Von der Realität überholt

Drucken

DAS DUO GINTERSDORFER / KLASSEN BEIM KREMSER DONAUFESTIVAL 2011

Von Andreas Fleck




Das Donaufestival 2011 in Krems zeigte in einer Art Werkserie im Festival mehrere Arbeiten des erfolgreichen deutschen Künstlerduos Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Sie Choreografin, er Bildender Künstler, entwickelten sie in den letzten Jahren mehrere (Tanz-)Performances mit aus Côte d'Ivoire stammenden Szenegrößen der Couper-Décaler-Travailler-Bewegung – kurz: Coupé Décalé. [*] Dabei prallen Elemente dieser mittlerweile in weiten Teilen Afrikas zum Mainstream gewordenen Tanz-, Musik-, ja allgemein: Lebensphilosophie auf europäisches Tanz- und Performanceverständnis, um gesellschaftspolitische Diskurse und produktive Energien aus augenscheinlichen, kulturellen Differenzen zu produzieren. In Hommage an den Club New Black, in der Vergnügungsmeile Rue Princesse der ivorischen Hauptstadt Abidjan gelegen, zeigt die Performancereihe – New Black – Arbeiten mit thematischem Zusammenhang.

Am Eröffnungsabend des diesjährigen Donaufestivals waren neben der euphorisierenden Beschallung und Betanzung des Stadtsaalvorplatzes durch DJs, MCs und Tänzer aus Petit Bisou / Club New Black auch die Performances Die Gesellschaft des Bösen und Die Kindertänzer im Stadtsaalinneren zu sehen.

Das Gute kann ohne das Böse nicht existieren, da man ohne das Böse das Gute gar nicht als solches erkennen würde. Diese simple Weisheit ist Grundthese der Performance Die Gesellschaft des Bösen, die, ausgehend von dieser Gleichung, Mechanismen und Prozesse zeigt, unter denen das Böse an Macht gewinnt, sich über das Gute ermächtigt. Dabei werden politische, soziale, ideologische, kulturelle, religiöse, aber auch ganz individuelle Machtstrukturen aufgezeigt, die weniger ein Verhältnis zwischen Mächtigen und Machtlosen skizzieren, sondern vielmehr Ursachen des Machtgewinns und die Dynamik unterschiedlichster Ermächtigungsprozesse untersuchen.

Der lange Weg zum schnellen Ruhm

Wirklich bemerkenswert an dieser Performance ist, dass die lose zusammenmontierten Fragmente potentieller Machtverhältnisse zwar auch politischer oder gesellschaftlicher Natur und stark auf das Spannungsverhältnis zwischen Afrika und Europa bezogen sind, sich aber nicht allein auf diese Parameter reduzieren lassen. Neben den dubiosen Selbstermächtigungen afrikanischer Diktatoren, der abergläubisch-mächtigen Wirkung von Voodoo-Zauber und der Übertragung von Macht durch allerlei Okkultes wird auch das Zustandekommen von Machtverhältnissen innerhalb der Gruppe, also zwischen den afrikanischen Performern Gotta Depri und Frank Edmond Yao alias Gadoukou la Star – berühmten Vertretern des Coupé Décalé – und ihren europäischen „Übersetzern“ Hauke Heumann und Melissa Logan oder zwischen Performern und Publikum ausgelotet. Und das mit scharfsinniger Präzision und intelligenter Ironie.

In Die Kindertänzer erzählen die Kindertänzer Anelka Chanel und Prince Kreol über das Leben und Überleben in den Clubs der Rue Princesse in Abidjan. Mit Hilfe ihres Übersetzers (wieder Hauke Heumann) geben sie Einblick in die verschiedenen Typen und Styles, in das Leben der Nacht, coole Outfits, heiße Moves und den langen Weg zum schnellen Ruhm im Coupé Décalé. Sie erzählen von gierigen Managern, die mit viel heißer Luft und dem harten Training unter ihrem Entdecker, Mentor und Messias Frank Edmond Yao alias Gadoukou la Star junge Talente verheizen. Wieder ist es das ironische Augenzwinkern über die Verhältnisse einer an sich apolitischen Partygesellschaft mit aufpolierter Oberflächlichkeit und aufgeblasener Protzer-Egomanie zu einer seit 2002 prekären politischen Wirklichkeit der Elfenbeinküste, die als Stärke der Performance bezeichnet werden kann.

Aber wie das leider mit politischen Performances, die sich teils kritisch, teils ironisierend mit politischen Machtverhältnissen – vor allem in Nordafrika – beschäftigen, nun mal so sein kann, hat auch Die Kindertänzer das große Problem, dass es von der politischen Realität der Krisenregion Elfenbeinküste auf unbarmherzige Weise überholt wurde, wodurch dem Betrachter die ganze Ironie der Arbeit mit schalem Nachgeschmack im Halse stecken bleibt. Denn mittlerweile hat der Bürgerkrieg der Côte d'Ivoire auch auf die Hauptstadt übergegriffen und bestimmt nicht Halt vor dem Nachtleben in der Rue Princesse gemacht. Und ein kurzer Nachsatz zur prekären Lage junger Tänzer in Abidjan trägt dieser traurigen Entwicklung auch nicht wirklich Rechnung.


[*] Vgl. Frank Wittmann, „Opium fürs Volk“, NZZ Online (http://www.nzz.ch/2006/02/09/fe/articleDHC98.html)


(4.5.2011)