Video als Volkshochschule

Drucken

"13 LESSONS IN PERFORMANCE ART": FRAUENKUNST IM WIENER TOP KINO

Von Eva Baumgartner


Das Wiener Top-Kino wird im Rahmen von „13 Lessons in Performance Art“ zur Volkshochschule für feministische Performance-Kunst


. Der Filmverleih sixpackfilm zollt der „Hochkonjunktur von Performance Art“, wie es im einleitenden Programmtext heißt, mit einem siebentägigen Crashkurs in Sachen feministischer Performance-Kunst Tribut. 13 Lektionen kann frau/man sich dieser Tage im Top-Kino erteilen lassen und einen Querschnitt weiblicher Arbeiten für das Medium Film und Video der letzten fünf Jahrzehnte erleben. Altmeisterinnen wie Carolee Schneeman, Joan Jonas, Marina Abramovic oder Martha Wilson treffen innerhalb thematischer Bündelungen auf eine junge Generation von Performancekünstlerlinnen.

Eine unlösbare Rechenaufgabe...

Der Titel des Programms „Frau+Mann+Sex“ erinnert auf den ersten Blick an eine Rechenaufgabe. Ergänzt man (frau) das fehlende =-Zeichen, drängt sich schnell der Verdacht auf, dass eine solche Gleichung niemals nur ein Ergebnis haben kann und somit schier unlösbar ist. 
Neben Sanja Ivekovics filmischem Körperrundgang „Monument“, eine spannende und subtile Annäherung an den männlichen Körper, und Carolee Schneemanns Arbeit „Fuses“, ein Porträt körperlicher, heterosexueller Liebe abseits von Pornoästhetik, bildet das Zusammentreffen zweier Arbeiten von Marina Abramovic das Herzstück des Programms.

In „Light/Dark“ tauschte sie 1978 bis zur Erschöpfung Ohrfeigen mit ihrem damaligen Partner Ulay aus. Die ursprüngliche Performance dauerte eigentlich 20 Minuten und wurde für die Videoaufzeichnung, entgegen des Grundsatzes des Paares eine Performance niemals zweimal zu machen, wiederholt. Die nur sieben Minuten lange Aufzeichnung, die in der Mitte, gleich dem Schrägstrich im Titel, durch einen Schnitt in zwei Hälften geteilt wird, kann dem Live-Erlebnis einer solchen Aktion kaum das Wasser reichen.
 In ihrer Arbeit „Balkan Erotic Epic“ von 2006 stimmt Marina Abramovic als seriöse Sprecherin mit einleitenden Worten die Zuschauer auf die folgenden Bilder von Fruchtbarkeitsritualen und Folklore-Mythen im Balkan-Raum ein. „To make the crops grow, men masturbate into the earth.“ Ein leuchtend grüner Rasen, übersät mit auf dem Bauch liegenden, nackten Männern, die die Erde penetrieren. Trotz schräger, durchgestylter Bilder bleibt die Arbeit weitgehend inhaltsleer und wird somit zum Negativ-Beispiel einer Gegenüberstellung von vergangener und gegenwärtiger künstlerischer Arbeit.

Abschließend fordert Ex-Warhol-Schauspieler John Giorno im gleichnamigen Film von Antonello Faretta: „Just Say No To Family Values!“ In seinem lyrischen Sprechakt ruft er zu hedonistischen Genüssen auf und stellt sich gegen die konservative Moral als Ergebnis der Rechnung Frau+Mann+Sex. Ein lustvoller Abgesang für ein Programm über Begehrensstrukturen, dessen Titel letztendlich optisch wie inhaltlich eine Addition ohne Endsumme bleibt.



To all the bad girls everywhere...

„I am gorgeous, that is nothing new“ wird zum Auffangbecken für MeisterInnen der Selbstdarstellung. Vertreten sind hier sowohl die masturbierende Mimi Minus alias Mara Mattuschka als auch die plappernde Dragqueen Vaginal Davis, vor deren intimen Bekenntnissen keine Celebrity - von Justin Timberlake bis Tom Cruise - sicher ist. Die Queen of Neo-Burlesque, Katrina Daschner, lässt sich ebenfalls nicht lange bitten und liefert mit ihrer lasziven Revue „Aria de Mustang“ nicht nur den Titel für dieses Programm, sondern legt als lesbische Tänzerin im Reiterkostüm die Messlatte in punkto Selbstbewusstsein hoch.

Susan Mogul dagegen macht in „Take Off“ anhand ihres Batterieverschleißes unverblümt deutlich, welch lustvolle Beziehung sie zu ihrem Vibrator hegt, bevor Sadie Benning mit ihrer Liebesgeschichte „It wasn't love“ von 1992 den Höhepunkt des Abends abliefert. Von der platinblonden Diva über den coolen Rebellen mit Zigarre bis hin zur dramatisch-geschminkten Vamp-Ikone, durchläuft Benning in ihrer Erzählung eine Reihe von Film Noir-inspirierten Stereotypen. Innerhalb dieses lesbischen Bad-Girl-Trips überschreitet sie die Grenzen der Selbstdarstellung und spinnt Fantasien rund um Liebe, Selbstentdeckung und Unabhängigkeit.

Platzen der Geschlechternormen

Die junge Künstlerin Bernadette Anzengruber entledigt sich in ihrer ersten Videoarbeit „Just a meaning that you attribute to it“ unter vollem körperlichen Einsatz ihres auffälligsten sekundären Geschlechtsmerkmals. Durch Auf- und Abspringen bringt die zierliche Künstlerin ihren üppigen falschen Busen buchstäblich zum Platzen. Zehn schmerzvolle Minuten lang werden die Betrachter zu Zeugen eines so schweißtreibenden wie nervenaufreibenden Prozesses des Abschüttelns.

Am Ende dieses Martyriums steht ein ehrlich erleichtertes Lächeln der Performerin. Dass die Künstlerin im Nachhinein an diesem Lächeln zweifelt, wie sie im Publikumsgespräch betont, ändert nichts daran, dass gerade dieser Moment der (Auf)Lösung zum Umsturz wird. Stellvertretend für den Rest der weiblichen Bevölkerung und das Programm Subversion der Geschlechternormen hat sich Bernadette Anzengruber zumindest schon einmal von einem weiblichen Körperklischee, nämlich dem des üppigen Vorbaus, befreit. Es mögen weitere folgen...



Bonus:
Marina Abramovic, „Light/Dark“:

http://www.youtube.com/watch?v=VzelB74BJfI

„Light/Dark“ reenacted:

Marina Abramovic und Ulay finden in der Generation-YouTube zahlreiche Nachahmer.
http://www.youtube.com/watch?v=gmAwkkx7I4s
http://www.youtube.com/watch?v=4DeyrwSGWkg
http://www.youtube.com/watch?v=353yWlRuRsA

Marina Abramovic, „Balkan Erotic Epic“:
http://www.youtube.com/watch?v=geVbn0cWsjg

John Giorno/Antonello Faretta, „Just Say No To Family Values“:

http://www.youtube.com/watch?v=uX2ChhMiOmk

Christophe Chemin/Vaginal Davis, „Blacky Gossip“:

http://www.youtube.com/watch?v=Q4sFmRXkALU



(28.11.2009)