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Vielversprechende Zeichen

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PHILIPP GEHMACHERS NEUES STÜCK "IN THEIR NAME" BEGEISTERT IN GRAZ

Von Judith Staudinger




Stringent treibt Philipp Gehmacher mit seiner neuen Bühnenarbeit in their name, uraufgeführt als letzte Premiere des diesjährigen steirischen herbst, seine Themen der vergangenen Jahre weiter: präzise Fragen nach dem Anderen, den vermissten und vermessenen Berührungen und den Grenzen des Selbst. Seinem starken persönlichen Stil, dieser stotternden Sprache aus eben nur beinahe lesbaren Gesten, deren Syntax dem Lesenden wie dem Sprechenden fremd zu bleiben scheint, treu bleibend, gelingt Gehmacher mit Rémy Héritier und An Kaler ein berührendes Meisterwerk.

Lange, die Wände stützende Kanthölzer, stoffumwickelt oder aus glänzendem Aluminium, scheinen die ganze Konstruktion vor dem Einstürzen zu bewahren: Vladimir Miller hat für in their name einen Raum geschaffen, der wie ein Zwischenlager wirkt. Wie provisorisch lehnen da große, matt gebürstete Stahlplatten an der Wand, auch eine Platte aus Neonröhren, altes Holz, Stoffe. Eine vom Rahmen gelöste, dadurch weich hängende Leinwand, brutal mit den Kanthölzern an der Wand gehalten, zeigt einen Hochsitz über Baumwipfeln. Es sind Bruchstücke, aufgeladen mit Erinnerungen, die wir nicht kennen, und Materialen, die echt sind und die eine eigene sinnliche Kraft, Temperatur, Härte, eben Beschaffenheit ausstrahlen.

„Things to name when passing by“

Treibgut zieht sich auch durch die Texte. Komplexe Stimmungen evozierende, kurze Erzählungen von Rémy Héritier verknüpfen Disparates: Ein Mann treibt auf einem Fluss in Richtung Ozean. Aufs Meer blickend beschwört er sich, ein besserer Mensch zu werden. Ein ganz anderer Mann blickt auf das Meer der Häuser, Straßen, Gebäude einer „Stadt, die ist wie jede andere Stadt“. Und ein dritter Mann steht auf der Bühne eines Theaters, von dort abtretend hat er den gleichen Wunsch wie der Mann am Meer: besser zu werden. Philipp Gehmacher blickt in melancholischer Grundstimmung auf „things to name when passing by“, und auch der abschließende Dialog zwischen ihm und An Kaler, voll von Wiederholungen, wirkt wie zufällig auf der gleichen Welle dahin treibendes Satzgut: „Waiting for a sign, like waiting for more.“

Der Zuschauer selbst findet sich auf der Tribüne wie auf einem Felsen inmitten dieses Meeres von einem Raum sitzend wieder. Umspült von den Bewegungen, die ihm ganz nahe kommen, bis die Schaumkronen seine Schuhspitzen fluten, oder sich zurückziehen wie bei Ebbe und Distanz herstellen. Es ist die Stimmigkeit dieses Gesamteindrucks der Empfindungen, die Raum, Text, Licht (Jan Maertens) und die verhaltenen Sounds (Andreas Hamza) vermitteln, die dem Tanz eine derart offene Bühne schafft, dass er darauf treiben kann, gehalten, ohne sich in sich selbst zu sehr verankern zu müssen.

Vielleicht ist es diese Disposition, die auch eine derart direkte Kommunikation zwischen den Tänzern und dem Publikum ermöglicht. Die wunderbare An Kaler, hier ganz burschikos, (er-)öffnet den Raum mit ihrer Bitte nach Umarmung, die unerwidert bleibt. Verletzbar, im Ausnahmezustand, so präsentiert sie eine Figur, in their name. Es ist Gehmachers Tanzsprache, die Kaler idealtypisch interpretiert, die diese Darstellung ermöglicht. Starke Emotionen werden transportiert, aber eben nicht repräsentiert. Die künstlerische Strenge, das Ge- und Unterbrochene, hält die Darstellung des Existentiellen, des zutiefst Menschlichen auf der Stellvertreterebene. „Gesten zwischen Pathos und Stilisierung und Selbstvergessenheit. Pathos des schreienden Minimalismus“, wie Krassimira Kruschkova es im Programmhefttext im Kern trifft.

„The signs are promising“

Jahrelange Körper- und Raumrecherchen liegen Gehmachers Stil zugrunde, das spürt man in seiner präzisen Präsenz. Er stürzt, stolpert, hält inne, legt sich nieder. Der Bewegungsfluss wird unterbrochen und zersetzt. Bei starr gehaltenem Rumpf sind es meist die ausgestreckten Arme, die wie eigenständig wegweisen, weg vom Körper, die fremdgehen, ein Fremdheitsgefühl dem eigenen Körper gegenüber manifestierend. Im Trio korrespondieren die verstreuten Gesten und Bewegungen, auch wenn die drei losgelöst voneinander agieren. Nahe kommen sie einander nur selten: ein bewusstloser Körper wird gehalten, sein Puls gefühlt, Umarmungen scheitern, man schützt sich im Fallen oder hilft bei Aufstehen. Zur Ruhe kommen die Figuren nur allein, wie An Kaler, wenn sie mit geschlossenen Augen und offenem Körper vor uns sitzt.

Die Zeichen versprechen viel, sie drücken eine tiefe Sehnsucht aus, teilen sich dem Zuschauer mit – und markieren doch immer nur den Rand, die Grenze und das Verhältnis. Gehmachers Figuren sind Grenzgänger und, wie der Titel nahe legt, eben auch Stellvertreter. Sie sind, nachdem sie zuvor durch die Videoinstallationen dead reckoning und at arm’s length wandelten, mit in their name zurück auf der Bühne angekommen.


(18.10.2010)