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Ungesehene Aufführungen (12)

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JAKOB LENA KNEBL "BECOMING" IM KUNSTRAUM NIEDERÖSTERREICH. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, BEI DER ICH NICHTS GESEHEN HABE.

Von Julius Deutschbauer




Sie hat Sinn für Bewegung und führt ihre Bewegungen mit größter Einfachheit aus, ob sie sitzt oder tanzt oder tanzt und sitzt. Sie kann ihren Lieben ein „Haus“ bieten. Sie hat einen harten festen Schädel, sie kann auf dem Kopf balancieren oder sie balanciert einen Doppeldildo auf ihrem Kopf. Das gelingt ihr sehr gut: Das Publikum applaudiert. Es ist hoch erfreut („Dildo“ von ital. „diletto“ von latein. „dilectus“, „diligere“ = „erfreuen“, „entzücken“). Das Publikum ist doppelt entzückt. Ich kenne das Publikum, ich habe es studiert, es wird ihr bestimmt folgen. Jakob Lena Knebl weiß, wie man dieses Publikum bezaubert – an ihrem Erfolg habe ich keinen Zweifel. Sie hat einen neuen Tanzstil erfunden. Das kann ihr einen Haufen Geld einbringen, aber sie interessiert sich nicht dafür. Ich werde ihr raten, ein Patent einzureichen. Sie ist kein Wunderkind, das man ausbeuten kann, sondern eine Frau mit großer Sensibilität.

Sie ist ein Freund von Dildos und Manifesten und fürchtet sich nicht, uns damit zu erschrecken. Wir hören ihr zu, während sie schon an andere Dinge denkt, z. B. in ein Restaurant zu gehen. Wenn Jakob Lena Knebl tanzt, hat man das Gefühl, sie tanzt für Notleidende. Sie tanzt mit größter Leichtigkeit, ihre Muskeln und ihre Haare wirken trotz ihrer Körperfülle geschmeidig. Ihre Empfindsamkeit ist so groß, dass sie zu zittern beginnt – ein inneres Feuer, das sie nicht loslässt und das Publikum anzündet. Sie macht mit uns Übungen, versucht, ihr Publikum auf sich einzustudieren. Sie behandelt es so, als stimmte es mit ihr überein. Man wird nicht umhinkommen zu fragen: Was erzählt sie uns, diese Jakob, dieser Lena, dieser Knebl?

Sie befiehlt uns, dieses oder jenes zu tun, und sie tut gar nichts. Plötzlich bricht sie auf zu einer unerwarteten Explosion, zu einem tänzerischen Sturm der Glieder mit Doppelglied als Gegenmaßnahme, doppelgängerisch seine Gestalt nachahmend, übernimmt sie stets die Seele einer ihm Verwandten. Sie späht umher, beobachtet, sucht das Verhängnis. Inzwischen hat das aufs Korn genommene Objekt sein Geschlecht gewechselt. Wir werden Zeugen von einer geschlechtlichen Inversion. Jeder/Jede im Publikum nimmt unter dem Einfluss des Durchgangs dieser Venus androgyne Gestalt und Form einer invertierten Nummer zwei an. Der in den Himmel ragende künstlerische Elfenbeinturm wird von ihr in den Leib invertiert.

Zuerst bin ich spazieren gegangen

Doch diese Verwandlung, deren wir hier Zeugen werden, hat ihren Ursprung im Geistigen. „Wenn man sich krank glaubt, wird man es; man magert ab, hat nicht mehr die Kraft, sich zu erheben und leidet an nervösen Darmstörungen… und ein – wenn auch nur eingebildetes – Frauenkleid behindert Schritte. Die fixe Idee kann in solchen Fällen auf das Geschlecht (wie in anderen auf die Gesundheit) von Grund auf  verändert einwirken.“ (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7, Sodom und Gomorra 2) Wenn Jakob Lena Knebl so weiter tanzt, steigt dem Wiener Publikum sein Wiener Blut so in den Kopf, dass es Gefahr läuft, einen kollektiven Anfall zu bekommen.

Und ich? Zuerst bin ich spazieren gegangen, in der Hoffnung, Freunde zu treffen, habe aber keine getroffen, weil alle in der Performance von Jakob Lena Knebl waren. Ich laufe rasch, und wenn ich gehe, geschieht es, um mich auszuruhen. Jakob Lena Knebl mag keine Misserfolge, deshalb wiederhole ich mir unaufhörlich: Sie war gut. Die Zeitungen sind ihr gewogen: Die Kritiker haben ihr Ballett verstanden. In der Jurybegründung zur Verleihung des H13 2010 - Kunstraum Niederösterreichpreis für Performance an Jakob Lena Knebl, die ich nicht gelesen habe, ist u. a. folgendes zu lesen: „Ihre Fähigkeiten sind so entwickelt, dass sie sich mit dem Publikum verständigt, indem sie es und zugleich sich vorführt.“

Indessen überkommt mich die Müdigkeit, die einen beim ständigen Sitzen am Laptop überkommt, beim Schreiben der Kritik einer Aufführung, die ich schon wieder nicht gesehen habe, fährt mir ein Krampf in das Bein, der Arm wird steif, ich verderbe mir die Augen, atme schwer, die Luft wird erstickend – all das beschleunigt nur den Tod. Aus Mitleid hat mich der Tierarzt der Katzen meiner Frau mit einem Pistolenschuss getötet, während Jakob Lena Knebl immer noch im Kunstraum Niederösterreich chronisch in- und exvertiert.


(14.9.2010)