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"KONTAKTHOF" VON PINA BAUSCH IM TANZQUARTIER WIEN. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE
Von Julius Deutschbauer
27.
und 28. Februar 2010, 20.30 Uhr, TQW / Halle E: TANZTHEATER WUPPERTAL
PINA BAUSCH (D), „KONTAKTHOF - Mit Teenagern ab ,14‘ - Ein Stück von
Pina Bausch“, ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG. In Kooperation mit
dem Tanzfestival SZENE BUNTE WÄHNE.
Inszenierung und Choreografie: Pina
Bausch, Bühne und Kostüme: Rolf Borzik, Mitarbeit: Rolf Borzik, Marion
Cito, Hans Pop, Probenleitung und Einstudierung: Bénédicte Billiet,
Josephine Ann Endicott, Kostüme nach dem Entwurf von Rolf Borzik:
Marion Cito, Kostümassistenz: Svea Kossak, Musik: Charlie Chaplin,
Anton Karas, Juan Llossas, Nino Rota, Jean Sibelius u.a., Technische
Leitung: Manfred Marczewski, Licht: Jo Verlei, Ton: Karsten Fischer,
Technik: Martin Winterscheidt, Verfolger: Kerstin Hardt, Garderobe:
Marika Müller, Birgit Stössel, Harald Boll, Maske: Roswitha Sewing,
Inspizienz: Felicitas Willems.
Das Ziel dieser Kritik ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit. Ich bin nur ein kleinlicher Tanzkabinetter, der erst spät damit anfing, Worte in Bewegung, in Tanz umzusetzen. Diese Bewegung reicht immer noch nicht hin, mich aus meinem Kabinett ins große Tanzquartier / Halle E zu bewegen. Aber wenn ich mich bewegte, erwarteten mich jugendliche Medien mit Dampf in den Herzen. Ob ich nicht im ersten Moment erstreckend zurückschreckte? Aber schon in der nächsten Minute erstaunte ich über den reichen Inhalt dieses Tanzes, über die Wärme dieser Quelle elementarer menschlicher Gefühle. Das ganze geistige Universum eines Kontakthofs zersprengte vor mir in zahlenlose quecksilberne Punkte von Tanzschritten, welche blinkten, flössen, irrten, zusammen- und auseinanderflöhen.
Niemand wäre im Kontakthof so sehr allein als ein Tanzleugner wie ich - er trauerte mit verwaistem Herzen über ein Tanztheater, das die größte Mutter verloren. Doch ihr Geist regt sich und hält zusammen und wächst noch am und im Grabe. Die ganze Welt des Tanzes „ruht vor ihr wie die große, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.“ (Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei, in: „Siebenkäs“)
Ich verstelle mich und schleiche...
Und ich trauere so lange, bis ich selber abbröckle als und von der Leiche. Also lausche ich andächtig der „Rede der toten Pina vom Weltgebäude herab, dass kein Tanz mehr sei“. Ich verstelle mich und kleide mich in andere Kleider und Frisuren und suche den Kontakthof auf zu dem Zweck, in Kontakt zu kommen mit Pina Bausch, begehre Kontakt zu einem Medium, einem Geistermedium, damit es mich kontaktiere, schließlich sind Rolf Borzik, Marion Cito, Hans Pop, Bénédicte Billiet, Josephine Ann Endicott, Marion Cito, Svea Kossak, Manfred Marczewski, Jo Verlei, Karsten Fischer, Martin Winterscheidt, Kerstin Hardt, Marika Müller, Birgit Stössel, Harald Boll, Roswitha Sewing, Felicitas Willems als MeisterInnen für ihr Geschick im Verkehr mit Geistern weithin bekannt. Also schleiche ich in den Kontakthof, um sie zu befragen. So ein Angebot gab es noch nie, dass das TQW Kontakte zur anderen Welt anbietet, eine Verwandlung des Ich ins Du, ins Er, ins Ihr und Sie, sich dort zu verlieren im Nichts einer mit Nebeln bedeckten Welt, einzubüßen die gegenwärtige, einschließlich der Sonne, in den Tiefen der Halle E.
