|
EINE HISTORIOKLASTISCHE AVANTGARDE-INVESTIGATION IN DEN HANDLUNGSSPIELRÄUMEN VON TANZ UND CHOREOGRAFIE
Überall in den Avantgarden von Film, Theater, bildender Kunst, Musik- und Literaturperformance oder Architektur lassen sich tänzerische Strukturen und choreografische Strategien ausmachen: vom 3. bis zum 8. März 2008 fand im Tanzquartier Wien eine Untersuchung von corpus über das versehentlich Ausgeklammerte in der traditionellen Historiografie statt, die - mit neuen Paradigmen versehen - zu einer transmedialen Erweiterung geführt werden soll.
TeilnehmerInnen waren: Klemens Gruber (A), Nicole Haitzinger (A), Yvonne Hardt (D), Jack Hauser (A), Sabina Holzer (A), Elke Krasny (A), Boyan Manchev (BG/F), Fritz Ostermayer (A), Helmut Ploebst (A), Werner Rappl (A), Georg Schöllhammer (A), Miško Šuvaković (SRB) und Gesa Ziemer (CH).
Das Zusammensetzen eines Puzzles, dessen Teile erst während dieses Prozesses ihre Form erkennen lassen, war eine der großen Herausforderungen dieses Labors. Das Risiko bestand darin, daß die Formen der einzelnen Stücke sich als inkompatibel erweisen würden. Das ist in dieser Woche intensiver Materialpräsentation aus sehr verschiedenen Arbeitsfeldern nicht geschehen - im Gegenteil. Der Verlauf der sechs Labortage zeigte, daß innerhalb verschiedener Disziplinen die Voraussetzungen dafür, ein anderes Bild von der Geschichte des Tanzes zusammenzusetzen, bereits angelegt sind, und diese mit Erfolg verhandelt werden konnten.
In dem folgenden Textfeld, das aus zwei Typen von Schriften zusammengesetzt ist, jenen Überlegungen, die als Arbeitsthesen vorab formuliert worden waren (EX ANTE), und solchen, die in Konsequenz des Labors entstanden (EX POST), wird klar, was geschehen kann, wenn begonnen wird, in den Kanon einer bestehenden Historiografie einzugreifen. Wie schnell diese Geschichtsschreibung auszufransen beginnt und sich in eine offenere Struktur verwandelt.
Die TeilnehmerInnen hatten den Auftrag, sich vorab aktiv in die Materie einzuspielen und jeweils einen Text oder ein Thesenpapier zu liefern. Diese Materialien wurden zwei Tage vor Beginn des Labors auf corpus publiziert. Im Verlauf des Labors führten alle Partizipierenden tiefer in ihre spezifischen Diskursfelder, unterlegten sie mit Materialien wie Filmen, Texten oder auch Musik. Jede dieser Einzelpräsentationen wurde in der Runde reflektiert. Am Abend des letzten Labortags fand eine Öffnung des Labors für Publikum statt. Während der intensiven Diskussionen und Zueinanderstellungen von Ideen und Beispielen zeigte sich das Aufbrechen des Kanons als Aufbruch in ein Anderswerden des Denkens über Tanz und Choreografie - und das ist wesentlich mehr, als eine Woche Zusammenarbeit von dreizehn aus verschiedenen Fachbereichen kommenden ExpertInnen erwarten lassen würden.
Von einer Darstellung der künstlerischen Positionen des Situationismus und der assoziativen Ansätze Aby Warburgs (Werner Rappl) ausgehend verlief der Untersuchungspfad über eine choreografieorientierte Analyse des filmischen Werks von Dziga Vertov (Klemens Gruber) zu einer Darstellung von bewegungskompositorischen Werken der zweiten Avantgarde in der bildenden Kunst u.a. aus Ungarn, der Slowakei und Kroatien (Georg Schöllhammer). Elke Krasny erörterte künstlerische Strategien im urbanen Raum, Yvonne Hardt bezog sich auf den Stummfilm (Carl Theodor Dreyer und Walter Ruttmann), Nicole Haitzinger auf die frühe intermediale Tanzperformance „Parade“ unter dem Gesichtspunkt von Jean Cocteau, Fritz Ostermayer auf die subversiven Qualitäten des Dilettantismus im Free Jazz, Jack Hauser auf Filmmaterialien von Jean Rouch, Sabina Holzer auf die Schriften von Kathy Acker, Boyan Manchev auf japanische Experimentalmusik, Miško Šuvaković auf die frühe Tanzavantgarde im ehemaligen Jugoslawien, Gesa Ziemer auf Strategien der Komplizenschaft produktiven Arbeitens und Helmut Ploebst auf den europäischen Avantgardefilm von 1921-1979.
