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Ungesehene Aufführungen (3)

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Schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe

GOD'S ENTERTAINMENT: "EUROPA - SCHÖN, DASS SIE HIER SIND!" BEI FREISCHWIMMER 08 IM WIENER BRUT

Von Julius Deutschbauer

 

Jeder Ort genießt dasselbe Recht. So beginnt die Bewegung nach unten schon mit der Idee seiner Eröffnung. Nach unten mit den Innenseiten nach außen, kopfüber, einfach umwerfend, herumdrehend, das Oberste zu unterst kehrend, den Hintern an die Stelle des Gesichts setzend, Därme statt Tafelspitz, und das alles sowohl im konkret-topographischen als auch im metaphorischen Sinn.

Von dieser Bewegung nach unten werden gleich alle Motive, alle zentralen Episoden, alle Metaphern und Vergleiche erfasst. Alle singen das Lob auf das Innere, auf das Untere, und ich nicht dabei. Und dazu Wein und Bier und was noch alles. Ach, würd’ ich mir gern die Eingeweide damit putzen. Was verschlungen wird, verschlingt. Jede/r hat das Gefühl, eine große Kraft zöge ihn in den Mittelpunkt, in das Innerste, das Innerste Europas. Wir wollen uns gemeinschaftlich die Därme herausholen. Wir ohne mich!

Das brut im Konzerthaus bildet in diesem Moment das Zentrum Europas, den Ort, wo oben und unten ineinander übergehen. Die Schaukel, das Spiel mit oben und unten, schwingt in diesem Bild sehr eindrucksvoll. Alle nehmen sich an den Händen oder sonst wo, verbinden und mischen sich. Ja, God's Entertainment verbinden. God's Entertainment sind lieb. Wo die größten Reichtümer und jenes Neue sich verbergen, worüber die Philosophen und Politologen noch nicht schreiben, wo Höchst und Tiefst  in einem Rausch ineinander überfließen, dort wird die Neue Lieblichkeit geboren, gestaltet sich die Neue Lieblichkeit als eine politische Kunst, die sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzt.

Nur zu schade, dass ich all das nicht wirklich genießen kann. Bei God's Entertainments Party ist jeder willkommen, nur ich nicht. Während um Godsentertainmentswillen an gemeinsamen Räuschen gearbeitet wird, fehlt es mir hinten und vorne, oben und unten an Identifikationsangeboten, welcher Art auch immer. Identifiziert muss werden. Genuss muss sein! Nur zu schade, dass ich all dem entsagen muss. Nur zu schade, dass ich bei der Geburt einer taufrischen Kunstrichtung, der Neuen Lieblichkeit, nicht dabei sein kann. Warum nicht? Meine Triglyceride! 3169 statt 50 - 150. Mein Cholesterin! 535 statt 50 -200. Meine Lymphozyten! 58,9 statt 20 - 40. Mein Gamma - GT! 55 statt 0 - 28. Meine Gicht! Gicht und Syphilis werden die „heiteren Krankheiten“ genannt, die durch übermäßigen Genuss von Speisen und Alkohol und durch sexuelle Ausschweifungen entstehen.

Hoch die Neue Lieblichkeit! Mein Blut verdickt sich zur Gallerte. Hoch meine Hypertriglyceridämie! Hoch meine Hypercholesterinämie! Hoch meine Hypertonie! Hoch die Hypereuropäisierung, auch wenn’s eh kritisch gemeint ist. Eh lieb! Gott ist tot, aber auch lieb. Und der Himmel ist leer. Sie glauben bestimmt an den lieben toten Gott, die lieben God's Entertainer. Nur ist bei ihnen der Himmel nicht leer. Er hängt voller Flaschen, und ich meine damit nicht an das Publikum. Und ich - ich habe mir diese Aufführung ja nicht angesehen.

Aber all den guten Jungs, die gerade ihr Theologiestudium abgebrochen zu haben scheinen und den freundlichen Frauen, die eben erst der Haushaltsschule entronnen zu sein scheinen - das ist es wohl, was diese Truppe zusammenschweißt - sei am Schluss noch ein Rezept ans Herz gelegt, für die nächste Party: Kutteln, Zwiebel, Petersilienwurzeln, gespaltene Ochsenfüße, Kräuter, Lorbeerblätter, Salz, Pfeffer,  Gewürznelken, klein geschnittenes Suppengemüse, Öl, Weinbrand oder Calvados, eventuell Champagner, eventuell Mehl.
Dies ergibt ein sehr typisches Gericht, allerdings mit einer sehr langen Kochzeit. Ihr könnt aber auch vorgegarte Kutteln kaufen.

Kutteln waschen. Mit kochendem Wasser überbrühen. Abtropfen lassen. Die Zwiebel schälen. Die Petersilienwurzeln putzen. Die Kutteln in 5 cm lange, schmale Streifen schneiden. Die Streifen mit den Ochsenfüßen, den Kräutern, den Lorbeerblättern, dem Salz, dem Pfeffer, den Nelken, dem Suppengemüse, den Zwiebeln und den Petersilienwurzeln in einen Suppentopf schichten. Das Öl und danach den Weinbrand oder Calvados, eventuell Champagner darüber gießen und alles mit Wasser bedecken. Den Topf hermetisch verschließen. Die Kutteln bei mittlerer Hitze zum Wallen bringen und dann im mäßig heißen Ofen mehrere Stunden kochen. Am besten stellt ihr sie über Nacht, 10 bis 12 Stunden, in den Ofen. Die Kutteln sind gar, wenn sie sich leicht durchdrücken lassen. Die Flüssigkeit soll um etwa die Hälfte eingekocht sein. Als Beilage reichen Kartoffeln oder Weißbrot und als Getränk passt ein  leichter Rotwein, nein, ein weißer Hermitage von der Côtes-du-Rhône. Dann gleich ein Cidre brut oder Bier. Ach macht, was ihr wollt!

(14.4.2008)