Unbekannt 8

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DIE KAMERA – GESCHICHTE(N) DER RAUMFAHRT

Von Martina Ruhsam und G.V.R.

TEIL 1

Jean-Luc Godard zog 1977 mit Anne-Marie Miéville nach Rolle. Er überließ seine Video- und 16mm-Filmausstattung einigen FilmstudentInnen in Grenoble. Da er über eine Rückkehr zum Kino nachdachte, nahm er sich vor, ein besseres Studio in Genf aufzubauen.

Der unabhängige Filmemacher Hellmuth Costard, den ein deutscher Kritiker „den kleinen Godard“ genannt hatte, entschied sich im Jahr 1977, einen Film zu drehen, der seine Versuche darstellte, finanzielle Förderungen für die Konstruktion eines Systems aus vier synchronisierten Super-8-Kameras zu bekommen.

Zur selben Zeit lud das Kulturgremium der Stadt Hamburg (Hellmuth Costard war ein Mitglied des Komitees) Godard ein, eine Retrospektive seiner Filme zu zeigen. Godard willigte ein, bei der Retrospektive in Hamburg anwesend zu sein, wenn die lokale Fernsehstation ihm einen Film finanzieren würde – entweder eine Episode von „Histoire du cinéma“ oder einen Film mit dem Titel „Ist es möglich, heute in Deutschland einen Film zu machen?“ Godard führte Verhandlungen mit den Beamten in Hamburg. Hellmuth Costard beschloss, diese Verhandlungen aufzuzeichnen. Godards Forderungen wurden letztlich alle zurückgewiesen. Hellmuth Costard integrierte die Aufzeichnungen der Verhandlungen in seinen Film, der noch im selben Jahr unter dem Titel „Der kleine Godard“ herauskam.

Am 5.Juni 1977 sah Jean-Luc Godard auf dem Weg zum Supermarkt einen großen Stapel gelber Zeitschriften auf einem Altpapiercontainer. Es schien, als hätte jemand beschlossen, die Magazine zu entsorgen, es im letzten Moment aber doch nicht übers Herz gebracht, sie in den Container zu werfen. Es handelte sich um 55 Ausgaben des „National Geographic“ aus den Jahren 1960 bis 1980. Möglicherweise hatten die Zeitschriften die letzten Jahre auf einem Dachboden oder in einem Keller verbracht – auf den Umschlägen klebten trockene Erde und Staub. Nach dem Reinigen der Hefte ließ sich auch der Untertitel der Zeitschriften wieder lesen: „Official Journal of the National Geographic Society Washington, D.C.“ Jean-Luc Godard archivierte alle Hefte in seiner Bibliothek.

Im Oktober 1977 wollte Jean-Luc Godard einen Fernsehfilm mit fünfzig 20-minütigen Episoden drehen. Die Schweizer Kulturkomission wünschte sich einen dramatischen Film von ihm, der auf einem fiktiven Stoff aufbaute. Godard erklärte, dass es in der Serie mit dem Titel „France tour détour deux enfants“ nur einen fiktiven Moment geben würde, der mit dem Vater und der Mutter der Kinder zu tun hätte. Obwohl Godard einen Dokumentarfilm über zwei Kinder drehen wollte, hatte er klare Vorstellungen darüber, was er dokumentieren wollte. Camille Virolleaud, das Mädchen im Film, fand im Herbst 1977 entsetzt heraus, dass sie keine Rolle, sondern in einem Dokumentarfilm über sie selbst spielte. Ihr Leben entsprach mehr oder weniger Godards Ideen und immer weniger ihrer bekannten Realität. Eine Szene, die in Camilles Schule gedreht wurde, zeigt, wie die Lehrerin Camilles sie auffordert, länger im Klassenzimmer zu bleiben und ihr dann zur Strafe befiehlt, den Satz „Ich darf während dem Unterricht nicht reden“ fünfzig Mal aufzuschreiben. Godard hatte die Lehrerin aufgefordert, ihr diese Strafaufgabe zu geben, obwohl die Lehrerin entgegenhielt, dass Camille nichts falsch gemacht hätte und noch nie in der Schule bestraft worden wäre. Camille wusste nichts davon. Für sie war die Strafe real und ungerecht.

