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Ungesehene Aufführungen (11)

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"TOD IN THEBEN" VON ANGELA RICHTER BEI DEN SALZBURGER FESTSPIELEN. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE

Von Julius Deutschbauer




11. – 14. August, 20:00 Uhr, republic; Young Directors Project  „Jon Fosse • Tod in Theben“. Regie: Angela Richter, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Steffi Bruhn, Strickobjekte: Brigitta Pöcksteiner, Dramaturgie: Jens Dietrich, Musik: Dirk von Lowtzow / Tocotronic, Video: Philipp Haupt, Licht: Carsten Sander, Produktionsleitung: Andrea Tietz; BESETZUNG: Yuri Englert, Ödipus, Haimon / Sarah Franke, Ismene, Bote, Wache / Dietrich Kuhlbrodt, Alter Mann / Eva Löbau, Teiresias, Antigone, Der Hirte / Ingolf Müller-Beck, Kreon / Oana Solomon, Iokaste / Christoph Theußl, Chor, Polyneikes

Angela Richter lässt uns ein Licht aufgehen. Zuerst eins, dann zwei, dann drei, dann vier… Die Regisseurin lässt Hitler in einer Lichtinstallation von 2000 Glühbirnen erscheinen. Der Krieg ist verloren. Deutschland zerstört. Hitler gibt eine letzte Pressekonferenz. Im Führerbunker. Yuri Engert gibt einen gnadenlos unbelehrbaren Hitler, Ingolf Müller-Beck, Eva Löbau und Christoph Theußl sind als Journalisten vor allem fassungslos. - Herr Hitler, wie ist das Wetter hier unten? - 2000 Glühbirnen. 2000 Fragen.
- Herr Hitler, wo befinden wir uns gerade? - Gibt es ein Mittel, so zu tun, als gäbe es das alles gar nicht? - Wie sind Sie überhaupt hierher gekommen? - Könnten Sie in Deutschland verloren gehen? - Warum runzeln Sie nicht die Brauen? - Was für eine Arbeit vernachlässigen Sie gerade, um mit uns über Deutschland zu sprechen? - Gibt Ihnen dieser Bunker das Gefühl der Geborgenheit? - Sind Sie sich immer gut bekommen? - Welche Bruchstücke von Sätzen fallen Ihnen zu sich selbst ein? - Machen Sie sich noch etwas aus sich? - Macht Ihnen Ihre Niederlage zu schaffen? - Worüber denken Sie nach? - Was wünschen oder erwarten Sie von echten Deutschen? - Gibt es noch irgendeine Verständigung zwischen Ihnen und dem Rest von Deutschland? - Wozu könnte ein solches Gespräch führen, außer vielleicht zu einer letzten Mahlzeit?

Die subtilste List dieses listenreichen Fragekatalogs ist sozusagen technischer Art. Die Technik ist hier wie die Fabel einer Moral, die sich erst entzieht, dann aber durch eine kühne Metalepse jäh vom Heterodiegetischen zum Autodiegetischen überwechselt, und diese zwei Instanzen verschmelzen zur großen Freude eines Dritten - des Publikums. Aber das ist in diesem Fall bloß ein Eindringling. Denn der Adressat von Angela Richters Fragenkatalog ist die Frage selbst.

Immer wieder gelingt es ihr, die textliche Vorlage von Jan Fosse nach all den Umwegen aufzugreifen, den Hypotext durch ihren Hypertext durchscheinen, ja aufsteigen zu lassen. Der Held des Stücks ist die Frage selbst, in Form, fast hätte ich gesagt, einer inkarnierten Hyperbel.
- Herr Hitler, Sind wir Ihnen lästig? - Was wird aus Ihnen, wenn es Deutschland nicht mehr gibt? - Was wird aus Deutschland, wenn es Sie nicht mehr gibt? - Was reizt Sie jetzt noch an Deutschland? - Ist Deutschland ein Ort des Verbrechens? - Ein Urlaubsort? - Könnten Sie sich einen Urlaub in einem besetzten Deutschland vorstellen? - Welche Gesellschaft fänden Sie in einem Deutschland ohne Sie vor? - Gibt es von Deutschland, wie Sie es hinterlassen eine Ansichtspostkarte? Wie sieht die aus? - Was haben Sie heute gegessen? - Macht Ihnen Deutschland zu schaffen? - Welche Schimpfworte fallen Ihnen zu Deutschland ein? - Wie kompensieren Sie die Niederlage Deutschlands? - Gibt es einen Trostspender? - Könnten Sie ein Portrait Deutschlands ohne Hitler entwerfen? - Welche Gründe können Sie für die Abschaffung Deutschlands anbieten?