In allen relevanten „Stichproben“ waren choreografische und/oder tänzerische Strategien mühelos auffindbar und werden von den entsprechenden spartenspezifischen Parametern unterstützt. Dabei wird der intermediale Ansatz dort adaptiert, wo er Grenzen im Übergang zu anderen Medien zu setzen sucht. Unter dem Aspekt rezenter Rückversicherungstendenzen innerhalb der existierenden Sparten erhärtet sich die Annahme, daß eine Redefinition der medialen Praktiken über „Feedbackschleifen“ (Exkurs und Reorientierung) erfolgen muß, um spartenspezifische Angelpunkte zu gewährleisten und den Diskurs nicht in Beliebigkeit oder interpretatorische Willkür ausfließen zu lassen.
Das bedeutet, daß in diesem Prozeß dabei nicht um die Eroberung oder Abgabe von „Terrains“ verhandelt werden können, sondern daß den Sparten zusätzliche Diskursebenen eingezogen werden. Und das bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert. Diese Diskursebenen wurden im historischen Verlauf „versehentlich“ ausgeklammert oder marginalisiert und können erst heute mit neuen Blickwinkeln versehen und dadurch entfaltet werden. Vor allem auch deshalb, weil sich die geopolitischen und damit kulturspezifisch determinierten Voraussetzungen für eine transkulturelle Verständigung über die Verortung künstlerischer Entwicklungen seit 1989 radikal verändert haben.
Der als Grundlage für das Labor „Versehen“ operativ angewandte Begriff der Transmedialität folgt seiner konsequentesten Auslegung in der jüngsten Bearbeitung der spätestens seit 2002 (Irina O. Rajewski) geführten Diskussion: als „Übergang von einer medialen Ausdrucksweise in eine andere“ (Roberto Simanowski, 2006). In Bezug auf den Tanz folgt die Struktur „Versehen“ nicht dem 2004 von Johannes Birringer vorgeschlagenen hybridischen Ansatz, sondern dem Phänomen - wie es Gundolf S. Freyermuth 2008 in Rekurs auf Marshall McLuhan mit dem „Eintritt der Audiovisionen in den Datenraum“ beschreibt - des Transfers (Helmut Ploebst, 2004). Dabei tritt ein Diskurstyp wie der Tanz sowohl im Medium der Liveperformance als auch im Medium des Films, im Medium der Videokunst, des Texts, der Architektur auf - als Film, Video, Text oder Architektur.
Die Verklammerung entsteht im medialen Metadiskurs - wie etwa bei Wolfgang Welschs Beschreibung der Transkulturalität (1995) - als Reflexion einer „geteilten Praxis". So setzt sich „Versehen" von den letztlich inflationär angewandten Mischtheorien der Intermedialität (als Wechselwirkung wie bei Rajewski) ab und erhält damit ein Instrumentarium, das sowohl eine Diskursivierung von etwa Film als Film (intramedial) und von Film als Tanz (transmedial) ermöglicht als auch beispielsweise die „Übertragung des Kubismus in den Tanz“ (Simanowski mit Bezug auf Riha/Schäfer) verhandelbar macht.
Was in einem engen Zeitrahmen von wie bei dem sechstägigen Labor „Versehen“ angerissenen Überlegungen „ent-deckt“ werden konnte, läßt sich vor allem dann in breitere Auseinandersetzungen zur Neuschreibung der (hier:) Tanzgeschichte einarbeiten, wenn es zu gezielten Weiterbearbeitungen kommt. Dabei wären jene Impulse zu verstärken, die Konzepte der Transkulturaltät mit jenen der Transmedialität verbinden und auf deren potentielle Interdependenz hin untersuchen. Die Verstärkung dieser Impulse ist vor allem zur Überwindung der Trägkeitsgesetze in der konventionellen Historiografie nötig.
corpus dankt den TeilnehmerInnen an dem Labor für ihre aufschlußreichen Beiträge und dem Gastgeber Tanzquartier Wien sowie der Allianz Kulturstiftung als Sponsor für ihre Unterstützung.
(Helmut Ploebst, 15.6.2008)
Anmerkung: Weitere Texte und Materialien folgen demnächst.
|