Warten auf ein Hybrid - Seite 3

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Angenommen, dies ließe sich unter dem Einfluss des HüZT in absehbarer Zeit ändern: Wie könnte etwa das im Jahr 2003 von Charmatz initiierte künstlerische Experiment „Bocal" (auf Deutsch „Einmachglas") zur „möglichst hohen Professionalisierung" der Studierenden beitragen oder ihnen gar zu einer „eigenen wirtschaftlichen Existenz" verhelfen? Zwei andere Schlagwörter aus der Beschreibung des Postgraduierten-Programms „Kunst im Kontext" träfen da schon eher auf Charmatz' tanzpädagogische Praxis zu: Belastbarkeit und Teamwork.

Denn als dieser mit 17 Tänzern und Nichttänzern unterschiedlichster Herkunft ein Jahr lang durch Europa reiste, um an sieben Stationen tagtäglich eigene Lehr- und Lernmethoden zu erfinden, um Tanzfestivals zu squatten, zwölfstündige Marathon-Workshops zu geben oder Tanzwissenschaftlerinnen beim siebenstündigen Online-Chat auszuquetschen, lernten die „Bocalisten" vor allem, mit den Tücken der Gruppendynamik und den Folgen der Erschöpfung umzugehen. Wie aber ließe sich diese Erfahrung in Semestern modularisieren und zwecks Benotung evaluieren? Würde man eine kroatische Literaturwissenschaftlerin als Studentin aufnehmen, die in einem Interview gesteht, dass sie bei „Bocal" vor allem Französisch gelernt habe und die Gelegenheit nutzte, um endlich mal aus Zagreb raus zu kommen?

Spielräume für intelligente Utopien? 

Angesichts dieser Widersprüche wird deutlich, dass es einer gründlichen Verständigung bedarf, damit Institution und Kunst respektive Struktur und Inhalt der Berliner Tanzausbildung auf der Höhe der zeitgenössischen Tanzpraxis zusammenfinden. Es bleibt zu hoffen, dass Charmatz' Erfindungsreichtum durch die 1999 in Bologna festgelegten Richtlinien für die Modernisierung und Internationalisierung des Hochschulwesens nicht verkümmert und dass er sich genügend andere Spielräume freihält, um seine intelligenten Utopien ohne administrative Auflagen zu verwirklichen.