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Das Werk ist das Zentrum oder
bzw. und die Lücke im Kommunikationsfeld Kunst. Es überträgt
sich entweder durch direkte Wahrnehmung oder bzw. und die
Reflexion seiner Perzeption in das kollektive Gedächtnis einer
Gesellschaft. Das Magische an Kunstwerken als Ereignissen ist der letzteren
Potential, sich als Gerüchte - also Gespenster - in die Wissensspeicher
verschiedener Öffentlichkeiten einzuspeisen. „Historische“ Arbeiten aus
Tanz und Choreografie, aus der Live-Kunst und Performance, können
überhaupt nur in dieser Form reflektiert werden - auch wenn sie in
Laufbildnotaten (Film oder Video) „festgehalten“ sind. Das abwesende
Kunstwerk ist das Objekt, und allerlei Zeugnisse darüber respektive
Relikte davon bilden das Material für die Tatort- beziehungsweise -hergangsrekonstruktionen der Tanz- und Performancegeschichtler.
Der österreichische bildende, Performance- und Plakatkünstler sowie
Bibliothekar einer „Bibliothek ungelesener Bücher" Julius Deutschbauer
ist Experte in der Ausleuchtung von Weggeblendetem. Für corpus spielt
er ab nun regelmäßig die Rolle des Zeugen, der aus seiner Abwesenheit
Zeugnis über künstlerische Hergänge gibt, der seine Vorstellung über
Vorstellungen mitteilt und sich so mit all jenen verbindet, die etwas
über Dinge wissen, die sie nie erlebt haben.
Schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe
THE FORSYTHE COMPANY: "HETEROTOPIA" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Julius Deutschbauer
Wie könnte ich mich dem „Heterotopia“ der „Forsythe Company“ wohl anders einfühlen und anempfinden, als indem ich diese Aufführung versäumte, zu Hause bliebe oder höchstens zur Afterparty ins Tanzquartier ginge? Was ich dann auch tat. Aber die Urerfahrung, die mir William Forsythe und seine Truppe geboten hätte, ist verloren. Oder doch nicht ganz. Die Afterparty bot noch einen Abglanz der Aufführung, auch wenn der heterotopische Urschrei einem Urknurren in der Magengegend gewichen war. Ja, Tanzen macht hungrig.
Das Unbewusste erfolgreich ent-deckt, sein Schatz an ewigen Bildern glücklich gehoben, Forsythes Bewegungspsychologie - wohl nicht die allerjüngste der Erfahrungswissenschaften - ins 21. Jahrhundert gerettet, wie das Programmheft vollmundig kündet.
Wenn mein Sohn nicht vierzehn sondern vier wäre, wäre ich auch hingegangen, mit ihm natürlich, denn so eine Urerfahrung einschl. Urschrei, wie Forsythe sie anbietet, soll jedes Kind einmal machen. Wie gesagt, er ist vierzehn und nicht vier, so ist es mir und ihm erspart geblieben, dass mir und ihm das Wunder- und Furchtbare der Urerfahrung durch die „Forsythe Company“ geschah. Dieser Kelch voll rettenden Heiltranks, gebraut aus der Psychologie des 19., dem Ballett des 20. und einem Rest Übernatürlichen des 21. Jahrhundert, ist an mir vorübergegangen.
Mir kann nicht geholfen werden beim fatalen Einbruch archetypischer Bilder. Ich fürchte meiner eigenen Zerreißung entgegen. Kein Tänzer, der sich für mich fürchtete, keine Tänzerin, die sich an meiner Statt zerrisse. Wieder sitze ich zwischen allen Bühnen, und alles nur, weil ich schon wieder eine Aufführung der „Forsythe Company“ nicht gesehen habe. Ich versinke in eine letzte Tiefe: ad instar voluntariae mortis.
„Ich wandle durch Glauben und nicht durch Schauen.“ (2. Korinther 5,7) Ich wandle im Glauben, dass ich Heterotopia geschaut habe, ohne zwischen Bühnen gewandelt zu sein. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Spiegelung, sondern um eine autonome Schau jener Aufführung, die ich nicht gesehen habe. Die Maske des Unbewussten ist bekanntlich nicht starr. Ich kompensiere, indem ich rezensiere, was ich nicht gesehen habe. Die Handlungen der Aufführung können nie so befremdlich sein wie eine solche Rezension, die einzig reine Rezension, weil ohne Anschauung.
Ich blieb an mein sublunares Zimmer in meiner sublunaren Wohnung geheftet, wie wenn es sich um einen Bannspruch im dreieinigen Namen eines dreieinigen Tanzgottes gehandelt hätte, während William Forsythe als glossolalierender Magier, Arzt, Priester, Lehrer, Professor, „alter Weiser“ oder als irgendeine andere Person, die Autorität besitzt, sein Publikum bezaubert. Aber keine Sorge, Julius, nächstes Pfingsten kommt bestimmt!
(3.2.2008)
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