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"I LIKE TO MOVE IT MOVE IT": HERBSTREFLEXION AUF EINEM SCHIFF #1

Von Marlies Pillhofer


Im Oktober 2009, rund vier Monate nach Ende der Projekte bei „I Like to Move It Move It“, lud Linz09 zum Reflexionstag. KünstlerInnen, LehrerInnen und DirektorInnen, die in das Experiment an zahlreichen oberösterreichischen Schulen von März bis Mai 2009 involviert waren, wurden eingeladen, aus der zeitlichen Distanz heraus das Projekt kritisch zu evaluieren. Ort der Zusammenkunft war die MS Anton Bruckner, ein Schiff, das nahe dem Lentos Museum angelegt hatte und die Gruppe von LehrerInnen, KünstlerInnen und OrganisatorInnen so richtig „in Fahrt“ bringen sollte.

Insgesamt mehr als sechzig Tanz- und Theaterschaffende hatten im vergangenen Schuljahr mit Jugendlichen unter der Frage gearbeitet, in welcher Form Kunst Schule machen könnte. corpus hat dieses Projekt unter dem Titel „Education Moves“ publizistisch begleitet und im Zuge dessen auch in exemplarischen Texten dargestellt, wie in einzelnen Projekten gearbeitet wurde. Aus den künstlerischen Prozessen wurden auch Formate der Veröffentlichung entwickelt. Durchaus sinnvoll, wie es eine Lehrerin ausdrückt: „Die Aufführung war der Glücksmoment.“

In kleinen Arbeitsgruppen findet sich auf dem Schiff auch für die aus Wien angereiste Dokumentaristin des ersten Teil dieses Reflexionstages, die diese Aufführungen nicht gesehen hat, Gelegenheit, mehr über den vergangenen Verlauf des Projektes in den einzelnen Schulen zu erfahren. Folgende Beobachtungen bilden als Ausschnitt beispielhaft ein Abbild der vergangenen Ereignisse in den einzelnen Schulen.

Stolz des Direktors

Die [hier so bezeichnete] Schule 1 besuchen zu 80 Prozent SchülerInnen mit migrantischen Hintergrund. In der künstlerischen Auseinandersetzung wurde auf die Lebensgeschichten der SchülerInnen eingegangen. Nach der abschließenden öffentlichen Präsentation wurde das Projekt eingeladen, im diesjährigen Herbst vor dem Nationalrat eine weitere Aufführung des erarbeiteten Materials zu zeigen.

Der Stolz des Direktors ist am Leuchten seiner Augen ablesbar, wenn er von der schwierigen Situation der Schule in ihrem urbanen Kontext spricht und welche Energien im Zuge von „I Like to Move It Move It“ in der Schule freigesetzt wurden. „Das Stück war bewegend, weil es keine glatte Aufführung war. Es war authentisch und spürbar, dass die Rollen der SchülerInnen und deren Individualität auf der Bühne sichtbar wurden. Eltern haben vor Rührung geweint, als sie sahen, welch starke Präsenz die Kinder auf der Bühne entwickelten. Das hebt ganz klar das Image der Schule, in der SchülerInnen aus 17 Nationen insgesamt 14 Sprachen sprechen. Auch das Engagement der Lehrer war sehr groß.“

In Schule 2 gab es große Schwierigkeiten in der Erarbeitung des Projektes. Die Widerstände innerhalb des Lehrkörpers waren heftig, und die Zusammenarbeit zwischen LehrerInnen und KünstlerInnen gestaltete sich als äußerst schwierig.

Wie es die Lehrerin aus dieser Erfahrung formuliert: „Erst die Aufführung war der Glücksmoment, wegen dem es sich gelohnt hat. Zwischendurch dachte ich oft: ‚Ich schmeiß' das Ganze hin‘.“ Auch wenn der Prozess von allen Beteiligten einiges an Nerven abverlangt habe, so wäre für sie trotzdem ein großes Highlight, wenn „I Like to Move It Move It“ weiter- und in eine Regelmäßigkeit übergehen würde.

Erweiterung des Horizonts

Für Schule 3 war vor allem die bürokratische Hürde ein großes Problem. Es handelt sich um eine kleine Schule am Rande Oberösterreichs, in einem Bezirk, der dem Projekt wenig wohlwollend gegenüberstand.

Die Erweiterung des Schulhorizontes auf beteiligte KünstlerInnen ist der Lehrerin, die auf dem Schiff berichtet, in positiver Erinnerung geblieben. Schulfremde Menschen in den Gängen begrüßen zu können und aus deren Arbeit neue Inputs und Kraft zu schöpfen, war einerseits sehr bereichernd, zum anderen aber auch schwierig. Der Lehrkörper entschied sich für das Prinzip der Freiwilligkeit - das Projekt wurde an dieser Schule in Klassenverbänden abgewickelt, da es organisatorisch sonst nur schwer bewältigbar gewesen wäre. Rückblickend beobachtet man nun nach Ende des Projektes einen anderen Umgang der SchülerInnen miteinander.

