Une chaise andalouse

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SABURO TESHIGAWARA GASTIERTE MIT SEINEM NEUEN STÜCK "OBSESSION - UN CHIEN A" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst


Ist es nicht gerade der Tanz, der uns immer wieder darauf aufmerksam macht, wie versesselt die westliche Kultur ist? Wie versessen diese Gesellschaft für stets ausreichende Bestuhlung zu sorgen hat, wie obsessiv das darauf Platz nehmen verfolgt wird, als gehe es um Sein oder Nichtsein. Die japanische Kultur dagegen verzichtete bis in jüngere Zeit auf dieses Sitzmöbel, das den europäischen Körper schon so lange diszipliniert. Der Sessel kann als individualisierte Version der Sitzbank, wie sie aus Kirchen und Bierzelten bekannt sind, als Fortschritt angesehen werden. Er ist jedermanns und -frau kleiner Thron. Nur Bettlern bleibt er weitgehend verwehrt.

Er ist unser, solange wir ihn besetzen: ein Vierbeiner mit einer Lehne anstelle eines Kopfs, ein Holzbeiner, der still hält, der seine Nutzer sich setzen läßt, sie ins Gesetz des Sitzens einbindet, was schon im Kindergarten durch den Stuhlkreis spielerisch gelehrt wird. Doch der Tanz zerrt die Tänzer frühzeitig von ihren Stühlen weg. Tänzer sitzen meist auf Böden herum, wenn sie nicht tanzen oder liegen oder sich dehnen. Durch diese Trennung vom Stuhl, die ja keine vollständige ist, sondern durch den Sesselalltag im Privatleben konterkariert wird, entsteht im Tänzer eine Art Fetischbeziehung: Der Sessel. Die Welt. Der Tanz. Der Körper. Wer bin ich?

Der beste Freund des Menschen

Nicht von ungefähr treten in Saburo Teshigawaras Stück mit dem Titel „Obsession - Un Chien A“ acht Sessel, aber nur zwei Menschen auf. Das zweite Substantiv im Titel bezeichnet ja einen Vierbeiner, den sogenannten besten Freund und Diener des Menschen. Wird hier also der Sessel als Hund interpretiert? Die acht Sessel bei Teshigawara arbeiten zwar im Gegensatz zu den beiden Figuren auf der Bühne nicht. Doch etwas Besonderes haben diese einfachen Möbel an sich: Sie leuchten. Im Gegensatz zu den beiden Tänzern, die beleuchtet werden müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Teshigawara ist besessen vom Licht. „Licht erzeugt den Körper. / Die Finsternis ist von Licht umhüllt. / Es gibt keine Finsternis. / Licht, Licht, Licht", schreibt er.

Der Film ist ein Lichtspiel, das zu Zeiten des Entstehens von „Un chien andalou“ (1929) noch in so genannten „Lichtspieltheatern“ aufgeführt wurde. Saburo Teshigawara verwendet einige Zitate aus dieser surrealistischen Arbeit von Luis Buñuel und Salvador Dalí - ohne dabei wirklich inspiriert zu wirken. Kein Wunder, denn im Film spielt der Sessel als Motiv eine untergeordnete Rolle: einmal sucht die Protagonistin Schutz hinter einem Sessel, ein andermal ist derselbe Sessel neben einem bigotten Eckensteher plaziert.

Die Tänzerin als Möbel des Begehrens

Nein, da hat Teshigawara etwas anderes thematisiert. Er, der als Japaner mit westlicher Tanztechnik arbeitet, arbeitet unbewußt das Trauma der Invasion der eigenen Kultur durch das okzidentale Gestühl ab. Der Stuhl stellt den Platz des Analytikers dar, das Liegebett jenen des Patienten. „Un chien andalou“ ist bekanntlich stark von der Psychoanalyse beeinflußt. Und in gut der Hälfte aller Tanzstücke treten Stühle auf, diese Symbole der Analyse von Gebresten des psychischen Körpers. Der Aufstand des Körpers gegen den rationalistischen Fetisch Sessel bleibt bei Teshigawara letztlich fruchtlos, gerade weil er die acht Sessel auch Leuchtkörper sein läßt.

Mit schaurig schöner Versessenheit tanzt Teshigawaras weiblicher Fetischkörper Rihoko Sato gegen den Stuhlgang des Zuschauerblicks an. Als bindenumwundenes kinetisches Möbel des Begehrens, das, zwanghaft in seine Gesten verstrickt, im Mastdarm der Black Box rumort und die Obsessionen, wie sie in „Un chien andalou“ dargestellt sind, tänzerisch aufbläht, bis am Ende der Applaus von den Stuhlreihen des Publikums her eine lautstarke Triebabfuhr bewirkt.


(24. 10. 2009)