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BRICE LEROUX, WILLIAM FORSYTHE UND DIE BEWEGUNG AUF T-SHIRTS
Von Irmela Kästner
Quantum Quintet
„Das Nebensächliche erleuchtet die Hauptsache“, hat Jean-Luc Godard einmal gesagt. Und es macht durchaus Sinn, einleitend über das Stück „Quantum Quintet“ von Brice Leroux einen Filmregisseur zu zitieren, ist die Arbeit des französischen Choreografen doch reine Licht(spiel)kunst, die sich der traditionellen Technik des Schwarzen Theaters bedient. Ein je nach Lichteinfall transparenter Spiegel trennt die fünf Tänzer von ihrem Publikum, das anfangs sich selbst anschaut. Mit Einsetzen der Dunkelheit erscheinen ihre Gesichter in Reihe, schieben sich deckungsgleich vor die gegenüberliegenden Zuschauerköpfe, um mittels eines Tanzes ihrer Unterarme eine Stunde lang Grenzüberschreitungen zwischen Körper und Bewegung vorzuführen, die Wahrnehmung bis in die hintersten Winkel ausreizend. Man möchte fast sagen, vorzugaukeln, denn in ihrer hypnotischen Wirkung haftet den Stücken von Leroux oftmals etwas Magisches an.
Der Aufbau operiert mit einfachster Technik und ist doch höchst komplex und genau ausgeklügelt. Wie Keulen hüpfen die leuchtenden Extremitäten auf und nieder, klappen sich zu Geraden und rechten Winkeln. Synchronität, die sich auflöst und erneut findet. Unweigerlich kommt einem Anne Teresa De Keersmaekers „Fase“ in den Sinn. Nur dass die Verschiebung sich in Stille vollzieht und nicht in der gnadenlosen Konfrontation mit einer Musik. Leicht und schwerelos, stets an den Rändern des Wahrnehmbaren operierend, suggerieren die über diesem „ballet méchanique“ stehenden Köpfe die steuernde Kontrolle, bis das Gesicht und damit der Mensch total verschwindet, die Bewegung der nunmehr zu Leuchtbalken abstrahierten Arme dagegen auf einmal umso organischer erscheint. Dynamische Impulse durchbrechen das mechanisch gleichförmige Auf und Ab, verwandeln es in einen schwungvollen Aufstieg, auf den am Umkehrpunkt mit einem Moment von Schwerelosigkeit ein sachtes Hinabschweben folgt. Die Balken fügen sich zur Sinuskurve, zum Puls des Lebens, sichtbar als zeichenhafte Abstraktion von existentieller Bedeutung.
Leroux' Konsequenz, Bewegung in ihrer Essenz auszuleuchten, sie Schritt für Schritt von ihrem Gegenstand zu lösen und dabei ebenso präzise wie unmerklich in ihrer Bedeutung zu verändern, fasziniert. Der Zuschauer, auf höchst subtile Weise (medial) vereinnahmt, wird eins mit der Bewegung, spürtein wenig von der ewigen Sehnsucht zu fliegen - und applaudiert am Ende sich selbst.
Randbemerkung
„... all movement expresses desire“. Ein Zitat der Choreografin Meg Stuart hat die sommerszene Salzburg in diesem Jahr zu ihrem Motto erkoren, das nun sämtliche Mitarbeiter weiß auf schwarzer und schwarz auf weißer T-Shirt-Tracht werbewirksam in der Stadt spazieren tragen. Will sagen: Der zeitgenössische Tanz hat die Bewegung wieder entdeckt, virtuos, leidenschaftlich, schön, umarmt auf der einen Seite das klassische Ballett und auf der anderen subversive Jugendbewegungen wie den Extremsport Parkour.
