PERFORMANCES BEIM RUNDGANG 2011 DER WIENER AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE
Von Helmut Ploebst
Nicht repräsentationskulturelle Livekunst hat einen Vorteil: Sie ist immer suspekt. Und es gibt in der Kunst nicht viel Politischeres, als gegenüber regulativen Systemen in irgendeinem Verdacht zu stehen, zum Beispiel, keine bleibenden Sachwerte zu erzeugen. Verdächtig wird eine Kunst, wenn sie im Zusammenhang einer Wertakkumulationsmaschine wie dem Neoliberalismus ephemere Setzungen realisiert, die nur ganz schlecht ausgebeutet werden können. Eine Kunst also, die im ökonomischen Sinn immer Negativgewinne macht, also Investments erfordert, die sich nicht verzinsen und geldwertsteigern lassen.
Angenommen, eine der ursprünglichsten Formen von performativer Livekunst wäre der Aufstand und nicht, wie etwa im Tanzkontext gerne behauptet wird, das Ritual: Dann könnten kulturelle Rituale endlich gemäß ihrer tatsächlichen Funktion als mittelbare oder unmittelbare Propaganda für den Aufbau respektive den Erhalt von Herrschaftssystemen perspektiviert werden. Und erst der performative Akt des Aufstehens, des Widerstehens und Sichdagegenwendens formuliert einen mit einer gegenwärtigen, freien Kunst verwandten Gegen-Satz. Einen – auch medialen – Bruch und einen Aufbruch, eine Kunst des Handelns, die so lange eine solche bleibt, bis ihre Formen sich wiederum ablagern und hierarchische Sedimente, also Rituale und Propaganden ausbilden.
Dieser Perspektivwechsel könnte mit dazu beitragen, die gegenwärtigen politischen Verwaltungsapparate besser zu verstehen. Wie sie in ihrer Performanceversessenheit – indem sie mediale Auftritte als Riten zelebrieren, deren einziger Zweck die eigene Inszenierung ist – die von ihnen zu verwaltenden Bevölkerungen zunehmend als eine Peripherie betrachten, die, wenn sie nicht ausgebeutet werden kann, zum Feindbild gerinnt. Defensiv eingekapselt und so zu organisatorischen Monaden mutiert, schaffen diese Apparate die Voraussetzungen für einen kommenden Aufstand.
Schwer zensurierbare Oppositions-Performative
Dieser stratifizierten Performance-Monade sind alle Oppositions-Performative suspekt, weil sie nur schwer zu zensurieren oder zu beschlagnahmen sind. Daher wird bereits ihr künstlerisches Pendant, und das sind bestimmte Formen der performativen Künste, über Fördersysteme vorzensuriert: durch Nicht- oder durch Geringförderung der öffentlichen Hand respektive durch Marginalisierung auf den tradierten Märkten. Die Folgen dieser Strategie sind weitreichend und vielversprechend. Sie erzeugen das Potenzial für einen neuen Handlungsspielraum der Kunst.
Nicht jedes Kunstfördersystem ist ein Zensurinstrument. Aber sobald sich die verantwortlichen Administrationen einkapseln, weil ihre Gesetzmäßigkeiten nicht mehr zur politischen oder künstlerischen Wirklichkeit passen, kann aus ihrem einstigen kuratorischen ein defensives kontrollorisches Handeln werden. Damit wird die Monade paranoid und schizophren: Sie agiert als Förderer dessen, was sie zugleich zu kontrollieren, zu manipulieren und zu zensurieren sucht.
Das gilt auch für die Administratoren des Neoliberalismus. Die Wiener Akademie der bildenden Künste hat 2009 eine Widerstandsbewegung gegen den neoliberalen Einfluss auf das Bildungssystem angezettelt. Die KunststudentInnen begannen einen universitären Aufstand, der sich schnell über die Grenzen Österreichs hinweg ausbreitete. Für die Dauer dieses Aufstands wurde die Kunstinstitution zum Schauplatz für gesellschaftliche Livekunst, zum Modell eines „Probenraums“ für Akte eines umfassenden Widerstands. Unter performancepolitischem Gesichtspunkt war das ein Masterpiece, das als Gärungsprozess über seine faktische Dauer und jenseits der tatsächlichen Konsequenzen weiterwirkt. Vielleicht nicht ganz ohne Zusammenhang mit diesen Ereignissen hat sich in dieser Zeit unter der Leitung von Carola Dertnig ein Ausbildungsgebilde in dieser Institution festgesetzt, das sich „Performative Kunst“ nennt.
Stärken der Präsenz
Im Rahmen des diesjährigen „Akademierundgangs“ – die Akademie öffnet sich einmal pro Jahr umfassend dem Publikum – machten die Performance-StudentInnen, überwiegend Frauen, ihre Potenziale öffentlich. Die Ergebnisse waren, vor allem in der Zusammenschau, erstaunlich. Dertnig ist es gelungen, PerformancestudentInnen aus den Bereichen bildende Kunst, Theater und Tanz zusammenzuführen und eine Gruppe zu aktivieren, die migrative Praktiken aus diesen drei künstlerischen Provenienzen – und Kontexten – in einen gemeinsamen Diskurs führt.
Als motivierender Ausgangpunkt dienten Lecture- und Workshopinhalte aus einem Symposium, das Dertnig zusammen mit Felicitas Thun-Hohenstein im November 2010 organisiert hatte: „this sentence is now being performed“, mit Gastvortragenden wie Amelia Jones, Martha Wilson, Philip Auslander Barbara Clausen und Simone Forti sowie einer schönen Begleitpublikation. Die StudentInnen konnten sichtlich vieles ausprobieren, und sie kamen mit der beengten Situation in ihrem Gelaß hinter der Aula, wo sie das Publikum in die Mitte zwischen zwei Performance Spaces nahmen, gut zurecht. Liveauftritte und Performance-Installationen wurden ineinander integriert. Minimale Statements kontrastierten mit raumgreifenden Auftritten, auch in der Aula selbst und in einem Extra-Raum. Trotz relativ bescheidener technischer Mittel (wie immer bei StudentInnen-Showings) kam in den einzelnen Arbeiten überwiegend ein hohes Maß an Präsenz – in aller Vielschichtigkeit des Begriffs – zustande.
Wenn nun die Akademie ein neues Rektorat erhält, die Bewerbungsfrist für die Nachfolge von Stephan Schmidt-Wulffen endet am 28. Januar, wäre das auch gleich eine Gelegenheit, Dertnigs hoch integrativen Bereich „Performative Künste“ zu stärken und institutionell aufzuwerten. Und damit dieser Kunstuni ein zusätzliches innovatives Profil zu verleihen.
(25.1.2011)
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