XAVIER LE ROY MIT "PRODUCT OF OTHER CIRCUMSTANCES" BEI IMPULSTANZ 2010
Von Helmut Ploebst
Diese Besprechung entsteht 33 Tage nach dem hier zu verhandelnden Stück. Ich habe Xavier Le Roys Product of Other Circumstances am 10. August bei ImPulsTanz 2010 im Wiener Kasino am Schwarzenbergplatz gesehen und bin einige Tage danach in die Berge gereist. Das wäre natürlich nicht weiter interessant, hätte Le Roy während seines Stücks nicht davon gesprochen, dass er Anfang September 2009 für eine Woche auf Urlaub gefahren ist und am Strand ein Buch über Buto gelesen hat. Ich habe auf dem Balkon mit Blick auf ein Meer von Bäumen meine Notizen und Recherchen zu Product of Other Circumstances gelesen.
Rückblick: Am 22. Mai 1999 wurde Le Roys Product of Circumstances von den Wiener Festwochen im Siemens Forum gezeigt. Damals erzählte er unter anderem, wie sein Glaube an die Wissenschaft verloren ging und demonstrierte, was er in seinen Tanzklassen in Paris gelernt hatte. Ich notierte: „Umgedrehter Stuhl: Denksitzfiguren eng, übereinandergeschlagene Beine, aufstehen, Armrotationen mit angewinkelten Unterarmen.“ Damals sprach Le Roy über Yvonne Rainer. Heute spricht er über Tatsumi Hijikata. Other Circumstances. Damals schrieb ich eine Seite mit Notizen voll. Am 10. August 2010 sind es sieben. Andere Umstände. Damals zeigte Le Roy Dias, nun arbeitet er mit Videobeispielen aus dem Internet. Veränderte Zeiten.
Eine der bereits 1999 unterschätzten Eigenschaften von Le Roy ist sein feiner Humor, seine in große Ernsthaftigkeit eingebettete Ironie. Ich habe mich bei Product of Circumstances blendend unterhalten, und meine damalige Freundin zeichnete Le Roy in mein Notizheft, eine schematische Figur, die mit weit ausgebreiteten Armen wie schwerelos im Raum schwebt. So war Product of Circumstances für viele, die gerne neue Seiten der zeitgenössischen Choreografie entdecken wollten: eine Befreiung, ein erhebendes Erlebnis, eine unerhörte Geschichte. Es gab, laut dem Kunstbericht der Stadt Wien aus diesem Jahr, 117 Besucher. Die meisten gingen in etwas irritierter Stimmung weg.
Ein narrativer choreografischer Akt
Heute, unter anderen Umständen, ist Le Roy wieder umstritten. Unter den Älteren, die sein Werk schätzen, ebenso wie unter jungen Tänzern. Wieder gibt der Choreograf Gelegenheit zu Debatten. Ich habe Product of Other Circumstances so genossen wie vor elf Jahren Product of Circumstances, unter anderem deshalb, weil ich die rezeptive Reibungswärme im Publikum spüren konnte. Da mühen sich junge Künstlerinnen mit ihren bewegungsfreudigen Körpern in Workshops ab und Reflexionsprofis mit Kunstpräsentation und Diskursvierung des Feldes – und dann tischt uns Le Roy eine Art Buto-Biografie auf.
Product of Other Circumstances ist ein Stück performativer Literatur, ein narrativer choreografischer Akt über den Versuch einer Eroberung, wie das auch schon Product of Circumstances gewesen war. Damals ging es um die Selbst-Übersetzung eines Wissenschaftlers in einen Künstler. Heute – und wieder ist Le Roy genau auf dem Punkt der Zeit – geht es unter anderem um die Transgression innerhalb des künstlerischen Mediums. Damals ging es um die Auseinandersetzung des jungen Wissenschaftlers mit Aids, heute ist die Frage virulent, ob die Terrains der Kunst etwa mit denselben Restriktionen behaftet sein könnten wie die pragmatische Gesellschaftspolitik.
Mit großer Leichtigkeit geht Xavier Le Roy in teils improvisierter Rede zwei Gesetzlichkeiten an, die für das gegenwärtige Kunstschaffen in der avancierten Choreografie von Bedeutung sind: die kunstimmanenten Disziplinierungen und die äußeren Bedingungen der Produktion von freiem Tanz. Seit 1999 ist einiges geschehen. Das künstlerische Feld im Tanz hat sich, daran glauben viele, beunruhigend erweitert. Zugleich aber haben sich die Produktionsbedingungen für choreografierende KünstlerInnen – was ganz deutlich zu beobachten ist – verschärft. Le Roy rechnet am Ende von Product of Other Circumstances genau vor, warum: Sein Budget für dieses Stück reichte für 26 Stunden Arbeit daran, und der reale Aufwand war ein Vielfaches davon. „Das ist die Definition für den Amateur“, sagt er. Sagt also einer der mittlerweise anerkannt wichtigsten Choreografen der Gegenwart.
