Warten auf ein Hybrid

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ZUR ROLLE DES FRANZÖSISCHEN CHOREOGRAFEN BORIS CHARMATZ BEI DER ENTWICKLUNG DES HOCHSCHULÜBERGREIFENDEN ZENTRUMS TANZ IN BERLIN

Von Pirkko Husemann

„Ziel einer Ausbildung wäre es, dem Tänzer dabei zu helfen, Entscheidungen zu treffen und eigene Formen des körperlichen und imaginären Trainings zu erfinden. Unter Berücksichtigung seines Zustands und mit Blick auf sein künstlerisches Projekt müsste man ihm physische und intellektuelle Kulturwerkzeuge an die Hand geben, die es ihm erlauben, Sinn zu produzieren, statt einfach nur zeitgenössische Techniken zu erleiden."

So formuliert der französische Choreograf Boris Charmatz sein Projekt einer umfassenden, ästhetisch orientierten und ethisch fundierten Tanzausbildung in dem zusammen mit der Tanzhistorikerin Isabelle Launay herausgegebenen Buch „Entretenir. À propos de la danse contemporaine" (les presses du réel, 2003). Aus seinem Kommentar spricht die Stimme eines ausbildungserprobten Künstlers, der bei enthusiastischen Autodidakten, konservativen Autoritäten und risikofreudigen Künstlern gelernt hat.

Stellt man sich den 33-jährigen Querdenker der französischen Tanzszene nun als Kopf einer neuen Tanzhochschule für Berlin vor, ist man zunächst hoch erfreut. Doch es regen sich auch Bedenken, ob seine künstlerische Vision mit der Hochschulpolitik vereinbar ist. Anlass zur Skepsis bietet der komplexe institutionelle Kontext des Vorhabens, zu dessen Gelingen Charmatz beitragen soll. Zusammen mit Eva-Maria Hoerster (bisher künstlerische Leiterin der Tanzfabrik Berlin) und dem Choreografen Ingo Reulecke (Professor an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) wurde er ins Direktorium des im Aufbau befindlichen Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin (HüZT) berufen.

Die neue Ausbildungsstätte für zeitgenössischen Tanz und Choreografie ist organisatorisch bei der Universität der Künste und der Ernst Busch-Hochschule verankert. Ein dritter Kooperationspartner ist das Netzwerk TanzRaumBerlin. Die Entwicklung des bis auf weiteres unter dem unhandlichen Kürzel HüZT firmierenden Pilotprojekts findet in Abstimmung zwischen dem Direktorium, der gemeinsamen Kommission der beteiligten Partner, einer Fachkommission und einem internationalen Beirat statt. Der Kostenaufwand für das HüZT beläuft sich auf insgesamt etwa 2,2 Mio. Euro und wird gemeinsam von den beiden Hochschulen und dem Land Berlin getragen. Der Tanzplan Deutschland fördert zunächst die Recherchephase 2006 und entscheidet Ende des Jahres über eine Verlängerung.

Was lange währt, wird endlich gut, könnte man mit Erleichterung feststellen, denn nach jahrelangem Gezänk zwischen diversen Parteien mit unterschiedlichen Interessen ist es nicht zuletzt durch die Initiative des Tanzplan Berlin gelungen, einen tragenden und überzeugenden Synergieeffekt zu bewirken. Insofern blicken die Berliner (und mit ihnen auch die internationale Tanzszene) dem hybriden Monstrum mit Hochschulstatus erwartungsvoll entgegen. Ab April 2007 sollen dort die ersten Studenten unterrichtet werden. Am Lehrplanentwurf sowie an der Gestaltung des Zentrums wird derzeit heftig gearbeitet. Ein geeigneter Ort muss auch noch gefunden werden.

