sehen. Architektur sich anrechnen. TänzerInnen einstellend, umstellend, anstehend. Ecke, Knie, Knochen, Kopf. Aufstellend.
Mobile Reliefs. Angestellt zu er-innern. Oder einfach nur abzuwarten. Am Rand. Gedächtnis, Gebäude - Wand. Sie bauen auf Zeit. Arme und Schenkel strecken Winkel, schlüpfen in Winkel, kippen in Winkel, leben und arbeiten im Winkel, werden Winkel. Hände umarmen Wände, Wände umarmen die Ecke. Bäuche bleiben stecken. Drei Einbaukörper, verwinkelt. Kein Winken, kein Wink. Figuren verweilen. Manchmal im Viersekunden-Takt oder wie lang eben ein Gedächtnis oder seine Effekte für etwas oder etwas anderes oder das gleiche brauchen.
Sie setzen an - und setzen ab. Im Zuge, oder im Takt der Schwerkraft. Die verwirft ihre Pläne ins nächste Bild. Sie sinken, wie traumatisiert vom diesem Raum, in seine Geometrie, klappen zusammen, werden zu Komplementärkörpern. Sie raffen sich aber ebenso schnell wieder auf, als sei nichts gewesen, rechnen sich hoch in die nächste Position.
Neues Beispiel: andere Baustelle. Maßstäbe prüfen oder vergleichen, Maß nehmen oder geben, wieder, mit dem Körper. Bewegliches Maßband im Rechenbeispiel ohne Zahl. In Bewegung. Das geometrische Konstrukt des Raumes beziehungsweise seiner Teile wird choreographisch bezogen, der Bau auf den Körper-Bau zurück bezogen. Annäherung. Anwendung. Angewandte Mathematik. Körper an Räumlichkeit. Schenkel und Winkel. Stützen und Strukturen. Ableiten und übersetzen, ansetzen - Gedächtnis. Sie nehmen Stellungen ein oder an, kurzzeitig. Verschmelzen. Verlassen sich auf Verhältnisse, merken Distanzen.
Ihr spielerischer Umgang mit der Logik des Baus führt sie immer wieder in Zwangslagen, und so manche der von ihnen eingenommenen Positionen könnten dem empathischen Zuschauerauge Schmerzen bereiten. Doch die beharrliche Leidensbereitschaft der PerformerInnen erzeugt eine ungemeine Komik, lässt manche (Schmerz-)Grenze verschwinden.
Die Lust an der Bewegung spielt sich im Minimalen ab. Sie sinken in Winkel hinein - in Bilder - stellenweise entworfen. An die Wand, ins Licht (Peter Thalhamer), versteckt oder verfangen, bauen sie eine persönliche Beziehung auf, behausen bald eine Ecke, eine Kante, kleben an einer Säule, als weilten sie schon ihr halbes Leben dort.
Ein Bild. Terrarium. Traumzeit. Zunächst werden die behandelten Wände konkret, denn hier erhalten die Figuren ihre Form. Je länger aber ein Körper sich an einer Wand reibt, je tiefer sich ein Gesicht in einen Winkel drückt, desto fraglicher wird deren zementierte Gegebenheit. Die komischen Figuren beginnen mit ihrer weichen Beschaffenheit, die umarmten Wände zu transzendieren. Die TänzerInnen breiten nicht nur ihre Arme und Beine aus, sie breiten auch Phantasie aus, nicht nur ihre, und initiieren Projektionen imaginärer Fluchtlinien über den sichtbaren Raum hinaus. Und es scheint, als sei es eben diese Kraft unseres Vorstellungsvermögens, die die drei immer wieder im Zuge der Vorstellung aus der Trägheit ihres traumatischen Raumbezugs herauslöst und zu neuen oder angehaltenen Unternehmungen antreibt. Zur Arbeit mit und an einem Körper, der sich über seine räumliche konstruierte Bedingtheit hinauswünscht, sich über das Lokale erheben möchte, in der Arbeit an einem Orientierungswissen, einem Wissen, das sich zwar nur in Relation zu harten Gegebenheiten eines Ortes (sichtbar) aktualisiert, den verstellten Horizont aber dennoch beharrlich einzuvernehmen vermag. Fast wie an mehren Orten zugleich arbeitend, und doch im armseligen Jetzt verhaftet, präsentiert sich eine umzimmerte Körperlichkeit urbaner Subjektivität.
Dann bedeutet Raum, und vor allem die zeitgenössische Bühne, auch sozialer Raum. Das Trio spaltet sich nacheinander in drei Duette, die jeweils eine oder - zum Schluss - einen übrig lassen. An den Rand gedrängt. Das Duett ragt in den Raum hinein. Das Drama ist Projektion. (Musik von Stan Getz). Die Partner behandeln oder begegnen einander in ihrer Gegebenheit nicht anders als zuvor der Ecke oder der Wand, sogar weniger persönlich, weniger beharrlich. Funktional. Vielleicht transzendieren sie auch ihre Fassaden. Ihre Kleider. Die Zeit der Duette vergeht schnell. Sozialer Raum muss in einer anderen Zeit stattfinden als die Gedächtnisarchitektur des Einzelnen. Die PerformerInnen dieses Abends (und das Publikum) haben dem WUK-Projektraum ihre Zeit gewidmet und dabei die konkrete, imaginäre und eine soziale Architektur sichtbar gemacht.
(21.02.2009)
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