Emanzipation und Paradoxon
Er stellt sich zu Beginn seines Stücks vor eine leere Leinwand, an ihren rechten Rand, beugt sich nach hinten und beginnt mit dieser Wendung einen Buto-Tanz. Aus den engen „Denksitzfiguren“ vor elf Jahren ist der Ausdruck einer extremen inneren Spannung geworden. Diese ist wiederum das Modell einer Denkfigur über die Herleitung für ein Stück als zu präsentierendes Produkt zum einen und zum anderen über die Zitierung einer kanonisierten Ästhetik wie der des Buto, deren anarchisch libertäre Selbstdefinition beinahe alles erlaubt – wie übrigens Aufnahmen früher Arbeiten von Tatsumi Hijikata zeigen.
Mit dem ihm eigenen Witz zitiert Le Roy aus einem Text über Buto, der mittlerweile von seiner ursprünglichen Website offline gesetzt wurde. Aber, so Le Roy, er habe den Text vorsorglich gesichert. Ich habe diesen Text von Dan Hermon innerhalb von zehn Minuten an anderer Stelle im Netz gefunden und in diesem Moment verstanden, was Le Roy mit seinem Publikum macht. Während in Product of Circumstances exklusives Dokumentarmaterial zu sehen war (Dias aus onkologischen Untersuchungen), zeigte er nun Materialien, die für alle Zuschauer zugänglich sind und von diesen nach der Performance im Netz aufgesucht werden können. So verstehen wir den emanzipierten Nutzer (der Kunst) von Michel de Certeau bis Jacques Rancière. Und so zitiert Le Roy aus Dan Hermons Aufsatz What is Butoh Dance?: „Indeed, those who have had no training in dance at all are generally the ones who have the easiest time of it. (...) It has no physical technique or common terminology for the dance itself.“
Und so ist die Anfrage von Boris Charmatz zu verstehen, der Le Roy daran erinnerte, daß dieser zu ihm einmal gesagt habe, man könne in zwei Stunden zum Buto-Tänzer werden, und ihn damit animierte, dieses Stück für das Musée de la Danse in Rennes zu erarbeiten. Als Paradoxon im Hinblick auf die eindimensionale Kanonisierung des Buto als hochvirtuose Technik. Als weiteres Paradoxon einer Behauptung aus einer Laune heraus, an die sich Le Roy, wie er sagt, nicht einmal mehr erinnern kann. Und als drittes Paradoxon die Situation einer Kommunikation in das Feld eines Publikums, das ja erst einmal verstehen muß, worum es da überhaupt geht. Nämlich nicht nur um die Eroberung des Buto, nicht nur um das Wiederaufgreifen des Storytelling als choreografische Praxis oder um eine biografische Skizze und nicht nur um die Kritik der Produktionsbedingungen von Live Performance. Sondern auch um die Haltung des Publikums.
Unbezahlbare Nachleistung
Nirgendwo zuvor ist, vielleicht abgesehen von Jochen Roller und Martin Nachbar, lockerer und klüger über das Abenteuer einer künstlerischen Recherche berichtet worden. Und selten ist eine Argumentation darüber so gelungen, warum der Prozeß einer künstlerischen Expedition bei aller Ambivalenz immer noch „das Produkt“ sein kann. Gegenwärtig werden KünstlerInnen bekanntlich wieder verstärkt dazu gedrängt, „ordentliche“ Produkte abzuliefern, und das möglichst bereits mit einer fertigen Koproduzenten-Struktur. Das politische Kalkül dahinter ist eine Auslese: „Perform, or else...“ (Jon McKenzie). Leiste etwas, das sich als normative Leistung darstellt, oder du bist aus dem Spiel.
In dem Augenblick, in dem Le Roy zugibt, er sei gescheitert mit seinem Ansinnen, in zwei Stunden zum Buto-Tänzer zu werden, sprengt er den Rahmen seiner zweistündigen Performance, die letztlich nicht weniger als das Modell eines Bausatzes für aktive Kunstrezeption ist. Und wenn er seinem Publikum wenig später als letzten Satz sagt, „I hope you have enjoyed your free time“, erschließt sich, daß die Freizeitgestaltung des Publikums im Genuß einer Aufführung eine Arbeit ist, die Le Roy auf seine RezipientInnen überträgt. Die unterbezahlte Vorleistung des Künstlers geht über in die unbezahlte und unbezahlbare Nachleistung der Zuschauer. Wenn diese sich für eine solche Arbeit entscheiden.
(13.9.2010)
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