Walter Heuns Tanzquartier Wien

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blason_27x30_drop SPUREN, POTENZIALE UND DIE KUNST DER NACHFOLGE: AUFTAKT DER NEUEN TQW-INTENDANZ

Von Fred Arctor


Eine Neuübernahme ist stets auch eine Kommunikationsleistung, und die des Tanzquartier Wien aufgrund der spezifischen lokalen Bedingungen und einer ganz allgemeinen Diskursschwäche ganz besonders. In Wien muss ja alles immer ein bisserl lustig sein, und auch das Schwere darf bitteschön nicht allzu dicht daherkommen.

Walter Heun, der nun sein Programm für die ersten drei Monate seiner neuen Intendanz vorgestellt hat, kann das. Er verabschiedet den bisherigen grünen Auftritt des TQW und streicht es auf blau um. Blau steht in der allgemeinen Bewertung von Farben ganz klar an erster Stelle. Blau, das ist der Himmel, das Meer, und mit dem Blues wird sogar das Traurigsein schön. Blau machen: herrlich. Den Blaumann tragen: Vereinigt euch! Blau sein: österreichisch für den Eintritt in riskante Bewußtseinszustände mittels legaler flüssiger Drogen.

„Sie machen sich keine Vorstellung." Dieser mehrdeutige Slogan steht in grünen Lettern auf dem ersten blauen Folder des neuen TQW. In dieser grünen Schrift steckt die Kontinuität, die Heun der von ihm angestrebten Erneuerung voranstellt, denn das Tanzquartier ist unter Gründungsintendantin Sigrid Gareis zu einem Haus von großem internationalen Ruf geworden, und dieser Ruf will gewahrt bleiben.

Performance als Teil des Inhalts

Hier die Nachfolge an- und zugleich aus der Position des bloß erbeverwaltenden Nachfolgers herauszutreten, und das noch dazu positiv und mit dem Nimbus der Kontinuität, ohne sich verwechselbar zu machen, das ist eine echte Herausforderung. Die Kunst der Nachfolge ist in diesem Fall eine, die der Kunst der Gründung um nichts nachsteht - insofern kann man sagen, dass mit Heun eine Neugründung des Tanzquartiers auf der Ebene der Selbstdarstellung der Institution stattfindet, und man macht sich keine Vorstellung davon, wie heikel das ist - oder aber, wie viel Spaß das machen kann. Die Performance einer Institution ist Teil ihres Inhalts. Deswegen brechen substanzlose Performances entweder zusammen, oder sie verflachen zu kurzlebigen Hüllen.

Das neue Tanzquartier vermeidet aufgelegte Konflikte. In seinem Eröffnungsprogramm findet sich ein großer Auftritt der Trisha Brown Dance Company (eine Kooperation mit ImPulsTanz), die erste Tanznacht, die in Wien organisiert wird (eine Kooperation mit dem brut-Theater), sowie ein choreografischer Eröffnungsabend unter dem Titel „Attached to you“. Dieser Auftritt ist wahrlich keine Provokation, aber auch nicht ohne „Mission Statement“. Denn das TQW will untersuchen, welche verschiedenen künstlerischen Möglichkeiten der Choreografiebegriff heute in sich trägt. Die neue Dramaturgin Sandra Noeth betätigt sich als „Spuren-Leserin" auf den Fährten von Kunst und Diskurs, gegenwartsorientiert und historisch interessiert.

Hier wird also erst einmal ein Potenzial ausgebreitet, das noch recht allgemein ist. Darin gibt es jetzt viel Bewegungsspielraum. Krassimira Kruschkova, die Leiterin der Theorieabteilung im Haus, hat ein sehr konkretes Ziel bei ihrer Spurensuche: jenes der Auslotung der „Metaphern des Tanzes“, denen die Vortragsreihe dieser Saison gewidmet ist. Da Heun vor einem Jahr recht spät zum neuen Intendanten gekürt wurde, hatte er offenbar noch nicht genügend Zeit, sich ein spezielles größeres Projekt auszudenken und den Research-Bereich zu gestalten. Das sind jeweils schwierige Aufgaben, und es steht sehr zu hoffen, dass das TQW hier einen neuen, radikalen Zugang schafft.

Hot Spot mit vielen Möglichkeiten

Das künstlerische Labor beispielsweise ist ein potenziell radikales, weil eben experimentelles Format, das primär keine große Öffentlichkeitswirkung hat. Da kann es krachen, da kann etwas schief gehen, und Laborpräsentationen vor Publikum sind fragile, riskante Situationen, in denen oft nicht wirklich vermittelt werden kann, was in Wirklichkeit los war in der Zeit des Forschens und Experimentierens von Künstlern, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten. Da das TQW aber mit seiner Hinwendung zu den Möglichkeiten und Methoden choreografischer Strategien ohnehin einen inhaltlichen Rahmen hat, wird sich allein schon hier ein Anknüpfungspunkt für Labore finden lassen oder sogar aufdrängen.

Worauf viele BeobachterInnen nun mit Spannung warten, und wovon sie sich zur Zeit noch gar keine Vorstellung machen können, ist eine erste echte inhaltliche Setzung, ein konkretes ästhetisch-politisches Zeichen in einer zunehmend zerstreuten Gegenwart, in der seltsamerweise künstlerisches Wagnis und radikale Stellungnahme auch von der jüngeren Generation eher klein geschrieben wird. Kontroverse Ästhetiken können zwar weder herbeikuratiert noch herbeigeschrieben werden, aber ihre Ansätze und Nährböden gehören beobachtet - und gedüngt. Und zwar gerade durch forschungsbasierte inhaltliche Formate, die die KünstlerInnen herausfordern.

Obwohl das Tanzquartier Wien mit einer solchen Setzung auch hätte beginnen können, bleibt es einstweilen ein Hot Spot mit vielen, auch heute noch ungeahnten Möglichkeiten, die nicht schon beim Auftakt der neuen Intendanz ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Aber sie werden kommen müssen, wenn das TQW von einem avancierten europäischen Tanzhaus zu Europas führendem choreografischen Zentrum werden soll. Und bescheidener darf sein Ziel nicht sein.


Programm unter: www.tqw.at


(10.9.2009)