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Ungesehene Aufführungen (15+16)

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"PIECES OF MOVEMENT FOR ORCHESTRA / CHOREOGRAFIEN FÜR ORCHESTERMINIATUREN" IM TANZQUARTIER WIEN & "WATCH! THE POSTER SHOW – TANZPERFORMANCE AUF PAPIER" IM KUNSTVEREIN SALZBURG. SCHON WIEDER ZWEI AUFFÜHRUNGEN, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.

Von Julius Deutschbauer




PIECES OF MOVEMENT Live-Orchester: ORF-Radio-Symphonieorchester Wien, Leitung: Gottfried Rabl // Mit Choreografien von: Christine Gaigg, Chris Haring, Anne Juren, Claudia Bosse, Paul Wenninger // Mit Kompositionen von u.a.: Peter Ablinger, Friedrich Cerha, Johanna Doderer, Christian Fennesz, Bernhard Gander, HK Gruber, Georg Friedrich Haas, Hannes Heher, Peter Jakober, Thilges 3 (Armin Steiner, Gammon, Dominik Hummer) und Robert Jelinek, Johannes Kretz, Bernhard Lang, Klaus Lang, Radu Malfatti, Christian Mühlbacher, Christian Ofenbauer, Konrad Rennert, Kurt Schwertsik, Burkhard Stangl, Mia Zabelka.

Essend, trinkend, hungernd, dürstend, fastend, schlafend, schlummernd, gehend, stehend, sitzend, liegend, arbeitend, pissend, scheißend, mit all meinen körperlichen Kräften, mit allen meinen körperlichen Säften, mit dem Haaren meines Hauptes, im Gehirn und auf dem Scheitel, in den Schläfen, in den Wangen, mit dem Kiefern, in den Nüstern, mit den Ohren und Augenbrauen, mit den Zähnen, Vorder- und Backenzähnen, in den Lippen, mit den Armen, den Händen, in den Fingern, im Mund, in der Brust, im Herzen und in allen Eingeweiden, die ich im Bauch habe, in den Nieren und mit dem Schambein, mit den Schenkeln und den Genitalien, den Knien, den Beinen und Füßen und allen Zehennägeln, allen Gelenken und Gelenksverbindungen wünsche ich mir, keine dieser Aufführungen nicht nicht gesehen zu haben, sonst nichts.

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WATCH! THE POSTER SHOW Idee & künstlerische Leitung: Lisa Hinterreithner // KünstlerInnen: Philipp Gehmacher, Lisa Hinterreithner, Anne Juren, Amanda Piña und Christine Standfest // Grafische Gestaltung und Installation: Roland Rauschmeier

- Wer sich in der Klemme nicht an zwei, drei Sachen erinnern kann, die nie passiert sind, der ist ein ebenso schlechter Mensch wie jener, der nicht zu vergessen vermag. Doch die Treue ist aller Laster Anfang (siehe Plakat von Lisa Hinterreithner).
- Allerdings: das Monströse des ersten Plakats. Je weniger man bei diesem Tanz spricht, desto besser versteht man einander. Hier beginnt die Kunst. Alles Ordinäre und gemein Alltägliche ist aus dem Schmutz gehoben. (siehe Plakat von Anne Juren).
- Wer nicht versteht, ein Auge zuzudrücken, der kann auch nicht sehen. Er sieht nicht mit aufgerissenen Augen, seine Moral, das ist die Kraft zur Form, sein Schamgefühl ist eine Frage der Beleuchtung. Er ist Plakatkünstler, weil ihm nichts Plakatives besonders eignet (siehe Plakat Philipp Gehmacher).
- Was ist Wahrheit? Oder voluptas, Wollust? Pilatus tat ganz recht, als er dies nur rhetorisch fragte und keinerlei Antwort erwartete. Wir sehen und bezeugen (siehe Plakat von Amanda Piña).
- Und im 5. Plakat hat sich die Protagonistin einfach wegretuschiert. Was sich ausschalten und beseitigen will, das steht ganz vorne und lockend da (siehe Plakat von Christine Standfest).

Über mir, unter mir, vorder mir, hinter mir Plakate, Plakate links, Plakate rechts.
Nichts eignet besser zum Tanzboden als ein Plakat, als Plakate, gestapelt oder aneinandergereiht, ausgebreitet, horizontal hingestreckt, flach eben. In der bildenden Kunst, in Galerien und auf Kunstmessen heißt das Flachware.

Fünf Performances ausgewalgt zum Strudelteig aus Papier, ausgezogen zur größten Dünne: A1, 59,4 cm breit, 84 cm hoch, 4/0 - farbig, 150 g/m2.
Diese 5 Performances sind handlich, drei mal gefaltet sind sie als A4 gut in Taschen zu schieben und prima im Regal aufzureihen - wenn man genug davon hat. Man kann sie aber sofort wieder entfalten, und augenblicklich entfalten die Performances ihren Duft. Ja, diese Performances riechen wie frisch gedruckt. Der Flachware erster Akt.

Der geübt ungetrübte Wiederholungszwang des Sich-Erinnerns mag als individualistisch erlebt werden, wenn man sich die 5 x 500 Plakate so nacheinander als Poster an die Wand heftet – als wär’s der je eigene „Bilder-Atlas“. Ferner lassen sie sich auf besonders breiten Rücken in den Blick rücken. Vier Klebestreifen genügen zu ihrer Aufführung.

Das Flache macht diese plakativistischen Aufführungen zur Rollware. Gerollt und mit einem Gummiringerl versehen, lässt sich jede einzelne bequem in den Ecke lehnen und bei Bedarf wieder entrollen und an die Wand hängen. Es lassen sich sogar alle 5 Performances ineinanderrollen oder auch einzeln rahmen.

Da stehen sie nun, da lehnen sie, einzeln und ineinandergerollt, gefaltet und gebügelt. 5 Performances, die man überall plakatieren kann. 5 Performances für Plakatsammler. Diese Performances sind Material für jedermann, unter Einsatz von Körper und Text, Gesten und Körperhaltungen. Performative Inszenierungen durch das Medium Plakat, vom Privatistischen bis hin zur Litfaßsäulen-Öffentlichkeit. Daran prüft sich die Lebendigkeit einer Kunstform, die von sich behauptet, dass sie dem Ingenium des Performativen folgt. Ein Plakat ist eine Performance ist ein Plakat. Eine Performance ist ein Plakat ist eine Performance.
Schlussendlich bekommen wir es mit Performances zu tun, die man zerreißen kann, wenn sie einem nicht gefallen, und das nicht nur in der Kritik.

p. s.: Nicht vergessen! die Performances der Plakatsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek zuzueignen: das ist eines jeden plakativen Performancekünstlers verdammte Pflicht!


(12.2.2011)