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Ungesehene Aufführungen (6)

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LOLA ARIAS & STEFAN KAEGI, "AIRPORT KIDS": SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE

Von Julius Deutschbauer


Dieses Mal wurde ich mehrfach aufgefordert, ermuntert, eingeladen, mit Freikarte bedroht, erinnert, mir die Airport Kids von Lola Arias und Stefan Kaegi anzusehen. Jedes Mal konnte ich ruhigen Gewissens - denn diesen Kaegi muss man gesehen haben! - entgegnen: „Tut mir wirklich leid, ich kann mir die Aufführung nicht ansehen, ich schreibe über sie. Leider!“ Noch einmal Glück gehabt. Ich glaube, ich habe mir diese Kolumne überhaupt nur ausgedacht, um mir bald gar nichts mehr ansehen zu müssen. So ist es mir schon gelungen, eine Aufführung eines Stücks von mir selbst zu verpassen: ich schrieb darüber. Wenn ich mir dann doch mal was ansehe, werde ich sofort mit meinem herzlichen „Julius, du schreibst gar nicht?“ begrüßt. Heute schreibe ich, um zu entgehen.

Schon bei den letzten Festwochen habe ich mit der gleichen Ausflucht: „Ich schreibe darüber“ Breaking News von Rimini Protokoll versäumt, dann aber doch nicht darüber geschrieben. Eine ganze Woche habe ich dazu gebraucht, um mich durchzuringen, diese Aufführung nicht gesehen zu haben. Ja, so lange braucht man, eine Aufführung von Rimini Protokoll nicht gesehen zu haben. Wie oft habe ich wohl inzwischen diese Aufführung nicht gesehen? Gewiss öfter, als diese aufgeführt wurde. Kann man eine Aufführung denn überhaupt oft genug nicht gesehen haben? Oft genug? Seit wann? Was wäre aus mir geworden, wenn ich sie gesehen hätte? Ja, wenn ich sie gesehen hätte, was würde das besagen? Bin ich denn Herr darüber, was ich sehe? Und wenn ich sie gesehen hätte, gäbe es ein Mittel, diese wieder aus meinem Gedächtnis zu löschen? Wie sollte ich beweisen können, dass ich diese Aufführung nicht gesehen habe?

Heute brauche ich mir alle diese Fragen nicht zu stellen: Ich schreibe, um noch einmal dem neurolinguistischen Theater von Kaegi zu entgehen. Noch einmal dem neurolinguistischen Theater von Kaegi entgangen! Vielleicht ein letztes Mal, denn vor diesem Theater gibt es kein Entrinnen. Jeder muss einmal vor dem Theaterstuhl Kaegis stehen. Sei es auf der Straße, bei der mühevollen Arbeit, in Gefängnissen, unter echten Schlägen, dem echten Tode nahe, auf Reisen, auf Flüssen, unter echten Wegelagerern, in der Stadt, in der Wildnis, auf dem Meer, unter falschen Freunden.

Wieder versäume ich, wie es Stefan Kaegi gelingt, „Rapport herzustellen“, d.h. sich in Körperhaltung, Stimmlage und Wortwahl an den anderen anzugleichen, diesmal sind es keine Eisenbahnmodellspieler, keine LKW-Fahrer, nein auch keine Migranten - alle wie immer mit Echtheitszertifikat! -, sondern Airport Kids, alle geprüft gefühlsecht. Ihm kommt da kein falsches Kind unter, wie auch kein falscher Eisenbahnmodellbauer oder ein falscher LKW-Fahrer, nein, was Falsches kommt dem Kaegi nicht unter, niemals. Am NLT Kaegis ist immer alles echt: alles echte Experten, behördlich examiniert und mit Zertifikat (NLT Echtheitssiegel) versehen. Da möchte doch jeder ein „NLTler“ sein mit NLT Echtheitssiegel.

Auch ich sehe mich in dieser Vorstellung geankert, obwohl ich gar nicht in der Vorstellung bin. Stefan Kaegi und einer seiner Mitstreiter sind in meiner Wohnung. Wie kamen sie hier rein? Jetzt drückt mir Kaegi die rechte Schulter. „Auch Du bist Experte, denke daran!“ Ich sinke selig in meinen Schreibtischstuhl zurück. Endlich auch ich Teilhaber an der expertistischen Substanz dieser Welt. Diese hat nun ihren festen Platz auch in meinem Alltag. Nach allen Seiten offen, bin ich nur froh, dass ich gerettet bin, dass ich dieses nicht mehr verlieren kann, wenn ich wirklich die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende fest bewahre.

Mein Telefon reißt mich aus solchen Betrachtungen. Mein Sohn. Ich hatte ihm erzählt, dass ich in Echtzeit, während er in „Airport Kids“ ist, darüber schreibe. Er meint kurz: „Schreib gut drüber!“ und nach einer kleinen Pause: „Musst jetzt wieder alles umschreiben?“
Ja, der Weg zum echten Experten des Ungesehenen ist ein steiniger.


(11.01.2009)