"DEFLECTIONS: A SONIC CIRCUS PERFORMER, 2. ACT" VON NATHALIE KOGER BEI IMAGETANZ 2011. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.
Von Julius Deutschbauer
Artistic Deflection Annabel Carberry Compositional Deflection Tamara Friebel Dramaturgical Deflection Barbara Toifl-Soreff Critical Deflection Diedrich Diederichsen Konzept Nathalie Koger Tanzhistorische Begleitung Eike Wittrock
Zirkus kommt von lat. circus aus gr. κιρκος, κρικος und bedeutet Kreis bzw. Hula-Hoop-Reifen. Ein Zirkus ist ein Hula-Hoop-Reifen, der Kreis eine Gangart. Nachdem sich die ständig um Querverbindungen bemühte Nathalie Koger bei der „Schimpfarena“ 2008 mit klassischen Operngesang einbrachte, indem sie gegen ihre Gesangslehrerin Christina Bahlo ansang, untersucht sie in Deflections: A Sonic Circus Performer, 2. Act, was ihr Verständnis von Performance mit Zirkusakrobatik zu tun haben könnte. Dabei generiert sie sich zur Zirkusdirektorin. Nathalie Koger, die Zirkusdirektorin, und wer immer in dieses Stück geht, atmet Zirkusluft.
Noch im 17. Jahrhundert galt der Zirkus vorwiegend als Renn-, Fecht- oder Turnierplatz. Man hat den Eindruck, diese Tradition wird in Kogers Stück wieder aufgenommen. Hier fechten Zirkusakrobatik und Performance miteinander. Die beiden Künstlerinnen verstehen sich auf artistische, akrobatische und Dressurdarbietungen, vor allem Letzteres. Wer oder was wird dressiert? Dressiert die Zirkusakrobatik die Performance oder umgekehrt? Nein, hier wird nicht gezähmt, gebändigt und abgerichtet. Hier schulen sich Zirkusakrobatik und Performance gegenseitig ein, was aber nie in ein harmonisches Miteinander mündet. Immerhin ist gemäß dem Duden eine Nebenbedeutung von Zirkus auch „quirlendes, lärmendes Durcheinander“. Die Zirkuspartei und die Performancepartei bringen sich in Stellung. Panem et circenses: Performance und Zirkusspiele.
Nathalie Koger überträgt den Schauplatz Zirkus in den Paradeplatz der zeitgenössischen Performance mit all seinen Strömungen und Verwerfungen. Sie versucht hier ihr persönliches, ganz spezielles Modell von Zirkusakrobatik und zeitgenössischer Performance zu präsentieren. Dieses Modell wird in Deflections: A Sonic Circus Performer, 2. Act von Nathalie Koger und Annabel Carberry exekutiert. Warum Zirkus? Warum Performance? Welche Wege gibt es, die historische Kraft, die im Zirkus und dessen Akrobatik liegt, im Sinne der Performance in die Zukunft zu projizieren? Wie könnte man die Erfahrungen von ZirkusakrobatInnen TänzerInnen und PerformerInnen hineinbohren?
Ihnen gebührt der Oscar
Der Hula-Hoop-Reifen erscheint einmal als Fragezeichen, dann wieder als Objekt, das eine Bewegung provoziert, die ständig zwischen Zirkusakrobatik und Performance kreist bzw. pendelt. Dabei macht sich die Arbeit von Nathalie Koger wie eine Studie aus, manchmal konkret, manchmal skizzenhaft, manchmal als Bild, manchmal als Schrift.
Die Choreografie folgt der musikalischen Partitur der Filmmusik von Zirkusfilmen mit Freddy Quinn, die in artistische Bewegungen umgesetzt wird. 1964: Immer wiederkehrend sind Motive aus dem Film „Freddy, Tiere, Sensationen“ aus dem Jahre 1964 (Regie: Karl Vibach, Musik: Lothar Olias). Für seine Darbietungen und sein Engagement wurde Freddy Quinn der „Zirkus-Oscar“ verliehen, der ohne Übertreibung auch Nathalie Koger und Annabel Carberry für ihre Darbietung gebührt, oder soll es „Performance-Oscar“ heißen? Und eigentlich ist Nathalie Koger gar keine Zirkus- sondern eine Performancedirektorin, oder doch -prinzessin? Wie immer geht es bei Nathalie Koger auch um mächtige Emotionen, die für ihre Performance viel Raum brauchen, am besten ein Zirkuszelt. Da warten wir nur noch, bis es wieder heißt: Hereinspaziert – Manege frei!
Endlich ein Tanzstück, das nicht am Zuviel eines Geheimnisses leidet, wie einige der Stücke bei Imagetanz 2011, die ich allerdings auch nicht gesehen habe. Also schütte ich, wie einst der Zirkuskönig Jean Mourier, meinen Teller in meine Taschen und gehe. Wohin? Bestimmt ins nächste Stück von Nathalie Koger. Dort bringe ich mich in Schaustellung – dann muss ich nicht darüber schreiben.
(19.3.2011)
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