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von Daniel
Aschwanden
Bestimmt funktioniert für manche Leute das Bestellen von Viennale Karten
via Internet. Ich möchte mir das Anstehen in endlos langen Schlangen ersparen.
Anfänglich. Daraufhin bin ich im Ausland unterwegs. Auch freundliche Hinweise
aus dem Festival-Büro helfen nichts. Den Breakdown des Servers im ersten
Ansturm habe ich ohnehin eingeplant.
Irgendwann gebe ich
auf, nachdem beim Kontrollblick Film um Film mit der Bemerkung "nur noch
Rollstuhlplätze erhältlich" markiert ist. Parallel bricht mit einer
Terminverwechslung meine ganze Zeitplanung zusammen. Manche Orgien bleiben nur
geträumte; so auch meine mit dem Ziel, 40 Filme zu betrachten … Nicht in diesem
Jahr! Demütig beschließe ich, alle aufwendigen Ansätze aufzugeben und im Rahmen
meiner Möglichkeiten die Methode des Flaneurs, des Dérive zu wählen und nach
Spontanformeln vorzugehen: Tageszeit, Wetter, Stimmung, Nähe zum entsprechenden
Kino, Schlafenszeit meines Sohns, die sich verändert, wenn er zufällig Bauchweh
hat. Das ist sonst eigentlich nie der Fall, wird nun aber plötzlich zu einem
bestimmenden Faktor der Filmauswahl. Aufatmen. Immerhin. 23 Uhr ist eine
vernünftige Zeit. Und ich wohne nahe beim Stadtkino, welches deshalb mein
Hauskino ist, zu Fuß in 4-5 Minuten erreichbar. Der Oktober ist bereits weit
fortgeschritten.
HANAI
SACHIKO NO KAREI NA SHOGAI – THE GLAMOROUS LIFE OF SACHIKO HANAI
von Meike Mitsuru
Der erste Film dieser
Viennale, nachdem mein Fahrrad noch an einer U4 Station auf mich wartet und
somit die Urania und der dort programmierte Film außer Reichweite geraten sind.
Leider haben sich viele Menschen zu einem Spontanbesuch ohne Reservierung
entschlossen – genau 23 sind es, die bereits im Besitz einer Zählkarte sind.
Ich bin der Drittletzte, der es noch ins Kino schafft.
Die Kraft
dieses Films liegt in der behaupteten Unschuld und im trashigen Vokabular, mit
der er einhämmert, wie sehr das Politische obszön ist und wie sehr es das
Private dominiert: Bis zum Eingriff in den privatesten Raum, die Vagina der
Heldin und Hauptdarstellerin durch den geklonten Finger von George Bush.
Glaubt der
Film wirklich an seine eigene, hippiehafte Verwendung einer Metaphorik der
Begriffe? Hier liegt seine Grenze. In Bezug auf Rollenbilder überschreitet er
den eigenen machohaften Ansatz nie und besetzt ziemlich naive
Frauenbildklischees. Eineinhalb Stunden exerziert er durch, was sich
ausschließlich feuchter Männerträume bedient – im Sichtbarmachenwollen, wie
obszön das Politische sei. Der Frauenkörper ist vom Männerblick besetzt – in
diesem Fall auch von meinem, ich kann mich dem nicht entziehen. Nun reflektiert
der Streifen zwar das Obszöne der Politik, aber nie die Obszönität des eigenen
Blicks. Insofern setzt er auf eine ähnliche Weise Gewalt ein, wie die
politischen Kräfte, gegen die er sich auflehnt. Um diese zweifelhafte Gleichung
zu verlassen, müsste er tatsächlich eine andere Bildpolitik betreiben. Zwar
macht er uns (die Männer) ab und zu lächerlich – und vertrasht auch hie und da
das Vokabular des Pornofilms, etwa in einer nicht enden wollenden Ejakulation
des ersten Kunden – aber nie die Körperpolitik des Pornofilms.
