RODERICH MADLS “DARK” IM WIENER WUK. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.
Von Julius Deutschbauer
Die Lichtverhältnisse werden von einer Mischung aus Hell und Dunkel erzeugt. In durchsichtig düstere Schleier gekleidet die Tänzer durchs Zwielicht schweifen, bleich und beklommen, bang und mit brünstigem Flehen. „Wer wandelt schon gern im Zwielicht, wenn das Dunkel am Licht und das Licht am Dunkel zerbricht?“, könnte man frei nach Novalis in diesem zwielichtrigen Dunkel oder in dieser zwiedunklen Helle – wie man’s nimmt – fragen.
Aber so einfach macht Roderich Madl es sich und seinen Tänzern nicht. Sonst hätte er sein Stück schlicht TWILIGHT nennen können, und sich Roderlicht Zwiemadl. Er nennt es DARK. Dark, darker, darkest. Trotzdem bleiben Alexander Gottfarb, Dominik Grünbühel, Tomas Danielis das ganze Stück über zwielichtige Gestalten im wahrsten Sinn des Wortes. Zwielichtig, zwielichtiger, am zwielichtigsten.
DARK ist ein Spiel der Doppeltheit, der Zwiefalt. Die Vorstellungen bleiben während des ganzen Stücks halb, gespalten, geteilt, schwankend, eben doppelt und zwiefältig. Hätte ich es gesehen, hätte ich spontan gereimt, allein schon, um das Reimen nicht nur Politikern zu überlassen: „Mit stürmischen Herbstwinden / beim dämmernden Zwielichtschein, / da jagst du mit Alexander, Dominik und Tomas in mein Unter- und Oberstübchen hinein.“ So weist das Stück im Gegensatz zu seinem eher eindeutigen Titel auf ein Zwischenlicht, ein Zweilicht oder Zwielicht. Am Rande sei daran erinnert, dass Zwilling dem Grimmschen Wörterbuch nach ursprünglich Zwieling geschrieben wurde.
Doppelwahrheit des Oxymorons
Mit seinem neuen Stück DARK begibt sich Roderich Madl auf Spurensuche zwischen Hell und Dunkel bzw. im Helldunkel. Die Tänzer und mit ihnen das Publikum vollziehen ein meditatives Ritual in einem ambivalenten Raum. Der Raum spielt eine Doppelrolle. Die Vermischung, in der sich das Dunkel mit dem Licht verunreinigt, wird zum Hauptakteur des Stücks. Begriffe wie „verunreinigt“, „verschmutzt“, „besudelt“, „befleckt“ bekommen hier eine durchaus positive Bedeutung. Madl geht es um das Hervortreiben einer Ambivalenzkultur, im Gegensatz zu einer Monovalenzkultur, wobei letztere einem kosmozentrischen Modell der Weltinterpretation folgt und erstere einem Modell, das man oxymoral bzw. oxymoron nennen könnte. Die Doppelwahrheit des Oxymorons suspendiert Monovalenz und Reduktion, löst sie in Ambivalenz auf.
Roderich Madls Stück zeichnet eine lange horizontale Linie, welche den Raum schneidet. Es schreibt in der tänzerischen Bewegung Ambivalenz darüber, Monovalenz und Reduktion darunter.
Aber er begeht nicht den Fehler, in diesem Zwie zu verharren. Eine solche Zweiwertigkeit ist ihm immer noch zu einfach. Er ist sich bewusst, die Ambivalenz würde in einer solchen Zweiwertigkeit getilgt werden, sich selbst tilgen. – Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. – Madl geht es um das Hervor- und Weitertreiben der Ambivalenz, um ihre Radikalisierung.
Die Pfeile zeigen in alle Richtungen
Subkulturelle Ambivalenz gehört nicht dem Typ der Versöhnung und der höheren Einheit der Gegensätze an, nicht der Dialektik des Ausgleichs im Dreieck, sondern der Perspektive der Verfremdung im Sinne eines Kipp-Phänomens. Kippen ist ein Kippen nach allen Seiten gleichzeitig, weder ein Hinkippen noch ein Herkippen, kein Auftreffen irgendwo.
Dabei geht es zu wie im Kinderreim „Ober mir, unter mir, hinter mir, vorder mir, links, rechts gilt nichts“, nur verkehrt Madl diesen Reim mittels einer Art Strategie affirmativer Praxis in subversive Bejahung. Die Pfeile zeigen in alle Richtungen, nach oben und unten usw. Ober mir, unter mir, hinter mir, vorder mir, links, rechts ist erlaubt, mehr noch, ist geboten. Diesem Gebot gemäß setzen die Körper der Tänzer durch den Raum. In einer wahnwitzigen Bewegung werden alle Wände und Ecken nach Ritzen abgesucht, durch die Licht eindringen könnte: Schmutz, der das Dunkel verunreinigt.
„Wem gehört dieser Körper, dieses Fleisch? Und was, wenn man, wie alles rundum, selber nichts als das von einem Spiegel wiedergegebene Bild wäre?“, fragt der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny in Hell – Dunkel. „Finsternis. Klicken; gleisende Helle. Klicken; gleisende Helle. Klicken; gleisende Helle. Finsternis. Alles im Kasten.“
(9.10.2010)
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