Verschwindenmachen der Ferne

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MIT CHRISTINE GAIGG UND JURIJ KONJAR IM BUNDESOBERSTUFENREALGYMNASIUM PERG

Von Benjamin Schoppmann


Die Stadt Perg im unteren Mühlviertel ist, spätestens seit den 70-er Jahren, eine Schul- und Ausbildungsstadt. Den Zug verlässt man bei der Haltestelle „Schulzentrum Perg“, gemeinsam mit Gruppen von Schülern und Schülerinnen, die ihre Wege zwischen und in den großen rechteckigen Schulgebäuden fortsetzen. Wäre auf den Straßen nicht das Wandern der jungen Lernenden, glaubte man sich inmitten eines Industriegebietes zu befinden. Die Frau im Café an der Zugstation gibt mir, nicht ohne Stolz, einen Überblick über den Komplex: Es gibt eine Volksschule, zwei Hauptschulen, und das Bundesoberstufenrealgymnasium (BORG). Dann eine Handelsschule, eine Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe, eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL), eine Polytechnische Schule und die Landesmusikschule.

„Daß Menschen Wesen sind, die an Räumen teilhaben, von denen die Physik nichts weiß: Durch die Ausarbeitung dieses Axioms hat sich eine moderne psychologische Topologie entwickelt, die den Menschen, ohne Rücksicht auf seine ersten Selbstlokalisierungen, über radikal verschiedene Orte verteilt, bewußte und unbewußte, taghafte und nächtliche, ehrenhafte und skandalöse, solche, die dem Ich gehören, und solche, an denen innere Andere ihr Lager aufgeschlagen haben. Es macht die Stärke und Eigenständigkeit des modernen psychologischen Wissens aus, daß es die menschliche Position aus der Reichweite der Geometrie und der Einwohnermeldeämter entrückt hat.“ (Peter Sloterdijk, Sphären I. Blasen, Frankfurt 1998, S. 83)

Das BORG hat einem 140 m² großen Garderoberaum, gesteckt voll mit hängenden Jacken, Turnsackerln, Straßen- und Hausschuhen. Im Automaten ist kein Cola mehr. Ich warte auf Christine Gaigg und Jurij Konjar, zwei Künstler, die hier ein Projekt im Rahmen von „I Like to Move It Move It“ durchführen. Sie kommen und nehmen mich mit zur nächsten Garderobe und dann hinaus in die Sonne auf den Sportplatz: das Outback des Schulzentrums. Ein großer, etwas harter Rasen zwischen hohen Gebäuden und neben einer Baustelle voll aufgeworfener, hellbrauner Erde.

Ein Impulsspiel beginnt

Die Schüler tragen alle Turnschuhe. Sie sind nicht gerne barfuß. Schritt für Schritt organisiert Jurij Konjar die einzelnen Gruppen der etwa 15-Jährigen - in der Mitte zusammen - in einen Kreis, und diesen Kreis dann immer weiter auseinander, bis ein relativ großer Teil des Sportplatzes eingenommen ist. Die Reaktionen der Jugendlichen auf die kräftige Stimme Jurij Konjars sind träge, cool oder kichernd; anästhesiert von der Attitüde des Gelangweiltseins. Es dauert, bis in unserem Kreis, mit der Entfernung von etwa vier Metern zwischen den einzelnen Personen und einem Durchmesser von fast 30 Metern, die Spannung steigt, und sich eine Atmosphäre geteilter Aufmerksamkeit bildet. Dann beginnen wir ein Impulsspiel: Alle nach links drehen, dann laufen und den Nächsten anstoßen, sodass dieser den Nächsten usw. Langsam fängt die Idee auf dem Rasen zu fruchten an, und ein gemeinsamer Raum wächst.

„Entfernen besagt ein Verschwindenmachen der Ferne, das heißt der Entferntheit von etwas, Näherung. Dasein ist wesenhaft ent-fernend, (...). Ent-fernung entdeckt Entferntheit. (...) Das Ent-fernen ist zunächst und zumeist umsichtige Näherung, in die Nähe bringen als beschaffen, bereitstellen, zur Hand haben. (...) Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe.“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1967, S. 105)

Es ist Ewigkeiten her, dass ich in einer Gruppe auf einem Sportplatz stand. Das Bewegen „im Freien“ provoziert eine andere Körperlichkeit. Entscheidungen fallen in einem anderen Rhythmus als in Turnhallen oder Studios. Das Einräumen oder Überbrücken von Distanzen im Spiel der wechselnden Aufmerksamkeitszentren bekommt tiefere Dimensionen.

