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LOUISE LECAVALIER IN BENOÎT LACHAMBRES SOLO "'I' IS MEMORY" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Helmut Ploebst
Diskret sickert Louise Lecavalier in die Bühne ein, weniger als Jemand, bloß als jemandes geduckter Schatten. Ein fiktives Erinnerungsstück, wenn man dem Titel des für sie von Benoît Lachambre choreografierten Solos „,I‘ is memory" folgt, als verwaschenes Dokument oder als Relikt von vorerst unbestimmbarer Form.
Wenn ein Bühnenraum wie in dieser Arbeit im Halbdunkel bleibt, dann
wird nicht selten auf das Geheimnis des Sichentziehenden angespielt.
Oft geht es auch um die stimmungsvolle Darstellung eines psychischen Raums. Um das
Unheimliche, das Verlorene, die Einsamkeit. In
der platonischen Höhle dieser Soloarbeit ist eine Gestalt als Schattenprojektion
umrissen und als solche stark hervorgestrichen. Die abgedimmten
Scheinwerfer lassen den sich im Halblicht bewegenden Körper umso
sichtbarer werden, je spärlicher sie leuchten. Und die durchwegs auf
dem Spiel stehende Anwesenheit der Tänzerin weist auf ihre vergangene
Existenz in einem anderen, einem schattenlosen Raum der unbedingten
Anwesenheit hin.
Das ist ein Ort, den Lecavalier, die während der 80er
und 90er Jahre als virtuoses Vorzeigeprodukt der Sensationsmaschine La
La La Human Steps immerhin ein Megastar im Tanz war, sehr gut kennt.
Ein in jedem Sinn toller Raum, der nach sich süchtig macht und in dem
die Unbedingtkeit so stark ist, daß das reine Anwesendsein alles
Dahinter (sowohl Strukturen als auch Schatten) durch sich ersetzt und
damit unsichtbar macht.
Genau dieses Unsichtbargewesene bringen
Lachambre und Lecavalier in „,I‘ is memory" zum Vorschein. Ein lose
gewobener Klangteppich von Laurent Maslé erweitert und lockert den architektonischen Raum. Eine mit einem Stuhl
verbundene Ballettstange bildet das einzige Requisit. Auf den Stuhl ist
eine leere Hülle drapiert: Trainingskleidung und ein Paar Schuhe, wie
Leftovers eines Jemand, der sang- und klanglos aus dieser Stoffhaut
gefahren ist. Diese Hülle zieht sich Lecavalier über ihre Kleidung, die
Kapuze über ihre erste tief ins Gesicht gezogene Kapuze, eine zweite
Anonymität über ihre erste. Eine Figur wie aus einer
Quadrat-Choreografie von Beckett, die sich sich so langsam bewegt, als
ob sie aus einem Stück von Myriam Gourfink zitieren wollte.
Wer
sich an Lecavaliers Auftritt bei Meg Stuarts, David Hernandez' und
Christine de Smedts Wienversion des Improvisationsprojekts „Crash Landing" im Jahr 1997
erinnert, findet Parallelen zu ihrer überpräsenten Abwesenheit bei „,I‘
is memory". Damals, nur zwei Jahre vor ihrer Trennung von La La La
Human Steps, versteckte sie sich entweder unter dem Tanzboden oder
begnügte sich mit endlos langem Seilhüpfen - so sehr im Hintergrund
verbleibend, daß nur das Geräusch des rhythmisch auf den Boden
schlagenden Seils daran erinnerte, daß da noch jemand war.
Im
Zusammenhang mit der künstlerischen Biografie der Tänzerin macht dieses
Solo Sinn. Als umgekehrtes Höhlengleichnis, in dem das Licht, das die
Rampe strahlen läßt, die Sinne täuscht und das Erkennen verdunkelt, das
Dunkel auf der Bühne aber etwas Wesentliches erhellt. Die Verlangsamung
aller Bewegung steht dabei in geradem Gegensatz zu Lecavaliers
phänomenaler Schnelligkeit und Artistik von einst. Und die Verhüllung
läßt die damalige Entblößung durch das Spektakel noch peinvoller und
zugleich verführerischer erscheinen. Mit ihrer schwelenden, alle
Virtuosität erstickenden Bewegungsqualität verkohlt die Tänzerin unsere
Erinnerungen an ihre früheren Hochleistungen.
Lachambre, der
diesen Brand gelegt hat, verkörpert als Choreograf eine
Radikalopposition gegenüber der Ästhetik des La La La-Guru Édouard
Lock. Lecavalier hat offensichtlich die Seiten gewechselt. Die
Überläuferin spricht von „abandonment, the collapse of the mind, the
loss of identity when a being is stripped of its habitual references"
und von der von ihr repräsentierten Figur als einem „Mutanten".
Immerhin ist die große Tänzerin nach einer schweren Verletzung wieder
auf die Bühne gekommen, um mit diesem Mutanten und dem Mutanten davor
zu verhandeln. Sie tut es aus einer starken Position heraus.
Die
Ballerinen Ornella Balestra bei Raimund Hoghe und Véronique Doisneau
bei Jérôme Bel sind mit der gegenwärtigen Position der spätmodern gewesenen Louise
Lecavalier bei Benoît Lachambre vergleichbar. Sie sind als
Interpretinnen aus dem Turbotemplate im Tanz herausgetreten und haben
sich auf ein Neuland ästhetischer Differenz gewagt. Während Balestra
und Doisneau zwar ihre Kontexte verschoben haben, nicht aber zu
„Mutanten" wurden, läßt Lecavalier eine andere Bühnenexistenz aus sich
heraus, deren Repräsentation und Bewegungmuster einen Eklat gegenüber
der üblicherweise homogenen Identität von Interpretierenden verursachen.
Vor
diesem Hintergrund ist ihr 45 Minuten kurzes Stück - als Lachambres
Werk - in keinem Moment enttäuschend. Nicht, wenn sie ihre beiden
Kapuzen ablegt und sich als gereifte Frau zeigt, nicht einmal in jenen
Momenten der Expressivität, in denen die Zunge aus ihrem weit
aufgerissenen Monstermund springen zu wollen scheint. Schon gar nicht,
wenn sie einen Breakdance andeutet und halb verdorben wieder fahren
läßt und genausowenig am Schluß, wenn sie als ausgebrannter Tanzroboter
in den Stuhl sinkt, und, den Kopf hintübergekippt, mit den Armen ins
Leere rudert. Sobald das Bühnenlicht ganz verschwindet, versinkt alles
„La La La", das Lecavalier noch anhaftet, endgültig. Was für eine
Erleichterung!
(27.10.2006)
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