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Ungesehene Aufführungen (9)

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“NIEUWZWART” VON WIM VANDEKEYBUS BEI IMPULSTANZ 09. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.

Von Julius Deutschbauer


Dass Jugendliche zu Akne neigen, ist bekannt, aber dass ich davon betroffen sein soll, lässt sich nicht auf einen steigenden Androgenspiegel in meinem jugendlichen Körper zurückführen. Meine Hautärztin Herta Klade lachte laut auf, als ich mit entzündlichen Hautfälschungen im Gesicht vor sie trat, begleitet von dem Ausruf: „Na, Herr Deutschbauer, in Zukunft werden Sie auf Ihren Plakaten wohl nicht mehr so schön aussehen!“ und diagnostizierte eine so genannte Acne rosacea, auch Kupferrose genannt.

Seither tanzen lila-rote Erscheinungen über mein Gesicht und meine Finger vollführen einen regelrechten Ausdruckstanz mit ihnen, der dem rasanten und angriffslustigen Tanzstil Wim Vandekeybus’ und seiner neuen Gruppe von sieben jungen TänzerInnen um nichts nachsteht. Eine schnell auftretende Gesichtsrötung „flusht“ über mein Gesicht und verschwindet wieder. Schon treten zarte Gefäßerweiterungen an Nase und Wangen hinzu, welche nun nicht mehr verschwinden, sondern sich auf das gesamte Gesicht ausbreiten, begleitet vom Erscheinen von entzündlichen Papeln und Pusteln, Teleangiektasien, und roten Knötchen mit winzigen Eiteransammlungen an ihrer Oberfläche. Meine Nase wird höckrig, unförmig und von schwammiger Konsistenz. Meine Hände tanzen auf ihr den berühmten Rozazzea.

Wichtig: Dieser Tanz kann in jedem Stadium sistiert, einzelne Stadien können auch übersprungen werden, mittels verschiedenster Formen von Körperlichkeit, gefährlichster Leidenschaften und Transformationen allein des Gesichts. Auf den ersten Blick ist es zwar keine notwendige Folge oder logische Notwendigkeit, sich auf thematische Vorgaben wie Widerstand und Veränderung, Destruktion und Evolution einzulassen, aber die Sache ist keineswegs von durchschlagender Klarheit; im Gegenteil scheint sie dem natürlichen Gang von Ursache und Wirkung entgegengesetzt zu sein.

Existenzielle Spannung

Wie ein Bächlein kalten Wassers, das durch meine Eingeweide sickert, muss der ambivalente Umgang mit dem Dasein in unserer Gegenwart eine existenzielle Spannung erzeugen. In dieser schwimmt „nieuwZwart“, und winkt den sieben TänzerInnen, ihr zu folgen - sie tauchen gerade in die Mitte der Strömung. Die Phantasie sitzt sinnend am Ufer, wo ich, die Ecke eines Taschentuchs in Retinsäure getränkt, es mit der einen Hand an meine Knollennase, auch Rhinophym genannt, halte, die andere in den Hosensack.

Meine Hände, wie ein Mühlrad herumgetrieben, haben mein Gesicht inzwischen abgeschliffen und meine Nase seiner natürlichen Gestalt beraubt. Jetzt bin ich endlich blind - die Akne rosacea hat meine Netzhaut aufgefressen - und kann keinen Tanz mehr sehen, den ich eh noch nie sehen konnte. So kann ich mir jegliches Tanzfestival geben, mit oder ohne Impuls. Und wenn ich nicht, was mich betrifft, bereits tot wäre, so wäre ich entschlossen, meinen Lebtag lang keine andere Tanzaufführung anzusehen als meine eigne, die meiner Hände auf meinem Gesicht.


(15.8.2009)