Viel Spass beim Erwachsenwerden

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"I’M NOT THE ONLY ONE" – ZWEI BUNTE FOLKLOREABENDE VON CONSTANZA MACRAS IM WIENER SCHAUSPIELHAUS

Von Judith Helmer

Es gibt Themen, zu denen fällt einem mehr ein als in einen einzigen Abend passt. Zum Beispiel zur eigenen Biografie, und besonders zu dem Aspekt, den die argentinisch-deutsche Choreografin Constanza Macras für ihre im Jänner an der Berliner Volksbühne herausgekommene Produktion „I’m not the only one“ herausgegriffen hat: die Heimatverbundenheit - oder -losgelöstheit.

Dafür hat Macras mit ihrem Ensemble Dorky Park assoziativ entwickelte autobiographische Mythologien in zwei sowohl separat schlüssige als auch im Zusammenhang einander sinnvoll kommentierende Stücke aufgeteilt. Bei dem Gastspiel im Wiener Schauspielhaus übertrug die heitere Truppe ihre Freude an der eigenen Nabelschau auf das Publikum.

Im Spielzimmer der Fremde

Die Bühne ist ein kunterbuntes Spielzimmer, in dem Torten fliegen, Kostüme zu Hauf gewechselt werden, Rollenspiele und handfeste Streitereien stattfinden. Zusammengehalten wird das Tohuwabohu durch so intelligente wie fetzige Bühnenmusik (Claus Erbskorn, Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig). Und durch viel Text. Nicht umsonst ist „I’m not the only one“ an einem (Sprech-)Theaterhaus entstanden. Die Tänzer des internationalen Ensembles (das an beiden Abenden unterschiedlich zusammengesetzt auftritt) stammen aus Kanada, Korea, den USA, Israel, Frankreich und Deutschland, und sie wissen nicht nur mit ihren Körpern von dem Gang in die Fremde zu erzählen.

Erinnerungen an Werbeslogans, Haustiere und Konflikte im Elternhaus werden gerne im Stuhlkreis öffentlich ausgebreitet. Die Kombination von Sprache und Darstellung macht die Arbeit thematisch sehr eindeutig und nacherzählbar. Die Texte sind voll der Ironie gegenüber der eigenen Situation und der Entwicklung dorthin. „Wie ist das, freiberuflich zu sein?“ fragt zum Beispiel Knut, ein biederer Käseverkäufer aus Gelsenkirchen, dem schon mit 14 das Coolsein einfach viel zu viel Arbeit machte, seine Jugendfreundin Jill, die für den Traum vom Tanzen auf Gehalt und Selbstachtung weitestgehend zu verzichten bereit, dafür aber in der vermeintlich weiten Welt daheim ist.

Älter und viel sentimentaler 

Anpassen oder Fliehen vor dem, was einen hervorgebracht hat - das war die Frage der Adoleszenz und des ersten Teils. „Neugierig werden statt zu werten“, ist die ausgesprochene Losung der jungen Generation. Im zweiten Teil sind alle älter geworden und viel, viel sentimentaler. Wovon man anfangs möglichst weit weg wollte, das erscheint in der räumlichen und zeitlichen Distanz als emotionaler Ankerpunkt - und auf ewig verloren. Wo ist Heimat? „Mein Herz schlägt hier in meiner Brust, und ich will nicht, dass es jemals aufhört“, lautet eine mögliche Antwort.

Was man da zu hören bekommt, ist alles schön und gut, aber in seiner ganzen Liebenswürdigkeit auch sehr zahm. Sind es im ersten Teil vor allem körperbetonte Sketches, die die sprachliche Ebene bereichern, gibt es in Teil zwei eine Reihe von eigenständig getanzten Soli, Duos und Trios. Humoreske Persiflagen von vor falschem Nationalkolorit strotzenden Folkloretänzen, in Tanz umgesetzte Paarstreitereien oder ein Solo mit Marionetten - alles ist aufs Engste verknüpft mit dem Thema und lässt dem Zuschauer enttäuschend wenig Deutungsspielraum. Umso wertvoller erscheinen Momente wie das Solo der herausstechend interessanten Hyoung-Min Kim, mit dem der zweite Teil beginnt, das zwar eine Vielzahl von Assoziationen hervorruft, aber relativ offen bleibt.

Macras hat den Witz für sich gepachtet und diesen beherrscht sie zweifellos auf intelligente Art und Weise. „I’m not the only one“ ist eine pointierte Zustandsbeschreibung einer Generation von Idealisten, die alles anders machen wollten als ihre Eltern und feststellen mussten, dass man aus dem Kokon seines Ursprungs nie ganz entschlüpfen können wird. Das kommt einem doch bekannt vor?

 

(21. 2. 2007)

„I’m not the only one“ Teil 2 noch bis zum 24. 2. im Wiener Schauspielhaus, www.schauspielhaus.at
An der Berliner Volksbühne wieder vom 22. bis zum 25. 3., www.dorkypark.org