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METTE INGVARTSENS NEUES STÜCK "WHY WE LOVE ACTION" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Helmut Ploebst
Uh! Ah! Oah, ump, räähh. Ch, ch, ch. Zuomp! Uopfsch. Uaaaah!! Boump,
uuuuuuAmm! Aaääctsch! Tsch. Schschnnn!! --- Brutal ist geil, das turnt
an, und unser Actionkino gibt dem Turnen den gewissen künstlerischen
Kick. Fernsehkinovideo-Kracher wirken wie Pfeffer unter schwitzendem
Sitzfleisch, es ist die Extra-Salsa zu den Nachos, die wir Machos uns
auf dem Schlachtplatz Wohnzimmersofa oder Movietheaterfauteuil in die
vor Aufregung offenden Münder stopfen. Crunch.
Warum nur? Die Choreografin Mette Ingvartsen hält Antworten parat. „Why we love action", heißt ihr jüngstes Stück, das sich in einer Green Box abspielt, in der wirklich alles grün ist, nur einige der Tänzerinnen nicht, aber sonst wirklich alles, der Tisch, die Sessel, die Matratzen, die kleine Topfpflanze, das Fell, ein Buch, sogar die Messer und Bademäntel - und was grün ist, ist eigentlich unsichtbar, damit später etwas hineinkopiert werden kann. Los geht's mit einer Kampfszene - Uh! Ah! (vgl. oben) -, die zu Beginn wirklich Spaß macht. Schlag auf Schlag, Sound auf Hit, täuschend echt, das überträgt sich auf die eigene Magengrube, gut, daß wir Voyeure in Sicherheit sind und nur mitfiebern müssen, bis die Szene erst unmerklich, dann aber doch recht deutlich aus dem Ruder läuft und wir sehen, daß ein Faustschlag auf der Bühne nur eine Täuschung ist. Das erleichtert und enttäuscht zugleich.
Action! Die Klappe fällt. Alles hält die Klappe, damit die Spannung hinhaut, und die Szenen sitzen, denn so lautet das Gesetz: Suspense darf nicht gestört werden, sonst ist die Stimmung weg und alles erschlafft, schläft ein und macht zur Strafe das eigene Dasitzen spürbar. Daher ist das Nachhher so wichtig. Wenn der letzte Schlag getan, der letzte Schuß verballert ist, dann kommt eine Stille, und in diese ziehen Geräusche ein: ein Keuchen, ein Schluchzen, ein Lachen, ein Aufschniefen des Blutes, das aus einer gebrochenen Nase läuft, oder ein Erbrechen, meist ohne beweiskräftiges Bild. In diese Stille setzen die Tänzer das Weinen. Als Kunst. Ein Weinen, das unsicher wird, sich in ein Lachen verkleidet, das dann wieder in Tränen erstickt. Wo sind wir? Ah ja, im Theater, wo das Leiden immer ein Spiel ist, also abwesend und sich nur in den Köpfen des Publikums als Dummy heranbildet. Trotzdem entstehen echte Emotionen.
Warum nur? Mette Ingvartsen hat keine Antwort darauf, aber sie führt vor, daß es so ist. Sie erweckt dieses süffige Mitleiden nur, um es gleich wieder zu ertränken, in einer Dehnung, in einem Bruch, in einer Wendung. Und dabei weckt sie auch das Monster, eines, das eigentlich nie schläft, das uns immer folgt, wohin wir auch gehen. Das Ungeheuer heißt irritierend Großzügigkeit. Es ist ein Drache, der alle Sprachen spricht, ein Luzifer, der das Licht bringt und Vergnügen speit. Und die Choreografin unterschreibt mit dem Blut derer, die ihr zuschauen, einen Kontrakt. Der Lichtbringer begutachtet seine Ernte. Auf Teufel komm raus stürzen sich die Tänzer auf das Unwesen, mit Messern, Pistolen und bloßen Fingern. Sie reißen ihm die Flanken auf, öffnen ihm den Bauch, sie beginnen eine Vivisektion am Spektakel, entreißen ihm Bildzitate, Kampflärm, Filmmusik, es ist fast so schön wie bei „Scary Movie" von Keenen Ivory Wayans. Nein, schöner, weil in theaterlicher Stilisierung. Und schwächer, weil eben gekünstelt, nachgemacht, gefälscht, vorgetäuscht, wie das im Theater eben so ist.
Kino gegen Bühne. Ein knallharter Abtausch. „Why we love action" kommt nach Ingvartsens Vorvorgängerarbeit „to come" von 2005 als Lustschrei, als ein „NO-womanifesto" gegen Yvonne Rainers historisches NO-Programm von 1965. Ingvartsens YES manifesto - das gibt es wirklich - geht so:
Yes to redefining virtuosity
Yes to conceptualizing experience, affects, sensation
Yes to materiality/body practice
Yes to investment of performer and spectator
Yes to expression
Yes to excess
Yes to "invention" (however impossible)
Yes to un-naming, decoding and recoding expression
Yes to non-recognition, non-resemblance
Yes to non-sense/illogic
Yes to organizing principles rather than fixed logic systems
Yes to moving the "clear concept" behind the actual performance of
Yes to methodology and procedures
Yes to animation
Yes to style as a result of procedure and specificity of a proposal.
Yes to complexity
(www.aisikl.net/mette)
Dazu sagt sie: "To say yes instead of no as a strategy is about defining an area of interest as a positive-of rather than a negation. We live in the times of ‘everything is possible', so why not moving and being moved as long as it is a choice." (www.danishperformingarts.info)
Warum nicht? Aber die Behauptung, daß wir in einer Zeit leben, in der alles möglich ist, zeigt Ingvartsens Distanz zur Wirklichkeit. Heute, 2007, ist der Abstand zum Allesistmöglich größer als noch vor zehn Jahren. In der Kunst und im Leben geht eine andere Post ab als jene, die die Künstlerin verschickt. Und es ist das Spektakel selbst, das Spekulationen wie „Why we love action" in die Verliererecke verweist. Es produziert auch „Scary Movie", und neben ihm zahllose andere Selbst-Vivisektionen. Das Monster sagt, ich bin ein Monster, daher wird gedacht, so etwas sagt ein Monster nicht, also ist dieses Monster eigentlich ein Schmunzelmonster. Ein Plüschdrache. Ein Schachtelteufelchen. Neben „Scary Movie" und anderen spektakelkritischen Produkten aus den Fabriken des Spektakels wirkt Mette Ingvartsens Stück wie Kindertheater. Es ist lustig anzusehen und verstört nicht durch ungewohnte Perspektiven.
Es enthält jedoch auch das Wissen darum, daß das Monster zwar nicht besiegt werden kann, aber bei ein wenig Injektion von manipuliertem Eigenblut wenigstens seine Performance ein bißchen ändert. Die Herausforderung, der sich Ingvartsen hier stellt, ist noch viel zu groß für sie. Da ist ihr das Kollektiv „Superamas" noch um einiges voraus. Die Zeit ist reif für eine Neuerfindung von Monty Python. Aber das braucht gut gemachte Stücke. Und dafür muß Mette Ingvartsen in der nächsten Zeit kräftig üben.
(24.3.2007)
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