Wo
befindet sich die Freiheit? Ist es das Begehren und somit die sexuelle Freiheit
der Frau, sich konstant in diversen Rollenspielen zu unterwerfen, laufend als
lustvoll dominierte Sexsklavin aufzutreten? Ist das die Bedingung, die sie als
Sexarbeiterin gewählt hat, und stellt sie sich damit souverän jenseits ihres
eigenen Körpers? Oder bedient sie nur den Voyeurismus eines sich links
fühlenden Regisseurs und Publikums? Reicht die Metapher, dass sie durch die
Kugel des gewalttätigen Mannes in den Kopf "penetriert" wird und eigentlich im
Kopf, im Gehirn gefickt wird, bevor der Vorgang mit ihrem Körper wiederholt wird
und sie zu einem Sex-Zombie degradiert, während doch gleichzeitig der Film den
Mehrwert ihrer nackten Brüste abgreift? Und inwieweit ist das Film-Métier
schlicht noch immer ein ziemlich männerdominierter Bereich, dessen
Produktions-Strukturen auch in dieses Produkt mit eingeschrieben werden, nur
deutlicher als sonst?
Im
Programm steht: „The Glamorous Life of Sachiko Hanai ist eine haarsträubende
Sex-Groteske, ein Feuerwerk der Absurdität und zugleich eine furiose Erinnerung
daran, dass Philosophie, Politik und Sex noch nie zu trennen waren." Ich habe mich am Tag zuvor mit einer Bekannten
unterhalten, die gerade über die Gleichzeitigkeit zweier Events schreiben
sollte – einerseits die Verurteilung amerikanischer Soldaten, die im Irak
Kriegsverbrechen begangen hatten, während andererseits George Bush, ihr
staatlicher Auftraggeber, sich gegen die Generäle in Myanmar stellte.
Wenn Bush den Krieg
privatisiert, wäre es dann nicht eine logische Konsequenz, dass die
Soldaten/Söldner ebenfalls privat (sozusagen auf eigene Rechnung) zu killen
beginnen und so das (ebenso zweifelhafte ) Monopol des Staates aufs Töten in
Frage stellen? Einerseits aus Mangel an Kontrolle, andererseits aus Mangel an
moralischer Integrität? Ist es dann nicht zynisch, die Soldaten zu bestrafen – weil der Grund für die Strafe darin besteht, dass sie das Geschäft gestört
haben? Und die Generäle in Myanmar sollen bestraft werden, weil sie mit der
falschen Seite Geschäfte machen? Aber da sie das unter dem Schutz von China
tun, bleibt die Strafe in diesem Fall Schelte? Und Bush himself, der als
Repräsentant einer selbsternannten Weltpolizei sich über alles stellt?
Nächster Ort:
Tanzquartier Wien, Aufführung des Jelinek-Texts ÜBER TIERE
in einer
Choreografie von Christine Gaigg
Diese Arbeit ist ein Film,
beschließe ich in Referenz zu den minimalen Loops, mit welchen die Choreografin
Christine Gaigg die TänzerInnen einsetzt und denen ich die Herkunft aus Gaiggs
Auseinandersetzung mit dem Werk von Martin Arnold ansehe: Variiert, gestrafft
und mit einer neuen Strategie versehen.
Es ist ein
Auftragswerk. Und die zurückgenommene Setzung der Tänzerkörper bestätigt, dass
da Zugeständnisse an eine eher konservative Stadttheaterauffassung gemacht
wurden mit ihren spezifischen Ökonomien von Schauspielereinsatz und
Tanzauffassung – ich hätte mir PerformerInnen gewünscht, welche sowohl in Text
und Körperarbeit hohe Qualitäten aufweisen (es gibt diese Leute mittlerweile),
und sie hätten vermutlich eine noch grössere Dichte des Materials produzieren
können. Trotzdem eine gute Arbeit, die speziell im zweiten, textbasierten Teil
ihre größte Durchschlagskraft gewinnt, wo der Text im Raum aufgelöst wird und
in gesplitteten Kaskaden direkt die Zuschauer erreicht. Auch wenn die
Inszenierung gerade in ihrem Sprachgestus die wohlsituierte
Stadttheater-Herkunft nicht verleugnen kann. Davon spricht nicht zuletzt auch
der gediegene Raum, wohlgemerkt, clever aufgeteilt und mit Bänken bestückt,
welche anfänglich den TänzerInnen als Bühnenflächen dienen und später vom
Publikum besetzt werden. Bänke, die ich mir gerne im öffentlichen Raum
vorstelle, wo diese Formate längst abgeschafft wurden zwecks
Niederlassungsverhinderung und Verunmöglichung des Sich-Ausstreckens
irgendwelcher nicht so ästhetisch anmutender Körper, die man aus dem Weichbild
des öffentlichen Verkaufsschauraumes gerne verbannt.