Das ist zwar nicht neu. Und die „Headliner“ von Salzburg 2008, Meg Stuart und Anne Teresa de Keersmaeker, haben ja eigentlich nie aufgehört sich zu bewegen und ihren Tanz keineswegs konzeptuell dem Stillstand unterworfen. Vielmehr suchten sie nach Umwegen, Widerständen, Reibungen, nicht zuletzt im eigenen Körper, um der Bewegung, Motivation und Tiefe zu geben. Doch gibt ein Thema bei einem Festival einen guten Anlass, genauer hinzuschauen, die Sinne zu schärfen, Selbstwahrnehmungen der Künstler zu befragen.
Jedenfalls: Bewegung wird hier eindeutig von den Rändern her aufgerollt. Dort wird geforscht, Wesentliches erfahren, werden neue Perspektiven und Fragen aufgeworfen. Setzt man nun an den Rändern der Wahrnehmung an wie Brice Leroux oder wie William Forsythe an der Peripherie von Raum und Körper.
Verflüssigte Körper
William Forsythe ist mit seinem hoch gelobten Tanz-Triptychon zu Bildern und Fragen des Krieges „Three Atmospheric Studies“ zum ersten Mal Gast der sommerszene Salzburg. Im Zusammenhang mit der Choreografie Forsythes werden stets zwei Begriffe/Konzepte angeführt: Zum einen das Ballett, dessen Architektur er aufgebrochen, dem er neue Räume geöffnet hat. Und der Name Rudolf Laban, dessen System Basis seiner Improvisation Technologies ist. Doch Laban ging von einem Menschen aus, der sein (Bewegungs-)Zentrum in der Körpermitte hat. Forsythe dagegen verlagert das Zentrum immer wieder in die Peripherie, initiiert von dort aus Bewegung, überführt sie in die Fortbewegung und Ziel gerichtete Aktion.
„Welches Menschenbild verbindet sich damit in unserer heutigen Zeit, wenn das Zentrum sich ständig verlagert und bis in die äußersten Extremitäten rutscht“, fragen auch die Forscher am Londoner Laban Centre wie Valerie Preston-Dunlop, die Forsythes erweiterte Bewegungssysteme in die ursprüngliche Lehre zu integrieren versuchen. Fast könnte man den Amerikaner als Visionär bezeichnen. Denn kaum ein anderer Choreograf hat es verstanden, diese nicht mehr vorhandene Zentrierung in Aktion und Bewegung, und nicht nur in Zustände, zu transformieren und Körper und Raum in diesem Sinn regelrecht zu verflüssigen. Der Begriff „atmospheric“ im Titel führt fast auf eine falsche Fährte. „Ich möchte eine Kommunikation darüber, was wirklich getan wird“, appelliert Forsythe im Publikumsgespräch.
Dann spricht er vom „counterpoint“, der komplexen korrespondierenden musikalischen Linienführung vornehmlich aus dem Jazz, der in der Choreografie sein Interesse gilt und die er in der Verantwortung seiner Tänzer wissen möchte. Und schließlich von „tribes“, vergleicht sich und seine Company in der loungehaften Sandsteinhöhle der Kavernen mit einem Stamm, isoliert vom Rest der Welt in ihrer eigenen Suche und (Bewegungs-)Sprache.
Und spätestens dann bekommt man ein vages Gefühl, wie gedanklich nah der Altmeister womöglich den vier Parkour-Kids ist. Die Sache mit dem Counterpoint beherrschen sie ganz intuitiv wie ihre akrobatische Performance an der Fassade des Mönchsberg Museum zeigt. Aber ihre eigentliche Mission ist ja weniger die Show als der einsame, meist ungesehene Lauf durch den urbanen Dschungel, während man dabei „gleichzeitig den Jäger und den Gejagten in sich spürt“, wie mir der 22jährige Blake aus London erklärt. „Du musst wie das Wasser werden." Und da nicht nur seine Bewegungen sondern auch sein eloquenter Redefluss einem sprudelnden Quell gleichen, folgt demnächst ein Interview.
(6.7.2008)
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