Und ich sage zu den oben Genannten: „Wahrsagt mir bitte durch Verkehr mit Geistern und bringet mir herauf, die ich euch bezeichnen will.“ Sofort antwortet Bénédicte Billiet: „Wen sollen wir dir heraufbringen?“ Hierauf sage ich: „Bring mir Pina herauf.“ Sobald die Medien aus Wuppertal Pina erkennen, beginnen sie allesamt mit lautester Stimme zu schreien; und Bénédicte Billiet spricht weiter zu mir: „Warum hast du uns hintergangen, da du Deutschbauer bist und selbst gar nicht hier sein dürftest, um über uns zu berichten?“ Ich aber sage: „Fürchtet euch nicht, ich bin inkognito hier. - Doch berichtet, was seht ihr?“ Und die Bénédicte Billiet spricht weiter zu mir: „Eine Göttin sehe ich aus der Erde heraufkommen“, worauf Rolf Borzik ihr ins Wort fällt: „Es ist eine Frau, die heraufkommt, und sie hat sich mit einem ärmellosen Obergewand bedeckt.“
Sofort erkenne ich, dass es Pina ist und beuge mich mit meinem Angesicht tief zur Erde nieder. Und Pina beginnt zu mir zu sprechen: „Warum hast du mich beunruhigt, indem du mich heraufbringen lässt?“ Darauf sage ich: „Ich bin in großer Bedrängnis, da Tanz und Bewegung von mir und Wien gewichen und weder Tanzlehrer noch Bewegungstherapeut mir antwortet, weder durch die Propheten noch durch Träume oder sonstige Kundgebungen, so dass ich dich rufen ließ, damit du mich wissen lässt, was ich tun soll.“ Und Pina weiter: „Warum fragst du mich denn und nicht jenen, der da selbst von dir gewichen und sich dir als Widerstandleistender erweist?“ Dunkle Wolken ballen sich zusammen. Donner grollen. Pina stimmt murmelnd aus dem Untergrund mit ein. Schwere Regentropfen prasseln vom Himmel. Sie haben sich dazu verschworen, Liebe und Tanz auszulöschen, Feindschaft zu sähen. Pina bildet Wolken nach, lenkt einen Blitz, choreografiert Feuer, Fieber und Magenbeschwerden.
Es hat beinahe etwas Gewaltsames
Im Kontakthof, diesem Vorhof nach oben, muss ich wieder mal erfahren: ich zeige ein viel zu großes Interesse an Geistern und diese an mir. Ich bin fast süchtig nach Berichten und Mitteilungen aus dem Geisterreich, nach übersinnlichen Quellen, aus denen ich Träume eines Geistersehers beziehen könnte.
Opportunistisch versuche ich mit prominenten Geistern in Verbindung zu treten, sie rumzukriegen. Kriecherisch erflehe ich ihren Rat. Sie spielen mir Streiche. Nun werfe ich ihnen mich als Knochen hin, um ihren Zorn zu besänftigen. Sie belegen mich mit einem Bannspruch. Sie lassen verstockt werden. Sie lassen Blut und eine Wasserflut und Feuer über mich kommen. Sie halten mich in einem erniedrigten Zustand. Meine Haut verätzt, und meine Kleider liegen lose. Mein Körper hat schon begonnen zu verwesen. Mittels eines Fingerzeigs erhalte ich eine Flüssigkeit, mit der ich täglich mein sich zusehends verkraterndes Gesicht einreibe, ich stecke mir eine Wurzel in den Arsch und lege eine Pille aus Dung unter meine Zunge.
Plötzlich bilde ich mir ein, ich könne Literatur in Französisch schreiben. Nachts beginne ich nach berührenden Geräuschen zu hören. Ich nehme bestimmte Gegenstände und lasse diese Gegenstände absichtlich auf dem Weg liegen. Häufig spüre ich im Bett die Gegenwart einer Person. Es hat beinahe etwas Gewaltsames. Bier wird gereicht. Ich nehme eine Packung Lehm und Kräuter und bringe Gegenstände, einen Stein und einen alten Lumpen, ein Hähnchen, eine Ziege, einen Vogel und ein anderes Tier zum Vorschein. Obwohl ich noch schlafe, gehe ich nach draußen und komme zu einem Wassergraben.
Durch Kontakthof - das neue Service „Kontakthof“ des TQW - halte ich Verbindung, erhalte ich Botschaften, beginne ich Stimmen zu hören. Von Zeit zu Zeit sehe ich plötzlich eine Gestalt.
Durch das Kontaktservice des Tanzquartiers habe ich die Geisterwelt nun wirklich kennengelernt, Pina und ihre himmlischen Scharen. Sie haben mir eine deutliche Botschaft zukommen lassen, bis auf unabsehbare Zeit. Es fiel mir nicht schwer, mich zu verstellen und vorzugeben, ihrer Geister Bekannter zu sein.
Die Geister fordern mich auf, nach Hause zu gehen, zu Hause geblieben zu sein und bin ich erst zu Hause, mag ich gar nicht fort gewesen sein. Ich schlafe gewissermaßen. Hauptsache, das Kontaktservice „Kontakthof“ zu himmlischen Örtern werde als wahrhaftig erfunden.
(27.2.2010)
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