Wir, die aufrechten
Zuschauer und die liegenden Tänzerinnen, das geht nicht ganz auf. In der
gesamten Installation kann das Publikum frei zirkulieren, verändert aber selten
das Höhenniveau. Der Umgang mit der Installation als relativ neuer
Präsentationsform muss publikumsseitig offenbar noch geübt werden. Umfassendere
Perspektiven kommen durch die Stehenden kaum zustande. Ich finde dennoch eine:
Hockend, meinen Kopf auf der Höhe der PerformerInnen, einen Körperausschnitt im
Close-up, den Sound des rhythmisch auf das Holz klatschenden oder dort
reibenden Körpers vernehmend und zwischen den schwarzen Konturen der anderen
BetrachterInnen in eine fragmentierte Weite blickend. So werden die Körper groß
und wichtig und nehmen es mit dem wuchtigen Text auf. Ficken ficken. Ficken.
Thematisch schließt der Text über Frauenhandel und Missbrauch an den Film Glamorous
Life … an. Wirkt wie ein Kommentar dazu. Er liefert die fehlende Reflexion
eines gewalttätigen männlichen Blicks als Teil gewalttätigen Handelns und
offenbart dieselbe, die in Glamourous Life – auf allerdings sehr
klamaukhafte Weise – zur Entlarvung institutioneller Gewalt eingesetzt wird.
Kurzfilm ist die
Königsdiziplin des Experiments im Film- und Videobereich. Deshalb interessiert
sie mich – Kurzfilme sind Sensoren, welche (oftmals am schnellsten) sowohl auf
soziale wie auch technische Veränderungen ansprechen. Sie spielen kritisch mit
Film und den Positionen des Schaffenden wie auch des Betrachters.
DEUX FOIS LE TOUR
DU MONDE
lautet der Titel eines
Kurzfilmes von Jean Claude Rousseau. Er selber wird beschrieben als „ein Filmemacher, der an die ursprüngliche Kraft des Bildes
glaubt", „der den Akt der Beobachtung, den sezierenden Blick herausfordert".
"Die wahren Reisen finden im Kopf statt – in demjenigen des Betrachters" könnte
seine Philosophie gewesen sein. Der Blick aus dem Fenster, sei es aus dem
fahrenden Zug oder aus einem Haus. „Jede Erfindung besteht darin, aus nichts
etwas zu machen," gibt er im Gespräch preis. Er ist schwer zu fassen, sowohl in
den Filmen, wie in seinen Auffassungen. Seine Filme, referiert er, komponiere
er durch die Kadrierung. „Ich wähle einfach diejenige, die am Meisten mit
Emotion gefüllt ist. Wenn man eine Kadrierung gefunden hat, ist die Chance sehr
groß, dass man etwas einfängt. Die Frage nach Regie stellt sich nicht." ... „Der
Blick geht durchs Motiv hindurch und die Tiefe des Blickes hält die Dauer.
‚Durchgehen' heisst aber nicht ‚durchgehen', sondern eigentlich
‚verschwinden'." Ein Rätsel bleibt: Er ist nicht er, weder in der filmischen
Präsenz, in der er sich selbst ins Bild setzt, noch in seiner Gegenwart. Aber
er ist da, seine Filme auch und die Reise im Kopf des Betrachters, im Abtasten
des Blickes auf die Brücke von Avignon zum Beispiel. „Sur le pont d'Avignon,
l'on y danse, l'on y danse ..." singt es in meinem.
HOTEL VERY WELCOME
„Vier
Monate war Sonja Heiss in Indien und Thailand unterwegs, um ihren Film
zu drehen," lese ich im Programmtext. HOTEL VERY WELCOME begleitet fünf
Protagonisten, die mit dem Rucksack durch Indien und Thailand reisen – auf
individueller Suche nach Freiheit und Abenteuer. Auch eine Weltreise, aber
obwohl die Teilnehmer um die halbe Welt fliegen, verlassen sie doch die eigene
nicht, kommt mir vor. Die Darsteller sind sympathisch, die Bilder und Stories
erscheinen realistisch und die Lacher manchmal etwas zu gut gesetzt. Die
Produktion ist fürs kleine Fernsehspiel des ZDF gedacht. Und etwas sträubt sich
in mir – vielleicht weil das Fremde im Film nur Background bleibt und eine
Oberfläche des Konsums illustrieren muss. Und weil das Abenteuer so wohl
verpackt daherkommt – wie eine Werbung für Abenteuerurlaub. Die Oberfläche der
Klischees wird nur von Svenja, der Laiendarstellerin, unterlaufen, deren Story
die mit Abstand spannendste bleibt – vielleicht weil sie bis auf einmal nie das
Hotelzimmer verlässt, in welchem sie versucht, einen Anschlussflug nach
Shanghai oder Washington zu bekommen. Sie ist die Einzige, die einen Inder
trifft – am Telefon. „Ein realer Mensch," erklärt die Regisseurin, „den wir in
einem kleinen Reisebüro etwas abseits ausfindig gemacht haben, die meisten
Inder in den Reisebüros sprechen ja fließend Englisch".
