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Ungesehene Aufführungen (18)

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"MUSH ROOM" VON LIQUID LOFT / CHRIS HARING IM TANZQUARTIER WIEN. SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE.

Von Julius Deutschbauer




Die Tänzer/innen von Liquid Loft tun dem Löwen nichts, und der Löwe tut nichts dem Schaf und umgekehrt. Ungewöhnlich ist die Umgebung. Es ist nicht das Paradies, es ist die Halle G im Museumsquartier. Im Bühnenhintergrund das Paradies von Jan Breughel. Das Paradies scheint verriegelt, die Kunst hinter uns, gerahmt, in Gold.

So wiederholen die Tänzer/innen vor dem gemalten ein kommendes Paradies, kommend in Gestalt der Kunst, hier vertreten durch Künstler/innen mit neuen Attributen. Chris Haring choreographiert nicht die Tiere des Paradieses, das hinter ihm liegt, sondern mit den Tieren das Paradies, das kommt.

Selig sind die Armen im Geiste. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden den Garten Eden schauen.

Liquid Loft und Chris Haring agieren so, als ob der Anbruch der Neuen Welt bevorstünde, als ob sie glaubten, dass ihr Einzug in The Perfect Garden bevorstünde, als ob es ihnen damit sehr ernst wäre, als ob sie sich danach richteten, dass es doch zum Mindesten möglich wäre. Dass es doch zum Mindesten möglich wäre, hier und da Spuren der Annäherung an einen solchen Glauben zu erblicken. Ein solcher Glaube ist jedem zumutbar, ohne mit dem Urteil des Unglaubens eine Beschuldigung verknüpfen zu müssen.

Gesandte des Paradieses

Hier tanzen Gesandte an Gottes Statt an Gottes Statt, anstatt Gott, Mitarbeiter Gottes ohne Gott, Heilige ohne Heiligen Geist. Chris Haring sieht sich den heiligen Weg nach Maßgabe der Frage an, ob man wohl auch mit einem Lastkraftwagen auf ihm fahren könnte. Die Tänzer/innen von Liquid Loft sind Gesandte des Paradieses, der Ort ihres Wirkens ist der Tanzboden. Chris Haring dient uns als Führer ins verlorene Paradies, das die Welt aus dem Gedächtnis verloren hat, das hinter einem Zaun für immer verschlossen scheint.

Gegen alles, was nicht Tanz ist, sind Liquid Loft und Chris Haring Eiferer, und darum eifern sie gegen sich selbst, da sie einen Rest von Untänzerischem nicht los werden können. Statt zu sagen: „Wir sind mehr als Tanz“, sagen sie mit Zerknirschung: „Wir sind weniger als Tanz.“ Tanz, reiner Tanz oder Tanz, der nichts als Tanz ist, können sie nur denken, er ist es aber nicht, und da er nie ganz Tanz ist,  existiert er als etwas anderes, als das, was andere Paradies oder The Perfect Garden nennen.

Nur aus diesem Zwist, in dem die Tänzer/innen und der Tanz liegen, nur weil Tänzer/in und Tanz nicht Namen für ein und dasselbe, sondern verschiedene Namen für Verschiedenes sind, nur weil Tänzer/in nicht Tanz ist und Tanz nicht Tänzer/in: nur daraus erklärt sich ganz tautologisch die Notwendigkeit, dass Tanz in The Perfect Garden haust.

Noch nie hat eine Company diesen Zwiespalt so deutlich gemacht wie Chris Haring mit Liquid Loft, oder habe ich zu viel von den Mush Rooms genossen und träume von Wirklichkeiten, obwohl ich sie nicht sehe, von der Verlegung der Seligkeit hin zum Tanz im Hin und Her des Denkens, jede/r unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum? Und die Sonne leuchtet auf mit Heilung in den Flügeln. Ich sehe und strahle. Mein Herz bebt und wird weit. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe und Tiere reden. Und Wolf und Lamm und Löwe, Kuh und Bär und Böcklein, Kind und Kobra, alle beieinander. Endlich bin ich ins Paradies gelangt. Mir erscheint die Welt ungeachtet ihrer Widersprüche in allen Stücken erfüllt von Verklärung zu sein. Und Frieden auf Erden unter Menschen guten Willens.


(8.3.2012)