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SIGRID GAREIS’ "WOODSTOCK OF POLITICAL THINKING" IM RAHMEN VON SPIELART IN MÜNCHEN
Von Andreas Fleck
Einhundert Jahre futuristisches Manifest, achtzig Jahre Börsencrash, siebzig Jahre Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, vierzig Jahre Woodstock, zwanzig Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. 2009 ist ein jubiläumsreiches Jahr, das Grund für Feierlichkeiten, aber vor allem auch Grund zur Reflexion, zur Diskussion, zur geschichtlichen Aufarbeitung und zum kritischen Nach-Denken bietet. Daher hat das Münchener Theaterfestival Spielart (19.11. - 05.12.) auch ein dreitägiges Diskurs-Happening initiiert, mit dem Kuratorin Sigrid Gareis, die Gründungsintendantin des Tanzquartier Wien, „die politische Debatte wieder in die Öffentlichkeit zurückbringen" wollte. Geladen wurden 30 Gäste aus den Bereichen Kunst, Literatur, Theater, Politik, Wissenschaft und Kultur, die in jeweils einstündigen Vorträgen, Lecture-Performances, Aktionen und Workshops ihre Gedanken zu einer politischen Zukunft präsentieren durften. Ein „Woodstock of Political Thinking“.
Tag drei eines Marathonlaufs der Gedanken
Der Tag startet in Form eines Manifests. „The future will be hurricane“ (Hans Ulrich Obrist) zeigt gleich, was Zukunft alles sein könnte und zitiert dabei Zukunftsvisionen aus Geistes- sowie Popkultur. Was Zukunft (vor allem die Zukunft eines internationalen Gegenwartstheaters) sein sollte, formulierte Frie Leysen (Theater der Welt - international collaboration in the art) in einem Gespräch mit Martin Berg, der den Bereich Theater/Tanz am Goethe Institut leitet. Dabei sprach sie die problematische Situation einer von Institutionen und (westlicher) Politik geleiteten Theaterlandschaft an. Der Blick westlicher Kuratoren sucht, auf bestimmte kontinentale oder nationale Schwerpunkte fixiert, nach Arbeiten, die seinen Rezeptionsgewohnheiten entsprechen. In diesem Wissen produzieren umgekehrt Theatergruppen und Regisseure anstatt sich auf den ihnen eigenen kulturellen Background zu besinnen, Werke nach westlichen Gesichtspunkten für einen westlichen Markt. Die Folgen sind nur allzu deutlich und auch gar nicht neu, aber es ist trotzdem schön zu sehen, dass man, wie es Frie Leysen vorzeigt, auch anders Programm gestalten kann. Facettenreich und offen, die Vielfalt fördernd und die Geschichte achtend.
Eingebettet in solche theoretischen Gedankenspielarten versuchten auch Theaterautoren und Performer, ihren Beiträgen politische Brisanz zu induzieren. Die Frage, ob Punk nun tot ist oder nicht, konnte Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen in seinem musikalischen Statement „Ihr seid die Freaks!“ zwar auch nicht beantworten, aber immerhin zeigte er, dass er durchaus noch politische Töne zu treffen vermag. Lola Arias umspielte in „That enemy within“ mithilfe eines Zwillingspaares die Grenzen des Individualismus und lotete damit die Schwierigkeit einer ständig forcierten Abgrenzung bei dennoch unvermeidlicher Abhängigkeit und sehr menschlichem Nähebedürfnis aus.
Scheitern mit Deutschbauer, Shah und Stemann
Ganz auf das Prinzip des Scheiterns konzentrierten sich hingegen die Arbeiten von Julius Deutschbauer („Suche das unpolitischste Kunstwerk Münchens“), Nicolas Stemann („Wenn es in der Hölle zu voll ist, kommt der Kapitalismus auf die Erde zurück und die Krise ist einfach vorbei“) und Rajni Shah („Hope“). Stemann scheiterte spektakulär beim Versuch den 132 Seiten dicken Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP in 60 Minuten zu lesen, um nebenbei das künstlerische Potential dieses Werkes zu erkunden. Dabei wurde der Text sozusagen zu Zukunftsmusik vertont, mit Handpuppen das Integrations-Kasperltheater nachgespielt und diverse Rahmenbedingung in Acryl auf Backpapier visualisiert. Was zumindest half, die klare These dieser Doktrin augenscheinlich zu machen: Ja, wir können auch.
Deutschbauer hat das unpolitischste Kunstwerk Münchens ebenfalls nicht gefunden und wenn man Shahs Versuchen beiwohnte, relativ einfache Sätze in verschiedene Sprachen übersetzen zu lassen, kann man sich zumindest vorstellen, zu welchem Sinn- und Bedeutungsverlust es beispielsweise im Europäischen Parlament kommen muss, wenn komplexe politische Streitthemen abgehandelt, diskutiert und dafür in sämtliche europäische Sprachen verdolmetscht werden.
Mit besonders schweren Denkgeschützen und einer provokanten These wartete die Philosophin Elif Özmen auf. „Was ihr wollt. Über Perfektionierung, Modifizierung und Manipulierung der menschlichen Natur.“ Ihr Vortrag über das Natürliche am Menschen, über gentechnische und andere Manipulationsmöglichkeiten, über Doping, Anabolika, Crystal Meth, Ganzkörpertätowierungen und Bagleheads kulminierte in der Frage, ob man nicht frei nach Shakespeare sagen könne, macht doch, Was ihr wollt, solange kein zweiter zu Schaden kommt und nur ihr selbst euch verstümmelt, deformiert und entstellt, denn was ist schon natürlich?
Utopie und Stehvermögen
Ein ähnlich ratloses und zwiegespaltenes Auditorium lässt die präsentierte Zukunftsutopie „On burning coal“ von Jan Ritsema zurück. Seiner Grundthese nach wäre in einer Straße, die ihren gesamten Platz, ihre Zeit und all ihre Objekte allen zur Verfügung stellte, jeder Einzelne um vieles reicher. Soll heißen: würden alle nicht gebrauchten, also toten Objekte verliehen und wieder zurückgegeben werden, entstünde eine Gesellschaft, in der jeder Zugriff auf alles hätte. Er bräuchte bloß seinen Nächsten fragen und ihm zum Beispiel sein Auto wieder schön geputzt und vollgetankt in die Garage zurückstellen.
Den wohl längsten Atem dieses Abends besaß aber ausgerechnet der schon 80-jährige Hans-Peter Dürr, der auch noch Stunden nach seinem Vortrag „Verantwortliche Freiheit und engagierte Demokratie“ als last man standing seinen Bewunderern in der gemütlichen Festival Lounge Rede und Antwort stand.
Gemeinsam, so könnte man sagen, war allen Beiträgen das Bedürfnis, eine Frage aufzuwerfen, einen Denkimpuls zu liefern, Freude und Interesse am politischen Diskurs (wieder) zu erwecken, keine vorgefertigten Antworten zu liefern und Lösungen zu präsentieren. Dementsprechend voller Gedanken, beinahe überstimuliert wurde man nach diesem Wochenende in den - vielleicht gerade durch diese Erfahrungen neu aktivierten - „politischen“ Raum der Öffentlichkeit entlassen.
(07.12.2009)
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