„Ihr
Abschied wird schließlich zur schönsten Liebeserklärung, die zwei völlig Fremde
einander machen können," schreibt Stefanie Büther im Programmtext. Dem ist
nichts hinzuzufügen. „Please, hold the line." – „Forever?" – „Yes, forever."
Die wahren Abenteuer finden eben im Kopf statt.
Kurzfilmprogramm
2
Wenn FilmemacherInnen
performen und Choreografinnen filmisch arbeiten, so können auch Bilder tanzen.
Sie tun es exemplarisch in zwei Filmen des Kurzfimprogramms 2. Einmal unter dem
programmatischen Titel AROUND AND AROUND von Regisseurin Anja
Krautgasser. Sie lösen sich beinahe in der eigenen, rasenden
Geschwindigkeit auf, zeigen eine poetische Fahrt durch eine düstere Natur mit
Horizonten, die verschwimmen und verschwinden. Dem entgegengesetzt und mit in
die andere Bewegungsrichtung drehenden Bildern zeigt S. Appelt in BERLIN ZOO – BERLIN OST ein Panorama von
Stadtbildern. Aus der fahrenden (Stadt)-Bahn filmt sie die vorüberfliegenden
Fassaden, welche sowohl durch die Geschwindigkeit wie auch durch Videofilter zu
abstrakten Patterns werden. Im Soundtrack bearbeitet P. Mesidi die Zwischentöne
von Ausfahrt und Ankunft in den Stationen. Ich befinde mich zwar nicht im
Tunnel, aber es stellt sich trotzdem ein Gefühl ein, wie es Dürrenmatt
beschreibt, wenn sein Zug scheinbar endlos in den Schacht fährt.
Ich bin früh dran, die
Nummer 1 in Rosa auf dem Blöckchen liegt vor mir – aber ich habe mich
getäuscht, ich bin nicht der Erste. Die Nr. 1 ist bereits reserviert von
einer jungen Frau mir gegenüber. Und sie ist, wie sich im Gespräch
herausstellt, Sasha Pirker – die Filmemacherin von John Lautner, the desert hot springs Motel,
des „einzigen Beitrags mit Text," wie sie anfügt. Sie stellt sich für eine
Freundin an, ihr Freikartenkontingent ist bereits erschöpft. Ihr Film vebindet
die 11 Minuten Erzählung unglaublicher Koinzidenzen im Leben eines
Schriftstellers und seiner Beziehung zu William Burroughs schlüssig mit den
Bildern eines architektonischen Dokuments.
Viele Freunde der
vielen Filmemacher sind gekommen, einige harren tapfer mit unrealistisch hohen
Nummern aus. Diejenigen, die es schaffen, verbreiten eine freundlich
konzentrierte Stimmung.
Das Kurzfilmprogramm 2
ist in seinen Bezügen zu Raum- und Körper-Ansätzen im Kontext des
zeitgenössischen Tanzschaffens ähnlich bis zur Deckungsgleichheit.
SHOW TIME
„Der Körper setzt die
Maßstäbe, die der Raum erfüllen kann," entgegnet die junge Filmemacherin Selma
Doborac der Gesprächsleitung, welche zuvor Kubelkas Adebar zitiert hatte und die gegenständliche Räumlichkeit als
Ansatzpunkt zur Beurteilung genommen hatte. „Jeder Raum ist passiv in seiner
Benutzbarkeit," führt die Schöpferin jener in blau-gelbe Bewegungspatterns
aufgelösten Kampfszenen aus einschlägigen Bud-Spencer und Terence-Hill-Filmen
aus. Die Überführung einer filmischen Trivial-Choreographie in eine abstrakte
Form durch Kompression, Graphisierung des Materials und Neukomposition
desselben. Eine Methodologie, die auch eine ChoreographIn jederzeit anwenden
könnte.
