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Verbrechen als Zuwendung

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GABRIELE M. EINSIEDL TRITT IM WIENER TANZQUARTIER AUF DEN THEATERVORHANG

Von Helmut Ploebst


Die Tänzerin oder Performerin liegt auf dem Boden, als wäre sie mitten in einem Sprung erstarrt und einfach umgekippt. Oder als hätte sie jemand erschossen. Die Bühne ist ein Tatort. Einige Minuten lang liegt sie da, bis das Publikum so sehr beruhigt ist, daß es bereits wieder unruhig wird. Ein schwarzes Kabel ist so um die Konturen der Hingekippten gelegt, als ob ein Kriminalbeamter ihre Lage hätte kennzeichnen wollen. Von der Decke hängt an einer Leine ein Kleiderbügel, an den ein weißes T-Shirt gehägt ist, auf dem zu lesen steht „..TAT“. Man möchte ergänzen: „UN-“ und weiß nicht, ob das schon eine Fährte ist, ein Indiz für das, was noch kommen kann.

Die junge österreichische Choreografin Gabriele M. Einsiedl, deren jüngstes Stück „W-orte einer Körperlandschaft" so beginnt, ist eine Terroristin nach dem Bedienungsgesetz der zeitgenössischen darstellenden Kunst. Dieses Gesetz schreibt ein Mindestmaß an konventioneller Sinnlichkeitsleistung vor, nach all den Untaten des choreografischen Konzeptualismus seit „Nom donné par l'auteur“ von Jérôme Bel. Einsiedl verweigert das. Und ihr Publikum gerät in eine innere Bewegung. Die Beziehung zwischen Performerin und Zuschauern wird intensiver, je länger die zwanzig Minuten kurze Arbeit dauert.

Das Tat-Shirt 

Sie steht auf, geht zu einem leeren Streifen Papier, der an den Ecken mit Klebeband an der Wand befestigt ist. Sie stellt sich mit dem rechten Fuß auf ein kleines x aus schwarzen Klebestreifen und schaut das Papier an. Entfernt ein Stück Haftstreifen von dem Papier und klebt es sich auf die Blue Jeans. Sie übernimmt die Haftung für das, was sie tut und unterläßt, stellt sich hinter, verbindet sich mit dem „..TAT“-T-Shirt, reißt sich los, legt sich auf den Rücken und zeigt, daß auf der Unterseite der Socke über ihrem linken Fuß eine offene Klammer etwas abschließt, das ein zweiter Schritt sein könnte: ]. Ein eckiges Lächeln, gekippt. „In dem Stück steht keine Anweisung, die uns zu schweigen heißt“, schreibt Peter Handke in seiner „Publikumsbeschimpfung“, auf die Einsiedl als Referenz im Text zu dem Stück verweist.

Ihr Publikum gibt verhalten Laut. Die Tänzerin stellt sich auf einen roten Stoff, ein Stück Theatervorhang und winkt mit beiden Händen, öffnet den Mund, um einem munchschen stummen Schrei zu markieren, bewegt sich zwischen Anführungszeichen und winkt wieder, als drei Zuschauer gehen, während sie ihnen den Rücken zukehrt. Mittlerweile hat sie gegen mehrere Paragraphen des Bedienungsgesetzes verstoßen und wartet auf ihre Erschießung. Vier Lautsprecher auf der papierweißen Bühne, und bloß lauteres (oder läuterndes) Schweigen, das nur von uns auf der Tribüne zerbrochen werden könnte.

Die Fußblöße 

Die Spannung steigt. Die Tänzerin setzt sich an ein Gestell mit Kurbel, markiert es mit dem Haftstreifen, den sie zuvor von ihrer Hose gelöst hat, und umklammert, verdeckt diese Markierung mit ihrer linken Hand, dem Pendant zu ihrem linken Fuß, auf dem die Klammer klebt. Mit der Rechten dreht sie an der Kurbel. Langsam senken sich vier Mikrophone auf das Publikum herab, bis in Griffnähe. Man könnte sie an sich reißen und etwas sagen, fragen oder klagen. Etwa wenn Einsiedl, die Performerin, zwei weiße Vorhänge zu Stoffsäulen zusammenzieht und dahinter das zum Vorschein kommt: [    ...]

„Wir machen keine Kunstpausen“, heißt es bei Handke und: „Sie können nicht zwischen den Punkten lesen.“ Und: „Unsere Gesten sagen nichts aus, was zur Sache gehört.“ Sehr leicht bewegt sich die Tänzerin in ihrem weißen Tatort, den nur dieser Blutfleck von Theatervorhang auf das hinweist, worauf hier respektvoll mit dann bloßen Füßen getreten wird. Die einzige Blöße, die sich die Künstlerin in dieser Arbeit leistet, in der das Publikum hätte schimpfen können, wenn es gekonnt hätte. Wer weiß, was dann geschehen wäre...

Eine Liebe 

Theater und Tanz ziehen sich in ihr schon Gesagtes und schon Bedeutetes zurück, und der Geist des Politischen nimmt seine Rolle an. Denn politisch ist es nicht etwa, dem Publikum etwas über den Kommunismus vorzuplaudern, wie jüngst die andcompany mit „Little red (play): ,Herstory‘“ im Wiener Schauspielhaus, sondern, dem Publikum etwas vorzu(ent)halten, das die Situation markiert, in der es sich befindet, befindlich, wie alle Beteiligten eben dann sind. Mit ihrem körperlichen Dasein und den Eintrittkarten in den Taschen, also ihren Pässen für das Theaterland.

Einsiedl legt dort hingeschwiegene Brand-Sätze, wo Terrorismus ein Heldentum sein kann, ohne über Demagogie abzuschlaffen, wo das Verbrechen eine Zuwendung bedeutet, obwohl der vorgestellte Bruch bei manchen Paßkäufern eine Art Brechreiz zu erzeugen scheint. Besser aber, so paradox es auch klingen mag, werden sie nur selten geliebt.


(25.5.2008)