Flirten mit Claire

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DIE BUCHPERFORMANCE „THE C-PROJECT" VON SARAH VANHEE IN BRUT WIEN

Von Sabina Holzer




Im Konzerthaus im Wiener Brut sind im Publikumsraum runde Tische mit Stühlen aufgestellt. Auf der Bühnenseite steht eine Parkbank. Hinter dieser Bank lehnen auf schwarzen Podesten weisse Bücher mit blauem Aufdruck: The Miraculous Life of Claire C. Der Wiener Kulturjournalist Peter Schneeberger führt als Moderator durch den Abend, in dem The C-Project der niederländischen Performerin Sarah van Vanhee, dessen Resultat das erwähnte Buch ist, vorgestellt wird. Er beginnt damit, die Leute zu warnen, die Künstlerin wäre eine Diebin. Besonders gerne würde sie Taschen stehlen. Man solle sich also vorsehen.

Dabei, so erzählt er, und so steht es geschrieben, hat alles genau dadurch begonnen. Mit einer gestohlenen Tasche. Sarah Vanhee hatte sie in einem Zug gestohlen und fand darin ein unfertiges Skript des irischen Autors Guillaume Maguire. Das Buch handelt von einer Frau Namens Claire C. Allerdings ist die Geschichte dieser Frau erst skizzenhaft. Eigentlich weiß man fast nichts von ihr. Trotzdem, Sarah Vanhee ist fasziniert und möchte mehr von ihr wissen. Nachdem der Autor unerwartet stirbt, fasst sie einen Plan: Sie nimmt die kurzen Beschreibungen der restlichen Charaktere in dem Buch (Der Mann mit den dunklen Augen. Die Frau mit orangen Haaren. Der Mann, der vor kurzem einen Krieg erlebt hat usw.) und sucht per E-mail  Menschen, die für ein Treffen auf einer Parkbank in diese Figuren schlüpfen wollen. Vanhee selbst wird als Claire C. zu den Treffen gehen und so mehr über die Figur erfahren. In Folge wird Klara Trajecev, eine Ghostwriterin, beauftragt, aus der E-mail-Korrespondenz und den Transkriptionen von den Treffen das Buch fertigzuschreiben.

Der Abend besteht aus einem Gespräch mit dieser Ghostwriterin und Peter Schneeberger. Vanhee, so wird angekündigt, würde am Ende des Gesprächs kommen und die Bücher signieren.

Ist es nun echt?

Schon alleine das Set up dieses Schreibprozesses, das auch über den Einleitungstext des Buches vermittelt wird, ist eine Einladung, sich auf gedankliche Spielereien und deren potenzielle Wirkung einzulassen. Man denkt an Arbeiten des Autors Paul Auster, der bildenden Künstlerin Sophie Calle oder an Jack Hauser – ebenfalls bildender Künstler – und seine fiktionautischen Interventionen.
Klara Trajecev, über die Schneeberger hier versucht, mehr über den Verlauf des Projektes und die Figuren herauszufinden, entpuppt sich allerdings als etwas sperrige Gesprächspartnerin. Die manchmal trivialen Fragen (Schneeberger: „Ist es nun echt oder Fiktion?", oder selbst flirtend: „Haben die Männer mit ihr geflirtet?") werden von ihr geschickt zurückgespielt.

Passagen aus dem Buch werden vorgelesen und zwei Videoeinspielungen gezeigt. Eine zeigt die Präsentation des Buches in Amsterdam, bei der einer der Charaktere im Publikum sitzt und von der Erfahrung erzählt, vorübergehend eine Figur in einem Buch geworden zu sein. Die zweite (Live-)Einspielung lässt Claire C., nun auf einer Wiener Parkbank sitzend, auf der Leinwand erscheinen. „Was wirst du tun? Wohin wirst du gehen? Ist deine Geschichte jetzt zu Ende?“ fragt Trajecev die Frau. Und diese antwortet: „Ich weiß es nicht. Ich kann nur weggehen, wenn mir jemand zuschaut. Denn wenn mich niemand anschaut, existiere ich nicht." Klara Trajecev verspricht, ihr zuzusehen, und Claire C. geht auf dem Video den Parkweg entlang und verschwindet in der Dunkelheit. Jedes Weggehen ist ein bisschen wie sterben. Mit Claire C. zieht sich auch Klara T. zurück und Sarah Vanhee kommt auf die Bühne.

Zum Abschluss wird jemanden aus dem Publikum, der behauptet, eine Figur aus der Geschichte zu sein, ein Exemplar den Buchs geschenkt. Es meldet sich eine Frau, die sagt, sie wäre der Mann mit den dunklen Augen. Peter Schneeberger ist nicht sicher, ob das geht. Die Frau, die sich Sarah Vanhee nennt, hat damit keine Probleme und gibt ihr das Buch.

Der unsichtbare Text

Es ist eine diffizile Angelegenheit, in einem Theater, in einem theatralen Setting Fiktionen zu verhandeln. Ist das doch das Theater der anerkannte gesellschaftliche Raum für Verwandlungen. Und so bleibt diese Präsentation nur charmant, man weiß, eigentlich geht es um das Buch. Und in dem Buch The Miraculous Life of Claire C. eröffnen sich tatsächlich weitere Räume, die um einiges subtiler und subversiver sind.

Die E-mail-Korrespondenz wurde in ihrem ursprünglichen Layout belassen. Sie ist durchsetzt mit den angeblichen Notizen des verstorbenen Autors Guillaume Maguire (dessen letztes Buch übrigens „Possible Escapes“ heißt). Diese Notizen sind eine fragmentarische Spur über das Schreiben, über das Dasein, über Positionen und Haltungen, über Wahrnehmungsdetails, die sich zu Zuständen vernetzen: kurze Linien und Punkte, rhythmisiert und wiederholt in einem leeren Raum, der durch die Mails, die der alltäglichen Sprache viel näher sind, gefüllt wird. Die sprachlichen Setzungen entwickeln eigene Stimmen, und so entsteht während des Lesens eine Vielstimmigkeit von eigenartigen Fremden. Sie sind doppelt fremd: zum einen, weil sie den Charakter und die Geschichte, in der sie sich entschieden haben mitzuspielen, nicht kennen; zum anderen kennen sie Claire C., die sie in diese Geschichte geholt hat, nicht. Sie zeigt sich nur durch den Kontakt mit anderen – oder auch gar nicht.  

Es sind flüchtige, intensive Annäherungen. Sie sind begleitet von der Unmöglichkeit zu bleiben. Und das ist die eigentliche dramatische Bewegung des Buches, dieses Oszillieren zwischen da sein und nicht da sein. Die Textfragmente verbinden sich immer mit anderen Texten, selbst wenn diese nicht sichtbar sind. The Miraculous Life of Claire C. setzt sich mit diesen unsichtbaren Texten in Verbindung und entwickelt so eine feine Vielschichtigkeit. Gespielt oder echt, Fiktion oder Dokumentation – egal. Wir sind im Roman gelandet.


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(19.2.2011)