Ich mage es, in einen
Zustand des Surrealen zu geraten, wenn Film Betrachten exzessiv wird und sich
die Realitäten zu vermischen beginnen. Wie diese multiplen Erfahrungen
zusammenführen? Auf eine seltsame Art stellen sich die Verbindungen selbst her,
ein Thema wird zum Pattern, das sich über mehrere Filme hinweg selbst
organisiert und sich die Bezüge herausliest, während diese in ihrem eigenen und
anderen Kontexten neue Verbindungen herstellen. Ein Rausch, der im Extremfall
zum Rauschen werden kann, wenn die Lesbarkeit dieser Bezüge aufgelöst wird und
die Bilder nur noch „außen vor" vorbeirauschen, noch immer Geschwindigkeit,
noch immer Welt, aber fern. Um mich im matten Dunkel des Kinos die anderen
Körper, die anderen Köpfe, die anderen Blicke, die Konzentration, der Atem der
Anderen.
Einer dieser
Randbezüge leuchtet in Sasha Pirkers Film auf: „Zehn Tage, nachdem ich
aufhörte, Porno-Erzählungen zu schreiben, habe ich William Burroughs kennen
gelernt." So verbindet dieser Film das Thema der Reise mit dem Thema der
Sexualität, stellt sofort Resonanzen her zu Glamorous
life und hotel very welcome.
NIGHTSTILL und VERTIGO
RUSH
Nightstill und vertigo rush sind
sowohl von ihrem visuellen Output her spannend, als auch durch den massiven
Körpereinsatz der FilmemacherInnen Elke Grön und Johann Lurf, die
gerade aufgrund ihrer Beschäftigung mit Langzeitbelichtungen von Einzelframes
grosse Strapazen in Nacht und Kälte auf sich genommen haben, um ihre Arbeiten
zu realisieren.
Das technische
Experiment, das Festhaltenwollen einer Mondscheinlandschaft auf Film war
Ausgangspunkt für ein Material, wie es romantischer nicht hätte geschaffen
werden können. Beinahe gothic und spooky erscheinen die winterlich
eingeschneiten Berge, über welche gespenstisch Wolkenbänder ziehen, immer
wieder Monde aufsteigen und versinken, seltene Morgendämmerungen ihre Lichter
setzen. Eine ferne, mystische Natur, die plötzlich greifbar wird: „Landschaft
als Funktion der Zeit," bemerkt jemand im nachfolgenden Publikumsgespräch. Ganz
spröde und verloren taucht ab und an ein Mensch auf, zitternd im Bild, zögernd
in einer unsteten Gegenwart und unendlich leicht gegen das gigantische Gewicht
der Berge. „Der Mensch im Film, der übrigens mein Freund ist, sollte herein,
weil diese Landschaft entgegen der Einsamkeit, die sie im Film ausstrahlt, eine
extreme Kulturlandschaft ist," erklärt Elke Grön. „An den Wochenenden fahren in
dieser Dachsteinregion gut und gerne 4000 Personen pro Tag die Hänge hinunter.
10 Mal bei Vollmond im
Winter und jeweils 4 bis 5 Tage waren wir dort." Kein Wunder bei einer Stunde
Drehzeit für 5 Sekunden Material. „Es hat sich gelohnt, die ‚geraffte Zeit'
nimmt uns mit," denke ich.
Ein ähnliches
Naturerlebnis der „anderen Art" beschert vertigo
rush. Es ist ein Experiment auf der Basis des sogenannten Dolly Zooms (
ein erstmals von Hitchcock in Vertigo
angewandtes Verfahren: Eine Kamerafahrt und ein Zoom in zueinander
entgegengesetzer Richtung, bei der die Kamera während des Zooms entlang der
optischen Achse bewegt wird. Dieses Verfahren bewirkt eine seltsame Verbiegung
des Raumes, die nicht wirklich nachvollzogen werden und nur durch ebendiese technische
Apparatur hergestellt werden kann. Johann Lurf hat die Schienen für seine
Kamera im Wald aufgebaut und schiebt die Kamera nach Vorgaben, welche durch ein
Computerprogramm berechnet wurden, hin und her. Er tut das 20 Tage und Nächte
lang.