In Dreiergruppen sollen die Schüler dann jeweils eine gemeinsame kurze Bewegungssequenz choreografieren, die sie dann, alle auf dem Sportplatz verteilt, mehrmals wiederholen können. Es soll mindestens ein Ziehen, ein Drücken und ein Fallen darin vorkommen. In den Wiederholungen bilden die physischen Aktionen nicht nur eine Stätte der sinnlichen Erfahrung aus, im Zeichen ihrer Wiederholbarkeit finden sie zudem eine Spiegelung in der Zeit: eine Reflexion.

Prüfung der Verhältnisse

Auf dem Sportplatz verteilt beginnen die Diskussionen. Entgegen meiner Erwartung haben nach fünfzehn Minuten nicht nur alle Gruppen eine relativ klare Bewegungsabfolge ausgemacht, beim Vorzeigen scheinen sie sogar vergnügt, die Langeweile ist verflogen, und manche sind geradezu ein bisschen stolz auf ihr Produkt. „Wir haben das schon einmal mit ihnen geübt", klärt mich Christine Gaigg auf. Dann müssen die ersten zum Zug.

In der Nähe des Schulzentrums, wo Gaigg und Konjar untergebracht sind, sehen wir „The Perfect Human" von Jørgen Leth, einen Kurzfilm mit dem letzten Satz:  „Today, too, I've learned something, that I will maybe understand in a few days.“

Am Nachmittag spazieren die beiden mit mir durch ein nahegelegenes Gelände am Fluss. Zwischen Wiesen und Feldwegen malen sie sich die abschließende Vorstellung ihrer gemeinsamen Arbeit mit den SchülerInnen aus. Sie prüfen den Untergrund, die Lichtverhältnisse und mögliche Perspektiven: Wege, auf denen Landschaft, Künstler und Besucher in einen Dialog treten werden.


KünstlerInnen:

Christine Gaigg lebt als freischaffende Choreografin in Wien. Nach ihrem Studium der Philosophie und Sprachwissenschaft an der Universität Wien absolviert sie eine Tanz- und Choreografieausbildung an der School for New Dance Development in Amsterdam. Unter dem Label 2ND NATURE produziert sie Arbeiten in zeitgenössischem Tanz; u.a. zusammen mit dem Komponisten Max Nagl: „Oiwei Super“ (1995) Festival der Regionen in Oberösterreich; „Sacre Material“ (2000), ausgezeichnet mit dem Österreichischen Tanzproduktionspreis; „ten2hundred“ (2001), kuratiert für die Eröffnung des Tanzquartier Wien; „ADEBAR/KUBELKA“ (2003), unter Einbindung des Filmemachers Peter Kubelka. Zusammen mit dem Komponisten Bernhard Lang entwickelt sie eine Loop-Grammatik für Musik, Bewegung und Sprache: „TRIKE spring, summer, winter“ (2004) und „TRIKE“ (2005) mit Ensemblemitgliedern des Theater am Neumarkt Zürich. „V-TRIKE“ (2004-06) hat am Kaaitheater Brüssel Premiere. Ihre Inszenierung von Elfriede Jelineks „Über Tiere“ (2007) wird als Schweizer Erstaufführung vom Theater am Neumarkt Zürich, den Zürcher Festspielen und dem Tanzquartier Wien koproduziert. Während der Saison 2007/08 war Christine Gaigg Artist in Residence am Tanzquartier Wien. Neben ihrer Tätigkeit als Choreografin hat sie einen Lehrauftrag für Performancetheorie am Institut für Theaterwissenschaft Wien.

Jurij Konjars erstes Training ist Judo. Geboren 1978 in Ljubljana, beginnt er mit dreizehn Jahren zu tanzen, nimmt an Turniertanz-Wettbewerben in Slowenien und Europa teil, wendet sich dann Jazz, Tap, Modern Dance und Ballett zu. Er studiert Modern Dance in New York und Musical an der Urdang Academy in London. Sein Interesse an zeitgenössischem Tanz führt ihn nach Brüssel zu einem Studium bei PARTS. Jurij Konjar arbeitet mit vielen Kompanien in ganz Europa. Les Ballets C de la B und En Knap üben einen sehr großen Einfluss auf ihn aus. Von 2003 bis 2006 arbeitet er mit Gabrielle Nankivell (AUS) unter dem Label OX co. zusammen. Gemeinsam kreieren und performen sie ihre Arbeiten in der internationalen Szene. Sein aktuelles Stück ist die Solo-Arbeit „Ulysses“. 2005 gewinnt er den Publikumspreis für die beste Performance beim Moving Cake Festival in Ljubljana und den Merman Award als vielversprechendster aufstrebender Choreograf.


(26.5.2009)