Die Zwangsläufigkeit der Fragen zwingt die Hauptfigur, nach neuen Spielräumen zu suchen. Aber es gibt keinen Spielraum mehr, nur noch die nüchterne Gewissheit der Katastrophe. Angela Richter setzt in ihrer Inszenierung ihre Wiedergänger einer größtmöglichen räumlichen Enge aus, einem Hasard aus Licht und Dunkel.
- Herr Hitler, schwebte Ihnen all die Zeit nie eine Annullierung von Deutschland vor? - Ist jetzt jeder Deutsche, jede Deutsche Ihr möglicher Feind? - Was schreckt Sie an einem Deutschland ohne Sie am meisten ab? - Welche Schimpfworte fallen Ihnen zu einem solchem Deutschland ein? - Wie wollen Sie Deutschland in Erinnerung behalten? - Wie hat sich Deutschland bei Ihnen eingeprägt? - Was hat Deutschland noch mit Ihnen zu tun? - Was halten Sie davon, Deutschland zu verlassen, und zwar absichtlich? - Kennen Sie ein Mittel Deutschland aus dem Gedächtnis zu löschen? - Gibt es ein Mittel, so zu tun, als hatte es Ihr Deutschland gar nie gegeben? - Wonach halten Sie Ausschau? - Mit welchen Gefühlen betrachten Sie nun Ihr Deutschland? - Was versprechen Sie sich noch von Deutschland? - Ist der, der Deutschland den Rücken kehrt besser gestimmt als der, der es nicht tut?

Da hat sich Angela Richter ganz schön viele Fragen einfallen lassen, um den Text von Jan Fosse in einen ausgezeichneten Fragenkatalog zu verwandeln.
- Herr Hitler, war Deutschland vielleicht nur eine Erfindung von Ihnen? - Oder Sie eine Erfindung Deutschlands? - Was wird aus Ihnen, wenn es Deutschland nicht mehr gibt? - Reizt Sie überhaupt noch etwas daran? - Wie kompensieren Sie das Ende Deutschlands? - Gibt es einen Trostspender? - Welche Fähigkeiten besaßen Sie als Feind? - Als Freund? - Herr Hitler, warum haben Sie nie geheiratet?

Nach jeder Frage erlischt eine Glühbirne. Nach der letzten Frage ist es finster. Erst dann ist es möglich, in Angela Richters Inszenierung das phosphoreszierende Bühnenbild von Daniel Richter zu sehen. Dạniel, hebräisch… Mein Richter ist Gott… Gott ist mein Richter. Daniel, ein herausragender Prophet aus dem Stamm Juda. Daniel Richter, ein Künstlername? Ich wusste gar nicht, dass Daniel Richter so bibelfest ist. Daniel Richter Prophet der Endzeit, Wahrheitsverkünder und Zukunftsapostel? Erst in der dünnen Luft keimt die Wahrheit, heißt es in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Thaddaeus Ropac, die ich nicht gesehen habe, und das führt uns auf den Sinai. Schon wieder ein Berg, den ich noch nie bestiegen habe.

Oder ist alles ganz anders? Und Daniel Richter hat das Bühnenbild von einer ganz anderen Produktion der diesjährigen Salzburger Festspiele gemacht. Schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe. Im Übrigen bin ich der Meinung, der Ehekomplex Julius Deutschbauer/Marlene Ropac muss zerschlagen werden.


(14.8.2010)