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"PERFORMANCE MUST GO ->" VON ANDREA MAURER & THOMAS BRANDSTÄTTER BEI IMAGETANZ 09 IN BRUT WIEN
Von Nathalie Koger
Handwerker. Die Handwerker gestalten die Objekte nach den Anweisungen, nach den Vorstellungen der KünstlerInnnen. „Die Form, die Du hast, verlängert sich in das Werkzeug. Behalte das Ziel im Blick während Du atmest. Neben Form und Rhythmus musst Du auch Deine Begeisterung kontrollieren." [1] Sie peitschen die Form, die Form im materiellen Objekt. Entwickeln Vergnügen am Ausharren des Objektes, Vergnügen an der Formfindung des Körpers, die das Treffen erlaubt. Der Schwung der Peitsche. Der Materialfetischismus. Die Objekte werden uns in Ihrer Starre präsentiert, in ihrer Aura des „Sich-Nicht-Berühren-Könnens und doch des Gepeitschtsein-Wollens". Was heisst das wohl?
Gerard Byrne entwickelte laut Ausstellungsbeschreibung im Rahmen von „wieder und wider: performance appropriated“, veranstaltet im November 2006 vom Tanzquartier Wien und MUMOK, eine Choreografie für die Re-Installationen einzelner Werke des Minimalismus und Post-Minimalismus aus der MUMOK-Sammlung - „Nominally an installation, a performance, or an event, 2006“. [2] Mehrere Ausstellungstechniker errichteten in eleganter Bewegungsform und virtuosem Umgang mit dem schweren Material, so in meiner Erinnerung, einen Kubus von Donald Judd, eine Kopie des Kubus. Eine Arbeit aus einer Periode der Kunst, die, wie ich glaube, die Skulptur und das Objekt nach Rodin installativ werden ließ und das Publikum animierte, sie bewegend aus verschiedenen Blickwinkeln zu erkunden. Die Form behielt den Anspruch des Erweiterbaren, des Universellen. Der Wahrnehmungsblick des geschaffenen Raumes ist von der Betrachterposition bestimmt. Byrne führt uns den Entstehungsprozess des Objektes vor, rückt die Handwerker in den Mittelpunkt, blendet das, was sonst lediglich als Resultat dessen sichtbar ist, ein: die Virtuosität mit dem Material und die vielfältigen sozialpolitischen und institutionellen Beziehungen, in die das Werk eingebunden ist.
Stimmen zu Piktogrammen
Zwei Handwerker. Studio 5, also zwei KünstlerInnen zugleich - Andrea Maurer und Thomas Brandstätter -, bauen und bauen um: spielen mit Piktogrammen, lösen sie aus ihrem sinngebenden Kontext, aus ihrer Zeichenhaftigkeit. Gehen über die Darstellung hinaus, überführen sie in den Illusionismus, führen sie in ihrer Form aus dem Bild- in den Bühnenraum ein. Die Zuschauer nehmen an dieser Reise in den Illusionismus teil, werden genauso wie die Zeichen und Objekte überführt. Kaum hat das Publikum im kleinen schwarzen Schaukasten teilgenommen, hört es sich selbst oder eine Nachahmung. Der Geräuschteppich aus dem Warteraum vor der Vorstellung wird in die zweite Phase der Vorstellung, der Darbietung auf der Bühne, übertragen. Stellvertretend für die Menge des Publikums werden einzelne Besucherstimmen zu Piktogrammen, werden von Maurer in den Bildraum als Schattenriss bewegt, in den projizierten Grundriss der Theaterstätte. Keilrahmen stehen auf der Bühne. Diaprojektionen erlauben ein Schattenspiel. Sie werfen das Licht. Sobald die Besucher - als Piktogramme - in dem Modell Platz genommen haben, bekommt der Grundriss Räder und wird zum Automobil, genauer zur Animation eines Automobils. Von Leinwand zu Leinwand. Die Dynamik wird weitergetragen, die Köpfe lösen sich und hüpfen weiter, als Bälle. Die Zeichen werden im „realen" Bühnenraum in Bewegungen und Objekte überführt.
Ein Spiel mit der Imagination. Die Darsteller bewegen mit einer scheinbaren Leichtigkeit die Leinwände zwischen den Diaprojektoren im Bühnenraum. Die Leinwand wird in die Lichtprojektion gehalten, um das Bild sichtbar zu machen. Latten kommen im Verlauf der Darbietung dazu. Eine Leiter. Andere Dinge. Die PerformerInnen drehen sich mit der Latte auf der Schulter nebeneinander gegenläufig im Kreis. Das Spiel mit dem Risiko zusammenzuprallen oder die Zuversicht in das Mögliche. Aus der Leiter, dem Besen, einer Leinwand und einem Brett wird vor den Augen des Publikums ein Schiff gebaut. Der Handwerker (Brandstätter) schneidet die überstehenden Enden des Brettes, auf welchem er auf der umgekippten Leiter sitzt, ab. Das Material ist anpassbar. Das Brett wird zur Sitzfläche umfunktioniert. Der einzige Moment im Stück, an dem das Material physisch verändert wird. „Wind Wind Wind", ist projiziert zu lesen. Wir sind Zeugen eines Spiels. Eines kreativen Spiels. Die Reise der Imagination, in ein Land des Träumens, das Träumen der Banalität, der Vorstellungskraft. Auch von kenternden Schiffen. Kleinen (Un)glücken. „Der Lauf der Dinge“ [3] im Spiel zwischen Virtualität und Realität.
Man fragt sich nur, warum die tänzerischen Arabesken, die im Stück zu sehen sind, ins Spiel gehören. Der Darsteller, der vorab noch mit einem verlegenen Lächeln beim Tanz zu beobachten war, rutscht auf der Bananenschale, die in der Mitte des Bühnenbodens ihren Platz fand, aus. Slapstick und die Welt der Objekte stürzen in sich zusammen. Der Schutt wird weggefegt, und die Handwerker nehmen wieder die Haltung ein, die ihnen zugesprochen wird. Zwei Diaprojektoren verlassen mit den Darstellern die Tür, durch welche sie am Anfang gekommen sind. Mich blendet das Bühnenlicht.
Fußnoten:
[1] frei zitiert aus der Videoarbeit „Whip“ (2007) von Ulrike Müller in Zusammenarbeit mit Ginger Brooks Takahashi. Der Film dokumentiert die Lehrstunde einer Domina, die den KünstlerInnen Unterricht im Umgang mit der Peitsche erteilt. Zu sehen in „Empfindung Oder in der Nähe der Fehler liegen die Wirkungen“ im Wiener Augarten Contemporary 5. Februar bis 24. Mai 2009.
[2] http://www.tqw.at/Content.Node/de/buehne/wieder_und_wider.php
[3] eine Videoarbeit von Fischli &Weiss, 1987,
(22.3.2009)
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