Von der Rührung zur Choreolalie

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DIE BEWEGUNG ALS TAPETE IST EIN NARZISSTISCHER STILLSTAND

Von Luce Yfaire


Alle, die unbedingt bewegt werden wollen, verdienen ein gewisses Mißtrauen. Denn das Bewegtwerden funktioniert so: Etwas tut sich, du nimmst es wahr, und es berührt dich. Du fühlst dich durch diese Berührung angehoben und genießt deine Überzeugung, daß diese Erhebung ein schönes Gefühl sei. Also bist du bewegt. Zugleich aber rührt sich aber auch möglicherweise dein Verstand, der dir sagt, daß, was dich nach der Berührung erhoben hat, natürlich du selbst warst. Du hast dich in dem Wahrgenommenen erkannt, und das hat eine Stimulation erzeugt, die, je nach Intensität, ein „Bewegtsein“ simuliert hat. Der innere Simulator, der aus den Wahrnehmungsinhalten jene Simulakren zaubert, die er dann nach außen als etwas Eigenes projiziert, ist in der Rezeption von Kunst besonders aktiv.

Die Gefühlsregung wird üblicherweise dem „Subjekt“ als Eigenschaft zugewiesen. Sie ist aber richtigerweise Teilstruktur eines, wie ein corpus-Autor, dessen Namen ich hier auf sein Ersuchen hin verschweige, mir einmal nahegelegt hat, Sozjekts. Einer Person also, die von vornherein als Geteiltes, als Dividuum auftritt, das sich in die gesellschaftlich gegebenen Emotionskomponenten einklinkt. Das Innere ist also kein Besitz, sondern eine Teilhabe, folgere ich, und bin sozjektiv ganz gerührt von dieser Idee.

Simulakra 

Was mich erhebt, kann ein Gegenüber ganz und gar stehen lassen. Der Andere wird von Anderem berührt, das macht den Abstand zwischen „dir“ und „mir“ deutlich. Als lustvoll wird empfunden, wenn einander zwei treffen, deren Teilhabe am Emotionsfluß ihnen Ähnliches vormachen. Der Abstand scheint sich dann aufzuheben. Ich persönlich lehne die Idee ab, ich hätte irgendwelche Gefühle, und bevorzuge den Eindruck, daß bestimmte Komponenten des sozialen Emotionsflusses mich ergreifen und mir meine Ichbefindlichkeit vortäuschen. Das enttäuscht mich nicht, weil ich die Täuschung als authentisch betrachte. In diesem Sinn bin ich dann Simulakrum und erfahre mich als authentisch. Ich bin die Gleiche, aber eben als Anteil.

Jedes einem solchen anteiligen Dividuum authentisch entwichene Kunstwerk ist das Resultat vielfacher Bewegungsprozesse, und so kann ich die Exklusivität, mit der im Tanz auf Kompetenz in Sachen Bewegung gepocht wird, nicht ganz verstehen. Musik, Literatur, Film - überall Prozesse und Bewegungskonzepte. Verkehr, Kochen und Sprechen bestehen aus Bewegungen. Der Tanz meint allerdings spezifische Konzepte, die mit gerahmten Organisationsmodellen von Körperbewegung operieren. Das ist akzeptabel, wenn der Tanz den Körper ins Licht trägt im Sinn einer - aufklärerischen - Erleuchtung inmitten suppressiver oder zumindest manipulativer Systeme, die diesen Körper beherrschen und damit das Sozjekt kolonisieren wollen.

Inkompetenz 

Doch dazu muß ein Körper noch nicht im technischen Sinn „tanzen“ können. Im Gegenteil. Sobald der Körper zu tanzen lernt, droht er seine Kompetenz in Sachen Bewegung zu verlieren. Denn sobald sich der Tanz auf die körperliche Bewegung als selbstreferentielle und selbstgenügsame Handlung beschränkt, gerät er in Gefahr, Leerformeln zu produzieren. Tänzer, die nur tanzen, weil sie sich durch ihre Bewegungshandlungen berühren (lassen) wollen, produzieren zwar Peepshows, mit der weiten Struktur der Bewegung im gesellschaftlichen Feld hat das aber nicht unbedingt etwas zu tun. Wie Reden um des Redens willen sehr schnell verflacht, auch wenn die Glossolalie virtuos erscheinen mag, so bleibt „la danse pour la danse“ irrelevant, eine bloße „Choreolalie“.

Im zeitgenössischen Tanz ist der Tanz um des Tanzens willen bloße Tapete. Ein aufgeregter, zur Erhebung verleitender Stillstand. Diese Stasis kann auch durch die Applikation von bedeutungsschwangeren Erzählmustern oder intermedialen Dekors nicht aufgehoben werden. Erst wenn das Tanzen sich in repräsentationalen Reflexionsbewegungen unterbricht und kontextuelle Setzungen versucht, sich also bewußt ins Spiel bringt, klinkt es sich in die Gesellschaft ein und beeinflußt deren Spiele. Erst wenn „Tänzer“ begreifen, daß ihr Hingerissensein von den eigenen körperlichen Tanzleistungen nicht mehr ist als bloßer Narzißmus und damit ein Verrat an der Idee der künstlerischen Verantwortung, werden sie zu Tänzern.

Denkbewegung 

Tanzen ist eine Denkbewegung und nicht nur eine anrührend ästhetisierte Gymnastik oder Emotionsesoterik von Leuten, die ihren Bewegungsdrang ausleben wollen. Sobald das klar ist - und es scheint heute wieder verwischt zu werden -, dann, und nur dann, öffnet sich dem Tanz auch das Feld der Kunst in Form einer Teilhabe an den Bewegungen der Gesellschaft.


(12.7.2008)