Tanz-Bachelors sind nicht zugelassen 

Mit der Entwicklung des Bachelor-Studiengangs Tanz und Choreographie sind neben Eva-Maria Hoerster und dem Autor und Kurator Franz Anton Cramer insbesondere Boris Charmatz und die Tanzpädagogin Gisela Müller beschäftigt, die sich seit Juni 2006 eine Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste teilen. Die personelle Besetzung dieser Stelle geht auf einen Vorschlag des TanzRaumBerlin zurück und ist ganz ohne Zweifel zu begrüßen, da neben der Überzahl an kultur- und bildungspolitischen „Spin Doctors" somit immerhin zwei Künstler unmittelbar mit der inhaltlichen und organisatorischen Entwicklungsarbeit des HüZT betraut sind.

Wie aber passt Charmatz' Vorstellung einer alternativen Tanzpädagogik in eine international renommierte Kunsthochschule, die bisher außer dem Studiengang Musical-Show und der Abteilung Theaterpädagogik in der Darstellenden Kunst gar keine zeitgenössische Tanzausbildung im Angebot hat? Während der Künstler den Tanz als Forschungspraxis begreift, die all das umfasst, was den Körper berührt oder von ihm berührt wird, bietet Deutschlands größte Kunsthochschule zwar einen Masterstudiengang „Kunst im Kontext" an. Doch Künstler mit einem Bachelor in Tanz oder Choreografie sind hier im Gegensatz zu bildenden und Medienkünstlern, Architekten, Designern oder Kunstpädagogen nicht zugelassen.

Angenommen, dies ließe sich unter dem Einfluss des HüZT in absehbarer Zeit ändern: Wie könnte etwa das im Jahr 2003 von Charmatz initiierte künstlerische Experiment „Bocal" (auf Deutsch „Einmachglas") zur „möglichst hohen Professionalisierung" der Studierenden beitragen oder ihnen gar zu einer „eigenen wirtschaftlichen Existenz" verhelfen? Zwei andere Schlagwörter aus der Beschreibung des Postgraduierten-Programms „Kunst im Kontext" träfen da schon eher auf Charmatz' tanzpädagogische Praxis zu: Belastbarkeit und Teamwork.

Denn als dieser mit 17 Tänzern und Nichttänzern unterschiedlichster Herkunft ein Jahr lang durch Europa reiste, um an sieben Stationen tagtäglich eigene Lehr- und Lernmethoden zu erfinden, um Tanzfestivals zu squatten, zwölfstündige Marathon-Workshops zu geben oder Tanzwissenschaftlerinnen beim siebenstündigen Online-Chat auszuquetschen, lernten die „Bocalisten" vor allem, mit den Tücken der Gruppendynamik und den Folgen der Erschöpfung umzugehen. Wie aber ließe sich diese Erfahrung in Semestern modularisieren und zwecks Benotung evaluieren? Würde man eine kroatische Literaturwissenschaftlerin als Studentin aufnehmen, die in einem Interview gesteht, dass sie bei „Bocal" vor allem Französisch gelernt habe und die Gelegenheit nutzte, um endlich mal aus Zagreb raus zu kommen?

Spielräume für intelligente Utopien? 

Angesichts dieser Widersprüche wird deutlich, dass es einer gründlichen Verständigung bedarf, damit Institution und Kunst respektive Struktur und Inhalt der Berliner Tanzausbildung auf der Höhe der zeitgenössischen Tanzpraxis zusammenfinden. Es bleibt zu hoffen, dass Charmatz' Erfindungsreichtum durch die 1999 in Bologna festgelegten Richtlinien für die Modernisierung und Internationalisierung des Hochschulwesens nicht verkümmert und dass er sich genügend andere Spielräume freihält, um seine intelligenten Utopien ohne administrative Auflagen zu verwirklichen.

Auf jeden Fall sollten die Macher des HüZT jene zehn Thesen beherzigen, die er vor einigen Jahren zusammen mit einer französischen Arbeitsgruppe formulierte. Sie beginnen mit den Worten: „Es gibt keine ideale Schule, keine idealen Professoren oder Studenten. Noch weniger gibt es universelle Lehrinhalte. Weil die Schule kein Monopol hat, ist sie lebendig. Sie bietet nur Potentiale und Missverständnisse - auf dass diese fruchtbar seien." Die Bedingungen hierfür sind in Berlin gegeben.