"I-ON" UND "ANGELS" VON IVO DIMCHEV BEI IMPULSTANZ 2011. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG UND EINE AUSSTELLUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.
Von Julius Deutschbauer
Als ich vor annähernd 30 Jahren von Klagenfurt nach Wien zog, heuerte ich in der Galerie Peter Pakesch in der Ballgasse an: als Hilfsbuchhalter. Ein Leben zwischen Belegen und Farbtöpfen und – und Pass-Stücken von Franz West. Manchmal legte ich mir ein Pass-Stück um und an, rückte mir den West-Stuhl zurecht und setzte mich an den mächtigen West-Schreibtisch. Geradeso gerüstet, jonglierte ich mit Einnahmen- und Ausgabenrechnungen: ein Tanz ganz eigener Art. „Wir alle, die wir träumen und denken, sind Hilfsbuchhalter.“ (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)
Daran musste ich denken, als ich im diesjährigen Impulstanz-Programm von Ivo Dimchevs I-ON las, schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe. Augenblicklich schwebte mir das Portrait des Hilfsbuchhalters Julius Deutschbauer als junger Mann vor. Zum ersten Mal war ich damals Protagonist einer Performance, einer Geheimperformance mit Pass-Stücken von Franz West, ohne recht zu wissen, was eine Performance eigentlich ist. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn mein damaliger Arbeitgeber mich in dieser Epiphanie entdeckt hätte.
Ganz gewiss saß er im Publikum, als Ivo Dimchev seinen Solotanz I-ON aufführte. Zweifellos war er ähnlich begeistert von Dimchevs Umgang mit Wests Pass-Stücken wie ich, hätte ich I-ON gesehen. Autsch! Da ist ein Pass-Stück aber zu Bruch gegangen! Das Pass-Stück geht zum Brunnen, bis es bricht. Nicht auszudenken, was es bei der nächsten Kunstauktion gebracht hätte. Franz West hat dem Soloperformer sicher längst verziehen, und Peter Pakesch ist auch nicht Richter Adam. Aber halt! Wenn jemand in diesem Stück Richter Adam vorstellt, dann Ivo Dimchev selbst. Niemand anderer als er hat Wests Pass-Stück zerbrochen, bei dem Versuch, es sich anzuverwandeln, und Franz West höchstpersönlich war es, der seine Objekte eigenhändig in seine Hand geliefert hat.
Er ist des Pass-Stücks Sohn
Niemand hat die Ehre von sich aus, mit Pass-Stücken umzugehen, sondern nur, wenn er von West berufen ist. Und das ist Ivo Dimchev. Wer, wenn nicht er! Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt. Jeder, der I-ON gesehen hat, kann bestätigen, Ivo Dimchev ist nicht nur berufen, Ivo Dimchev ist auserwählt. In seinen Händen, an seinem Körper werden Wests Pass-Stücke ge- und entehrt, erhöht und erniedrigt, bejubelt und geschmäht, verklärt und diffamiert, gelobt und getadelt, verherrlicht und verunglimpft. Im Laufe des Stücks weiß man oft nicht, wo Dimchevs Körper aufhört und der Objektkörper anfängt. Das Pass-Stück wird zu Dimchev und umgekehrt. Er wird zu des Pass-Stücks Sohn, das Pass-Stück zu Dimchevs Vater. Es scheint, als leitete er sein Geschlecht von diesem Objekt her. He is on the object.
Trotzdem scheint er ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister zu sein. Er scheint auch ohne Alter sein. Wie kann ein junger Mann so alt aussehen? Wie kann ein alter Mann so jung aussehen? Ich kenne keinen Performer, der den Wechsel des Mienen- und Mimenspiels so beherrscht wie er. Noch kaum flügge, verfällt er im nächsten Augenblick. Gerade noch flegelhaft halbwüchsig, ergraut er einen Atemzug später. Er wird zu seinem eigenen Vorgänger und Nachfolger, zu seinem Nachgänger und zu seiner Vorhut, zu seinem vorläufigen Nachläufer. Er scheint in seine eigenen Fußstapfen zu treten.
Indem Ivo Dimchev die Geschichte von Wests Pass-Stücken beschreibt, thematisiert er seine Entwicklung zum Künstler, diesmal auch zum bildenden Künstler. Obwohl ich auch seine Ausstellung Angels im bulgarischen Kulturinstitut im Haus Wittgenstein nicht gesehen habe, kann ich nichts dazu sagen. Aber zurück zu I-ON. In dieser Arbeit wird Selbsterfindung und Berufung zur Enthebung, und das mit ganzem Körpereinsatz. Der Anfang wird als Ende gesetzt. Oftmals hat man den Eindruck, West Pass-Stücke wollten erschrecken vor diesem Spiel. Dimchevs Körper ist unermesslicher als die Erde und schlüpft trotzdem zwischen zwei Pass-Stücken durch, die nur eine Handbreit voneinander entfernt sind. Für diese Performance gehört Dimchev die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. „Les étres exemplaires sont de vapeur et de vent.“ (René Char, Hypnos)
(26.8.2011)
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