Sie sagte später: „Ich habe mich geschämt, dass ich bestraft gezeigt wurde, obwohl ich nicht wurde. Er hat mich das tun lassen, es war nicht die Wahrheit, es war seine Wahrheit, aber in Bezug auf mich war es eine Lüge.“

 

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TEIL 2

Zu der Zeit, als Godard an dem „fiktiven Moment“ der Serie „France tour détour deux enfants“ arbeitete – er filmte Betty Berr und Albert Dray, die zwei Fernsehkommentatoren mit den Namen Betty und Albert spielten –, warf er einen Blick in eines der National Geographic-Hefte, die er Wochen zuvor in seine Bibliothek gebracht hatte. Er öffnete das Heft aus dem Jänner 1977 (Vol.151, Nr.1) mit den Themenschwerpunkten „Mars“ und „Kuba“, in dem sich zahlreiche Werbeinserate für Kameras und Fotoapparate befanden.

 

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Auf Seite drei las er einen Bericht über die neueste Methode, mittels derer die Farbtöne des Mars eingefangen werden könnten. Die echten Farben der Erde und des Himmels am Mars einzufangen, zählte zu den komplexesten photographischen Projekten, die bislang (1977) unternommen worden waren, wurde da erklärt. Bilder, die am Mars aufgenommen worden waren, wurden Bild für Bild auf die Erde gesendet und mittels Computer-gesteuerter Laserstrahlen wieder zu einem Bild rekombiniert. Die Farbskalen, die das Resultat davon waren, erinnerten ihn an das Fernseh-Testbild, das vor allem in Deutschland und Österreich gesendet wurde.

 

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Auf Seite 69 entdeckte Godard einen weiteren Artikel, in dem eine Kamera im Mittelpunkt stand. In einem ausführlichen Artikel über Kuba wurde beschrieben, was Fred Ward, ein amerikanischer Journalist, im Rahmen seiner 3-monatigen Kuba-Reise erlebt und gesehen hatte. Ein Reisevisum, das die Dauer der Kubaaufenthalte aller amerikanischen Journalisten, die in den Vorjahren in Kuba gewesen waren, überschritt, ermöglichte es ihm, zahlreiche Interviews zu führen. Zu den Höhepunkten der Reise zählte sein 6-stündiges Interview mit Fidel Castro, währenddessen er Castro eine Kamera als Geschenk überreichte. Fred Ward hatte Fidel Castro eine Polaroid-Kamera mitgebracht.

 

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Unter den Bildern stand: Architect of the new Cuba, Fidel Castro trades camera shots with the author, then gleefully studies the quick-developing image. It remains for history to record the final impact of „El Máximo Líder“.

Godard filmte „France tour détour deux enfants“ mit der damals neuesten verfügbaren Videotechnologie, mithilfe deren er die Gesten der Personen in der Serie mit wissenschaftlicher Präzision analysieren und zerlegen konnte. Er arbeitete mit den ersten Betacam-Packungen, mit denen einzelne Frames erfasst und manipuliert werden konnten, und entwickelte eine spezifische Slow-Motion-Methode – die mehrmalige Wiederholung einzelner Bilder als Freeze-Frames. Godard nannte diese Methode die „Dekomposition von Bewegung“.

Obwohl geplant war, dass „France tour détour deux enfants“ im Winter 1977 im französischen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte, dauerte der Schnitt bis 1978. Zu dieser Zeit wechselte das Management bei Antenne 2. Maurice Ulrich wurde der Nachfolger von Marcel Jullian. Ulrich hatte wenig Interesse an Godards Serie. Er nannte technische Schwierigkeiten als Begründung, um die Ausstrahlung endlos zu verschieben. Die Serie wurde schließlich 1979 bei einem Filmfestival in Rotterdam präsentiert. Kurz darauf wurde sie als 6-stündige Filmfassung im Centre Pompidou in Paris gezeigt. Auf das Filmscreening folgte eine Diskussion zu dem Thema „Verführung, Ausnutzung und Manipulation von Kindern“. Im französischen Fernsehen wurde die Serie erst 1980 ausgestrahlt.

„In France tour détour deux enfants, Godard brought together those who made 1968 and those who were made by it – philosophically as much as biologically.”[1] (Camille war 1968 geboren worden.)

 

[1] Richard Brody. Everything is Cinema. The Working Life of Jean-Luc Godard. Faber and Faber: London 2008.