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DAS BUCH ZU PHILIPP GEHMACHERS CHOREOGRAFISCHEM LANGZEITPROJEKT "INCUBATOR" Von Judith Helmer Immer weiter Fragen stellen, nachhaken, nachdenken, nachfühlen. Ganz detailliert, genau und ohne die Hast einer zu knapp bemessenen Produktionszeit über das wichtig genommene kleinste Einzelteil zum Allgemeinen vordringen - diese Idealvorstellung der Entwicklung eines künstlerischen Projektes scheint Philipp Gehmachers „incubator" sehr nahe gekommen zu sein. Einen tiefen Blick in den Brutkasten (was „incubator" im Englischen bedeutet) dieser Arbeit erlaubt die im Passagen Verlag herausgekommene, so schlicht wie aufwendig gestaltete Dokumentation „incubator" von Philipp Gehmacher, Angela Glechner und Peter Stamer.
Es sind einige der Hinterlassenschaften eines Zeitraums von zwei Jahren, in dem Gehmacher seinen Wunsch nach einer längerfristigen künstlerischen Arbeitsform mit dem Projekt „incubator" verwirklichen konnte. Diskursive Auseinandersetzungen wurden dabei eng mit der choreografischen Umsetzung verknüpft, wovon auch das Buch Zeugnis ablegt.
Peter Stamer, Dramaturg, Autor und Kurator im Bereich zeitgenössischer Tanz, Theater und Performance, hat dafür den imaginären „incubator"-Zettelkasten geplündert. Aus durch verschiedene Graustufen voneinander abgesetzten Notizen, Briefauszügen und essayistischen Mini-Reflexionen hat er einen Textfluss kompiliert, der die Polyphonie der speziellen Arbeitsform auch beim Nachlesen zum Klingen bringt:
„Es wäre gut, wenn der Tänzer über einen Körper verfügt. Über welchen Körper? Über einen Körper, über den er sich bewusst ist. Was heißt Bewusstsein? Bewusstsein heißt, dass er die Gesten nicht spielt, aber auch nicht verkörpert. Während Spielen bedeutet, dass er so tut als ob, meint Verkörpern, dass er diese Geste vollständig in seinen Körper nimmt, sie gewissermaßen ist. Weder das eine, was eine vollständige Distanz bedeutet, noch das andere, was diese Distanz vollständig aufhebt, scheint hier angemessen. Fast müsste es sein, als schaute der Tänzer sich dabei zu, wie er die Gesten ausführt, ist aber jederzeit in der Lage, sie zu beherrschen. Die Geste und der Körper überwältigen sich gegenseitig." [1]
Sechs Monte dauerten die Proben von Philipp Gehmacher mit den Tänzern Clara Cornil, Sabina Holzer und David Subal. Ein langer Prozess, in dem nicht nur ein bestimmtes Bewegungsmaterial geschaffen wurde, sondern auch ein sehr differenzierter Umgang mit den Emotionen, die bei der Verwendung des Materials entstehen können, ausgearbeitet. Formale Aspekte und Gefühle wurden auf ihre Verbindungen hin untersucht wie in einem Forschungsprojekt. Man stürzte sich in die Abgründe der Fragen nach der individuellen Erfahrung, nach dem persönlichen Bezug zum Körper und seiner Teile und nach den Mitteln der Kommunikation zwischen Individuen über festgelegte Formen der Bewegung. Ausgehend von diesen Motiven entwickelt sich auch ein für das Buch aufgezeichnetes Gespräch zwischen den beteiligten Tänzern, dem Choreografen, dem Dramaturgen und der Produktionsleiterin Angela Glechner, deren verschiedene Zugänge sich verweben zu einem Abbild eines Prozesses, von dem die Öffentlichkeit sonst nur den kleinen Ausschnitt des vermeintlichen „Resultats", die Aufführung, miterleben kann. Ebenfalls eine für den Zuschauer ungewöhnliche Perspektive nimmt Philipp Gehmacher in seinem Essay „Vom Ich zum Anderen zur Gruppe zum Stück" ein. Von einer Bewegung zur nächsten hantelt er sich durch das Stück, wobei der Titel die Gliederung des Textes vorgibt und die künstlerische Haltung Gehmachers in die überaus konkreten Beschreibungen der Bewegungsabläufe einfließt. „drücke ich meinen oberarm gegen meine rippen, entfernt sich meine hand vom oberschenkel. sie krümmt sich ein wenig, außer ich gebe ihr viel spannung, aber das mache ich selten, da diese hand dann zum zeichen wird." Eine zu frühe Lesbarkeit aber will Gehmacher unbedingt vermeiden, doch wie abstrakt kann eine Bewegung in einer Gruppe von Menschen in einem Raum überhaupt sein? Gänge, Blicke, Berührungen - typische Mittel einer Inszenierung werden analysiert wie etwa das Spiel zwischen Elle und Speiche beim Drehen eines Armes. Das Wechselverhältnis von Form und Inhalt bestimmt den „incubator", und es bestimmt auch das Buch auf vielen Ebenen. Da wird ein Titel zur Gliederung, ein Textbild zum Sinnbild einer Arbeitsweise oder überhaupt ein Text zum Spielfeld zwischen Buchstäben und Sätzen wie beim Akronym Peter Stamers. Dort findet sich auch ein Zitat Jean Luc Nancys, das die Notwendigkeit eines Buches wie „incubator" zu beschreiben scheint:
„Alles ist gesagt, mit Sicherheit, denn alles ist immer schon gesagt worden, aber alles muss gesagt werden, denn das Ganze als solches muss immer wieder neu gesagt werden." [2]
Und da hat man noch gar nichts über die wunderbaren Fotografien gesagt, die diese Publikation bereichern. Anschauungsmaterial einer Beschau des schwer Einsehbaren. Es muss immer wieder angeschaut werden. Fußnoten: [1] Peter Stamer: „Die Hinterlassenschaften von Zetteln...", in „incubator", Seite 13. [2] Jean Luc Nancy: „singulär plural sein", Berlin 2004, Seite 137. Zitiert nach „incubator", Seite 87.
(25.10.2006)
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