Bei Schule 4 führte der Künstler aus den Schulräumlichkeiten hinaus. Die gesamte Stadt wurde in das Projekt eingebunden und erfuhr durch die abschließende Aufführung eine veränderte Dynamik.

Als erleichternd, heißt es hier, erwies sich im Rahmen von „I Like to Move It Move It“ die finanzielle Abwicklung. Die sonst üblichen Hürden durch Anträge und vermehrte Bürokratie wurde weitestgehend ausgespart, die finanzielle Betreuung übernahm Linz09. Im Zuge der Projektentwicklung hielten zwei SchülerInnen Distanz und waren nicht aktiv am künstlerischen Prozess beteiligt. Das durfte auch sein.

Entdeckung von Talenten

In Schule 5 wurde das Projekt mit zwei Klassen von 11-Jährigen durchgeführt. Im Zuge der Erarbeitung traten an SchülerInnen unterschiedliche Talente hervor, die im Regelunterricht im Schatten bleiben.

Die anwesende Lehrerin erzählte von einem sehr schüchternen Schüler, der im Zuge des Projektes immer selbstsicherer wurde und bei der Präsentation dann auf der Bühne stand und dadurch viele überraschte. Aber:„Die Künstlerin hat den SchülerInnen viel abverlangt, da sie es wirklich perfekt haben wollte. Alle Beteiligten waren am Ende des Tages sprichwörtlich auch am Ende.“

Schule 6 hatte mit - vermeintlich - hohen Künstleransprüchen zu kämpfen.

Wie KünstlerInnen in diesem für sie unbekannten Kontext arbeiten, von welchen Arbeitsvoraussetzunge sie ausgehen und wie LehrerInnen damit umgehen, ist für alle Beteiligten wie eine Erkundung einer neuen Insel. Man tastet sich gegenseitig ab, geht mehr Schritte, als man wollte, und lernt dabei sein Gegenüber anders kennen. An dieser Schule kam es zu einer „Konfrontation der Systeme“, wie es der Lehrer ausdrückt, und „nur weil der Rest der Schule sich da nicht eingemischt hat, konnte das Projekt weiterlaufen; in Anbetracht der Probleme hätte der Lehrkörper das Projekt wohl gestoppt“. Dazu kamen Reibungspunkte zwischen KünstlerInnen und SchülerInnen, die sich nach der Aufführung am Projektende allerdings in Wohlgefallen auflösten.

Probleme der „Musischen“

Schule 7 hatte mit ihrem musischen Schwerpunkt bereits Erfahrung in der Arbeit mit künstlerischen Projekten. Dies erwies sich in diesem Fall als Nachteil, da die Vorstellungen der Klassen bereits relativ gefestigt waren. Andere Schulen seien, hieß es, offener und unbelasteter auf das Projekt zugegangen.

Der künstlerische Ansatz war, mit genau dieser Vorstellung zu spielen und mit dem Begriff „failure“ zu arbeiten. Den SchülerInnen fiel es im Zuge der Erarbeitung schwer, mit dieser Strategie umzugehen. Den gewohnten Rahmen, der darin besteht, auf der Bühne stehen und dort schön singen, zu verlassen, erwies sich im Prozess in Schule 7 als schwierig.

Schule 8 ließ die KünstlerInnen autonom mit den SchülerInnen arbeiten, was dazu führte, dass das Ergebnis des Prozesses beim Lehrkörper auf Unmut stieß und die Situation eskalierte.

In dem Moment, in dem die SchülerInnen durch ihre Umgebung in eine Art Opferrolle gedrängt wurden, setzte eine Verunsicherung und Über-Emotionalisierung ein. Die Aufarbeitung der Geschehnisse wurde in der Schule über Feedbackrunden mit der Direktion sowie über eine Kommunikation von Linz09 mit den SchülerInnen eingeleitet. Was die Situation erschwerte, war die Sprachbarriere zwischen KünstlerInnen und SchülerInnen, was das Gefühl einer Autorität der KünstlerInnen aufkommen ließ und die SchülerInnen vom Projekt distanzierte.

Schule 9 erhielt von der zuständigen Abteilung des Bezirkes keine Informationen über die Einladung zum Projekt, erst über Umwege konnte „I Like to Move It Move It" an die Schule geholt werden. Dieses Problem trat mehrfach auf.

Verlauf und Ergebnis des Projektes erwiesen sich dann als äußert erfolgreich, ein weiterer Aufführungstermin im Ausland ist geplant. Vor allem die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen hob sich von der üblich praktizierten Schultheaterarbeit ab und erweiterte dadurch den Erfahrungshorizont der involvierten LehrerInnen. Dafür wichtig war die Unterstützung des Direktors, der voll und ganz hinter dem Projekt stand.

So unterschiedlich die exemplarisch dargestellten Erfahrungsberichte auch scheinen mögen, so sind wiederkehrende Dynamiken zu beobachten. Diese gilt es zu fassen und für eine zukünftige Überlegung hinsichtlich der Überführung von „I Like to Move It Move It“ in den Regelunterricht zu beachten.


(17.12.2009)