Eine unwirkliche
Schaukelbewegung durch eine unwirklich wirkende Natur, die gerade dadurch noch
mehr Natur zu werden scheint, ist die Folge. „Warum der Wald?" lautet eine
Frage. „Der ist gut und praktisch – weil die Bäume so perspektivisch stehen."
Sympathisch lüftet der Regisseur noch ein Geheimnis: „Die Streifen, welche das
Licht manchmal zieht, sind in der Theorie gerade," sagt er und schmunzelt,
„wenn sie's in der Praxis nicht sind, so ist das auf menschliches Versagen
zurückzuführen. Ich habe wohl doch nicht immer im richtigen Rhythmus
geschoben." Für diese Bemerkung erntet er einen missbilligenden Blick der
Gesprächsleiterin und einen Kommentar: „Es sieht so perfekt aus – als ob es
gewünscht wäre, ich hätte das nicht gesagt!"
Zwei Filme, denen eine
radikale Körperperformance zugrunde liegt.
BALAOU
Goncalo Tocha
Es ist nicht immer von
Vorteil, den Regisseur eines Werkes zu sehen – in diesem Fall stimmt mich der
Anblick des gutaussehenden jungen Mannes eher versöhnlich. Er scheint mit
seiner Rolle noch nicht ganz im Klaren und changiert zwischen einem Auftreten
als Filmemacher, der einen Wissenden repräsentiert, und dem Kokettieren mit dem
Charme einer gewissen Unschuld und Naivität, die sich durch den bereits
bestätigten Erfolg wohl schon ein wenig abgenutzt hat. Der junge Mann hat
zweifelsohne einiges durch- und daraus etwas Beachtliches ge-macht: Ein eigenes
Video, und kein Schlechtes. Es fällt mir nicht schwer, ihm eine gewisse
Überschwere in der Wortwahl zu Beginn des Videos zu verzeihen. Sie fallen dort
in allzu bedeutungsschwangerer Pose aus dem Off über poetische Bilder des
Reisens, des Unterwegsseins. Dass es um den Tod eines nahen Menschen geht,
unterstützt noch diese Haltung. Und welche Sprache ist schon der Trauer und dem
Tod angemessen?
Das Video ist dort
stark, wo es zeigt. Ganz besonders zum Beispiel in der Szene, als der
Filmemacher im Gespräch mit der 91-jährigen Tante vergessen hatte, das Mikrofon
einzuschalten. Die Präsenz dieser Szene verweist auf die Konstruktion des
ganzen Videos und unterbricht sie, und erinnert in ihrer Stille (mit beredtem
und bewegtem Mund) doch an Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann,
darüber muss man schweigen."
Dann zeigt es Bilder
einer Überfahrt, unterbrochen durch Schwarzblenden, in welchen mit einem
imaginären Stift weiß die Tage gezählt werden. Die klaustrophobische Enge eines
Segelbootes, die endlose Weite des Meeres in ständig variierenden Farben und
Formen der Wellen. Das rhythmische Schaukeln von Lichtflecken und Pfannen an
Bord und Portraits der beiden älteren, französischen Gastgeber, die in den 17
Jahren, welche sie über die Meere schippern, eine eigene Weltsicht gewonnen
haben. Kriege gehören zum fernen Getriebe einer Welt, finden immer hier und da
statt, nur mehr ferne Sprache, während die Wettervorhersage von unmittelbarer
Bedeutung fürs Überleben ist. Der Filmemacher kämpft indessen mit seinen
Gefühlen und gegen die Seekrankheit. Sein Auge ist aufmerksam, er führt die
Kamera mit grosser Sensibilität. Und vielleicht hat in diesem Fall die
Performance des Filmemachers den Ausschlag gegeben für die hohe Bewertung des
Videos, dessen Schwächen in einer etwas zu spekulativen Verwendung von
Klischees liegen, wie sie die Motive Tod, Meer, Reise abgeben.
