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Vaudeville Heldentode

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DAS LONE TWIN THEATRE MIT "DANIEL HIT BY A TRAIN" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN 2008 IM BRUT

Von Judith Helmer


53 Tode, 53 Helden: Im Londoner Postman’s Park ehrt das Watts Memorial of Heroic Deeds Menschen, die starben, weil sie andere retteten. Gary Winters und Gregg Whelan, zusammen Lone Twin, nahmen diesen Katalog der Alltagskatastrophen als Ausgangspunkt für ihre zweite Theaterarbeit mit kleinem Ensemble: Daniel Hit By A Train, uraufgeführt im brut im Rahmen der Wiener Festwochen. Name, kurze Beschreibung der Tat und ein Datum - das ist auf Gedenktafeln zu lesen, und daran lehnt sich auch das Lone Twin Theatre an. Die fünf Darsteller (Antoine Fraval, Guy Dartnell, Molly Haslund, Nina Tecklenburg und Paul Gazzola) sterben hübsch der Reihe nach 53 Tode, angetrieben von schweren  Paukenschlägen.

Schauend schaudern

Jede der szenischen  Miniaturen in dem Stück zeugt von echtem Mitgefühl,  aus dem heraus die Sorge um das eigene Leben im Versuch der Rettung des Nächsten hintanstellt wird, aus jeder spricht die Faszination am Leben auf der Schwelle zum Nichtleben. In der Auflistung wird das Herausragende zum Prinzip, eine Person zu einem kurzen, austauschbaren Paukenschlag, und aus Katastrophen wird Unterhaltung.  Das distanzierte Schauen und Schaudern, mit dem Menschen Katastrophen verfolgen und sich vom Leid der anderen angezogen fühlen, wird bedient, ohne es an den Pranger zu stellen. Daniel Hit By A Train ist ein Abstecher ins Vaudeville, in die Pantomime und die Jahrmarktgaukelei, kombiniert mit dem Bezug zur seriellen Kunst,  zu dem das Ensemble auf seiner Suche nach einer theatralen Form für die Liste gefunden hat. Die Geschichten werden als lustige, possenhafte Lieder vorgetragen, mit signifikanten Gesten dargestellt oder überhaupt schnörkellos präsentiert. Kaum einmal kommt Dramatik auf, es ist, als sprächen Tote ganz gelassen von ihrem Schritt von der einen Welt in die andere.

Die Form ist der Inhalt

Mit der Liste als formalem Ansatz haben Lone Twin in den vergangenen elf Jahren immer wieder und sehr fantasievoll gearbeitet. Im fünfköpfigen Ensemble funktioniert dies nur bedingt. Oft fehlt der flüssige Rhythmus, zu lang sind die Durststrecken in der Wiederholung des Prinzips, zu unklar die Ausbrüche aus der Regel, die wie einfach wie ein Kinderspiel die Abläufe bestimmt. „Wer sah den Zug?“ fragt der Mann mit der Pauke. Einer der Spieler tritt vor: „Ich habe den Zug gesehen. Mein Name ist ... und ich habe ...“ Wenn man weiß, wie die Lone Twins arbeiten, wenn man den Programmzettel liest und den Ursprung der Katastrophenmeldungen kennt, kann man sich den Weg vorstellen, auf dem Gary Winters und Gregg Whelan gleichsam durch die Hintertür zu den Theaterformenzitaten gelangt sind.

Knallrot strahlen die beiden Bahnen Tanzboden, die zur Spielfläche werden, versehen mit einem leeren, stilisierten Türrahmen als Auf- und Abtrittsmöglichkeit. Die Zuschauertribünen rahmen von beiden Seiten die so sehr klar definierte und ausgestellte Bühne. Alles hat eine Referenz, und so erinnert sich das Theater an sich selbst - ein Gedenkspiel und eine liebevolle Verneigung vor der Flüchtigkeit dieser „sterblichsten aller Kunstformen, die stets entlang der Kippe zwischen Erscheinen und Verschwinden balanciert“ (wie es Lone Twin Theatre-Dramaturg David Williams formuliert).

Starker Gegner 

Schon beinahe romantisch ist diese Verbeugung des Theaters vor sich selbst. Nur mit einer Pauke als Requisit kommt es dieses „arme Theater" aus, quasi die Hosentaschen ausstülpend vor dem Zuschauer: „Schaut her, die Taschen sind leer, und doch prall gefüllt mit Möglichkeiten“, scheint das Lone Twin Theatre zu rufen. Wie in der seriellen bildenden Kunst, wo Bildregeln eine Reihe bestimmen und das Sujet gegenüber der Darstellung zurücktritt, gibt sich das (Theater-)Werk selbstständig. Der Reiz der Performance ist also auf einer formalästhetischen Ebene zu suchen, nicht auf der inhaltlichen (oder nur insoweit, als die Faszination der Menschen an der Sterblichkeit mit der Faszination am Theaterspiel verwandt ist).

Das Lone Twin Theatre setzt auf die Skurrilität seiner Darsteller, um den Zuschauern den Weg weg von den die Fantasie anregenden Biografien zu weisen, auf Abstraktion und Stilzitate. Mit den Katastrophenmeldungen haben sie sich allerdings einen streckenweise starken Gegner im Kampf um die Rezeptionshaltung ausgesucht. Und wer auf die Idee verfällt, im Inhalt die Ambition zu suchen, bekommt wenig Hilfestellung angeboten für die Richtung seiner Assoziationen, so glatt poliert ist die Erzählhaltung. Ein nicht einfacher Abend, gerade weil er sich so einfach gibt.


(6. 5. 2008)
Weblinks: http://www.festwochen.at   http://www.brut-wien.at