AMANDA PIÑA UND DANIEL ZIMMERMANN: "IT", EINE DEKOMPOSITION DES SPEKTAKELS
Von Helmut Ploebst
Wer den Titel „IT“ liest oder hört, denkt dabei wahrscheinlich sofort an Stephen Kings bösen Clown Pennywise. Dieses „ES“ ist ein Geist, ein Dämon in der Gestalt eines – Selbstbezeichnung: – „tanzenden“ Clowns. Er mutet wie eine Ausgeburt der Friktionen hinter dem Versprechen der Emotionsabfuhr durch das Lachen an. Und daher wie das Eigentliche des Spektakels im Sinn von Guy Debord, dessen Phantasie der mörderische Spaßmacher – über den Kommerz-Autor Stephen King – ja auch entspringt. Dieses Spektakel quillt über vor Phantasie, als ein weltgestaltender Moloch, der, wie wir mit lustvollem Schaudern sehen, alle seine Tricks offenlegt, während er seine Zuarbeiter aussaugt.
Aber halt! An Pennywise haben Amanda Piña und Daniel Zimmermann wohl nicht gedacht, als sie ihre jüngste Choreografie mit dem Titel IT konzipierten und im Tanzquartier Wien umsetzten. An das Debordsche Spektakel offenbar schon. Denn der Untertitel der Performance lautet enjoyment consumption and waste. Das Vergnügen zwischen Konsumieren und Mist. Ein sensibles System. Denn die gesellschaftliche Wirklichkeit wird unangenehm, wenn das Spektakel aus der Fassung gerät, wie etwa zur Zeit wieder in Neapel, wo der Müll einmal mehr auf den Straßen liegen bleibt. Die Störung ist nicht der Abfall, sondern sein Liegenbleiben, seine Immobilität, die Unmöglichkeit, die stinkenden Abfälle zu verräumen und zu verdrängen.
Reorientierung des Begehrens
Doch das neapolitanische Abfallphänomen hat auch etwas Gutes. Es macht den bedenklichen Zustand der italienischen Gesellschaft sichtbar. Das Spektakel generiert an dieser seiner Schwachstelle eine urbane Installation und zwingt so zur Auseinandersetzung mit den Problemen des Staates Italien und der Stadt Neapel. Dieses Spektakel ist ein übergreifendes Großsystem aus Politik, Kapitalismus, Militär und Entertainment. Und es wendet sichtlich auch – autopoietisch, also aus sich selbst heraus – Strategien an, wie sie intentional in der Kunst praktiziert werden. [1] Das Spektakel fordert so auch die Kunst heraus, ob sie nun bereits Teil seiner Logik (die Kunst zwischen Sensation, Unterhaltung und Markttauglichkeit einspannt) ist oder nicht.

Piña und Zimmermann haben ein Bewußtsein gegenüber dieser Herausforderung entwickelt und beziehen sich für IT auf einen Text von Giorgos Papadopoulos, Jan Van Eyck Academy/Maastricht, mit dem Titel „Financial Crisis: from depression to jouissance“, publiziert im Katalog der Athener Biennale (2010). Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Papadopoulos hat vergangenen Sommer mit Piña bei ImPulsTanz im Rahmen eines Choreographer’s Venture-Projekts kooperiert. Er schreibt: „The key for the radical transformation of society lies in a new channeling of desire, and not in a rational critique of the anarchic market economy (...).“ [2] Die Wirtschaft, so Papdopoulos, ist nicht nur ein Narrativ, sondern auch ein Diskurs, eine Sprache. Ihre Inszenierung, kann angefügt werden, ist das Spektakel, in dem gilt, was der Autor schreibt: „(...) desire looks for its object in commodities and spectacles, while enjoyment is regulated by its consumption.“
Überformung der anarchischen Marktwirtschaft
Auf die Bühne von IT ist ein Magazin mit Materialien wie Federn, Erde, Holz, diversen Flüssigkeiten, Styroporplatten, Verpackungsmaterialien und dergleichen geräumt und ordentlich geschlichtet. In einem langen, lustvollen Akt der Vermischung dieser Materialien durch sechs Tänzer-PerformerInnen wird aus dem Magazin ein irritierendes, schmutziges Chaos, eine Deponie. Es ist mit Bezug auf Georges Didi-Huberman (und Bataille!) eine „Überschreitung der Form“ als „fundamentaler Ort“: „Die Überschreitung ist keine Zurückweisung, sondern die Eröffnung einer Auseinandersetzung, und zwar an Ort und Stelle dessen, was in einem solchen Ansturm überschritten werden wird.“ [3]
Die Dekomposition der konsumistischen Ordnung zu Abfall durch eine Inszenierung der „bösen Clownerie“ (in Bezug auf die kapitalistische Wunschmaschine) auf der Bühne – im Sinn einer Übersiedelung des autopoietischen Akts des Spektakels in den intentionalen Zusammenhang von Kunst – und die Überschreitung der Formen einer neoliberalen Tanzästhetik in IT bildet exakt die Eröffnung einer solchen Auseinandersetzung. Die Dekomposition „überformt“ die von Papadopoulos zitierte „anarchische Marktwirtschaft“: den geregelten Anschein einer unkontrollierten Ausbeutung.
Zweimal ist das Publikum auf die Bühne eingeladen. Einmal zu Beginn, um das Magazin zu komplettieren. Und dann am Ende, um am Ort der Überschreitung je einen Archivsack mit Resten des Akts der Vermischung entgegenzunehmen. Es sind immerhin die Zeugen einer choreografischen Verschmutzung des schönen Scheins, die ein Beweisstück vom Tatort mit nach Hause nehmen können. Ein weiteres Zeugnis für diese Auseinandersetzung ist das Symbolbild im Programm und auf dem Plakat zur Performance (siehe Abbildung oben): Der Tod hinter dem Mädchen, eine Stange, ein Sack, darüber steht in Clownnasenrot „IT“ geschrieben. Wieder eine Korrelation mit Didi-Huberman: dem Fall der Nymphe. [4] Der Tod wird das Mädchen umhüllen, den Fetisch in seinen Falten auflösen und damit sich selbst. Das ist keine Tragödie, sondern eine Entbilderung, also Umbildung, des blendenden Spektakels. Wie das großartige Stück selbst, das Piña und Zimmermann zusammen mit Ewa Bankowska, Adriana Cubides, Thomas Kasebacher und Dominique Richards erstellt haben.
Fußnoten: [1] Das erinnert nicht ohne Grund an Karlheinz Stockhausens bekannte Äußerung während einer Pressekonferenz am 18. September 2001, der Anschlag auf die Zwillingstürme des World Trade Center in New York wäre „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos“ gewesen. Auch Damien Hirst meinte in einem BBC-Interview: „The thing about 9/11 is that it’s kind of an artwork in its own right. It was wicked, but it was devised in this way for this kind of impact. It was devised visually.“ Abgesehen von Stockhausens pathetischer Rhetorik – die beiden Künstler erkannten nicht intendierte künstlerische Strategien in diesem auch auf das Spektakel der Massenmedien hinzielenden Verbrechen (für das „wicked“ wohl nicht der richtige Attribut ist). An diesen künstlerischen Phänomenen außerhalb des Kunstfeldes forscht corpus zur Zeit, und wir werden demnächst darüber publizieren. [2] Zitiert aus dem Abendprogramm zur Uraufführung von IT. [3] Georges Didi-Huberman: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach Georges Bataille. München: Wilhelm Fink Verlag 2010, S. 33. [4] Vgl. Georges Didi-Huberman: Ninfa Moderna. Zürich / Berlin: diaphanes 2006.
(28.10.2010)
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