LADY CHATTERLY
Paul Ferran
Wenn Sexualität in den
wenigen Filmen und ihrer zufälligen Auswahl eine große Rolle gespielt hat, so
wähle ich diesen Film ganz bewusst auch in der Hoffnung, neue Aspekte zu diesem
Thema zu sehen – und werde nicht enttäuscht. Während auch im politisch
kritischen Pornofilm die Sexualität das Explizite schlechthin ist, kommt in
diesem Film Sexualität zwar vor, sogar explizit manchmal, aber der Blick darauf
ist ein anderer. Es ist derselbe Blick, der viel Zeit für die Konstruktion des
Kontextes, desjenigen der Historie und ihrer Handelnden aufwendet, aber auch
für die Darstellung der Natur. Die Momente der Leidenschaft passieren. Alles
läuft darauf hin, unaufhaltsam, eruptiv schlussendlich, aber immer ist Zeit,
viel Zeit für das Nicht-Explizite. Die Fortführung der großen romantischen
Hoffnung – die einerseits eine mögliche Freiheit in der Liebe und darin
eingeschlossen sexuelle Freiheit erträumt, erwünscht, aber andererseits genauso
ihre Grenzen und die Flüchtigkeit ihrer Existenz betont. Eine Nische innerhalb
einer totalitären, ausbeuterischen Welt. Hier ist sie rein, reine Liebe und
reine Sexualität. Der Druck der Systeme scheint geradezu Bedingung zu sein für
ihr Glühen. An Bilder der 60er Jahre und die damaligen Postulate für freie
Liebe erinnert das. Wenn die nackten Menschenkörper (des homme du bois,
des „Waldmenschen" oder, anders gesagt, des bediensteten Wildhüters und der
noblen, adligen Lady (des Kulturmenschen) ihre soziale Konditionierung
vergessen und durch den Regen laufen, bevor sie sich ins nasse Gras fallen
lassen, um sich einander hinzugeben, erfüllt sich eine Heterotopie der Liebe.
Das Unmögliche ist möglich geworden: die Gegensatze ziehen sich an und lösen
sich auf. Im Rausch der Sinne und im Rauschen der Bilder. Einerseits erscheint
es lächerlich, die Lady auf spitzen Schuhen nackt rennen zu sehen, aber was
geschieht, entzieht sich und zieht doch gleichzeitig mit, durch die Bilder,
durch den Text, durch das Spiel der Akteure.
DETEKTIVE
ODER DIE GLÜCKLOSEN ENGEL DER INNEREN SICHERHEIT
Eine Zeitreise
unternimmt dieser Film von Regisseur Andreas Goldstein. „Wenn die DDR eine
Kulturleistung vollbracht hat, ist es die emanzipierte Frau!" sagt er. Seine
Heldin Sybille „ist die DDR". Allerdings sind die Grenzen dieser Emanzipation
ziemlich eng gesteckt. Sie beschränkt sich darauf, innerhalb der Konditionen,
welche ausschließlich durch die Männer definiert werden, sich Ihnen nicht
völlig zu fügen und sich taktisch gute Überlebensoptionen zu sichern durch die
Wahl des jeweils anwesenden interessantesten Vertreters der Macht zum temporären
Geliebten. Sie ist die Muse für eine Auswahl von verhinderten
Stasi-Beamten-Literaten, welche durch ihre Überwachungsjobs gezwungen sind,
tausende Seiten von Text zu produzieren. Die Kommentare des Vorgesetzten lauten
dann wie die Regeln der Literaturkritiker. „Fakten sind uninteressant, wir
wissen ohnehin schon alles, die Nebensächlichkeiten sind spannend, lassen Sie
die Psychologisierungen!"
Der Regisseur selbst
bezeichnet mit demselben schwarzen Humor, der den Film prägt, diesen als „Film
für Leute ab 35. Die jüngeren können ihn nicht orten. Weder kennen sie die
Schauspieler, noch die historische Situation." So ist das weitere Schicksal der
„Kurzkomödie über die Zeit, als in der DDR staatstragende und subversive
Aktivitäten nicht mehr auseinander zu halten waren" ungewiss.
Nachdem ich ihr meine
Abneigung gegen das Schlangestehen und das Scheitern meiner
Internet-Ticketkaufversuche gestanden habe, gibt mir die Kartenverkäuferin an
der Kasse des Stadtkinos zum Abschied einen Tip mit: „Nach den ersten drei
Tagen bekommt man immer noch alle Karten – ohne Warteschlangen." Andererseits
(ich habe insgesamt sicher länger gewartet, als wenn ich mich einmal für alle
Karten angestellt hätte) kann ich mittlerweile dem Warten in diesen
Menschen-Schlangen doch einiges mehr abgewinnen als vorher. Ich unterhalte mich
bestens und lerne neue Menschen kennen.
(19.11.2007)
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