BRUT THEATER WIEN: THOMAS KASEBACHER UND LAIA FABRE LUNGERN IN EINEM KRIMI VON VICTOR GUNN
Von Andrea Salzmann
Allein wenn Kriminalgeschichten in der englischen Grafschaft Cornwall und dort im Hochmoor um die Stadt Bodmin angesiedelt sind, verweist das schon auf Enge und Eingepferchtsein in ein unangenehmes soziales Umfeld. In ihrem jüngsten Stück Linger (dt.: Lungern) begibt sich das Wiener Künstlerduo Laia Fabre und Thomas Kasebacher – gemeinsam mit den beiden PerformerInnen Núria Lloansi und Arend Pinoy – in diese enge Krimiwelt. Daraus entsteht dann eine erdige Atmosphäre, getränkt von den Düften eines Insektensprays und angebrannter Grillwürstchen. Songs und Sound von Cherry Sunkist und Bernd Oppl unterstützen dieses geisterhaft komplexe Setting aus Geschichten rund um den Kriminalroman „Death on Bodmin Moor“ (1960) von Victor Gunn.
Alle vier PerformerInnen verbindet eine persönliche Geschichte mit dem Roman. Sei es eine beinahe geglückte Liebesbeziehung, die dann aber in einem gewaltvollen Sexualakt endet oder aber das Scheitern einer Ehe, das zum Auslöser für das Schreiben eines neuen Kriminalromans wird, einer Art Sequel zu Gunns Buch, in dem der Kommissar seine wahre Persönlichkeit entfalten darf. Das Buch dient auch als Textvorlage für einen wunderbaren Song, der mit den Worten „He has no clue. He does not know what to do“ endet.
Die Dynamik des Stückes treibt aber immer tiefer in die Erd-Moorlandschaft mit Feuerstelle, einem kleinen Zelt und einem Grill mit den verbrannten Würstchen. Die Grunge-Hymne „My Girl“ (...my girl, don’t lie to me, / Tell me where did you sleep last night?) zerstreut zunächst die – hier gezielt wiedergegebene – Langeweile einer ganzen Generation. Bis sich Laia Fabre in eine negative Ekstase kreischt. Die Situation gerät außer Kontrolle. Angefeuert von den anderen springt sie immer wieder in einen Erdhaufen. Durch Stöckchenwürfe und Klapse auf den Rücken wird sie von Arend Pinoy zum Hund degradiert. Der Versuch, ihr ein Würstchen in den Hintern zu stecken, führt zum Abbruch. Rückzug ins Zelt. Auf, auf zum großen Geständnis. „I am embarrassed that I have put you into this position“, sagt Thomas Kasebacher in einer Tiger Woods zitierenden Ansprache aus Entschuldigungen und Selbstbezichtigungen, die an die ZuschauerInnen gerichtet ist.
Nebelreigen und Bocciaspiel
Wenn danach alle nackt im Reigen durch die Nebelschwaden tanzen, stellt sich aber doch die Frage – ist es so einfach? Eine Generalentschuldigung, ein Geständnis und schon wird alles vergessen – die ganze grauenhafte Gruppendynamik einfach runtergeschluckt? „You have to trust us.“ Hat Núria Lloansi gesagt, und was ist passiert? Misshandlung. Gesucht haben die vier PerformerInnen einen Weg zu uneingeschränkter Freiheit, wenn diese Freiheit nun aber darin bestehen soll, dass durch einen Nebeltanz alles wieder gut wird, dann fragt man sich, wieso sich eigentlich diese Wahnsinnsmühe machen und überhaupt nach Freiheit suchen, wenn es doch durch einen Rückgriff auf die Hippiekultur so einfach geht?
Übrig bleibt ein gemeinsames Bocciaspiel auf dem Campingplatz. Das Unbehagen ist weiterhin spürbar, der Konkurrenzkampf aktuell. Freiheiten gibt es in so einem Setting nicht, alles wird zurückgeführt in die regulären Bahnen des Alltäglichen, die auch das komische Element nicht aussparen. Wenn sich Campingausflüge der Generation Nirvana, den ungeliebten Schmuddelkindern der 1990er Jahre, die sich in ihrer Melancholie und Einsamkeit gefunden haben, in einem Krimisetting von Anfang der 1960er Jahre wiederfinden, kann wohl nur eine destruktive Verlorenheit im Gemeinsamen entstehen. Grunge ist nicht tot, aber als Überlebensstrategie taugt er heute nur noch in vergesellschafteter Form. Denn die ungeliebten Scheidungskinder von damals sind heute Mitte dreißig und haben hoffentlich ihre Kindheitstraumata überwunden. Sie sind angekommen in einer Welt, in der die Vermarktungslogik keine Grenzen mehr kennt und so wird auch ein gemeinsamer Campingausflug ins düstere Moor zur herausfordernden Selbstbehauptung.
(03.12.2011)
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