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FÜNF JAHRE TANZQUARTIER WIEN
Von Franz Anton Cramer
Mit den Jubiläen ist das immer so eine Sache. Willkommener Anlaß für Rückschauen, Zusammenfassungen, Porträts und Würdigungen, neigt die kulturelle Zeitrechnung oftmals dazu, sich selbst zum Abstreich-Marathon zu degradieren. 2006 hatte man daher zu beachten: 250 Jahre Mozart, 150 Jahre Heinrich Heine, 100 Jahre Josephine Baker, 70 Jahre Nazi-Olympiade, 40 Jahre Allan Kaprow, 20 Jahre „Les Immatériaux“, 10 Jahre Xavier Le Roy, 5 Jahre 9/11. Und 5 Jahre TQW.
Fünf Jahre sind wenig im Vergleich zu Mozart. Sie sind gewaltig mit Blick auf die Gegenwart. Und fünf Jahre sind eine beliebige Zahl. Sie mit Bedeutung aufzuladen hat etwas Rührendes. Es muss nicht gleich so personifizierend sein wie beim heurigen „Tanz im August", wo man das Treffen 2006 im 18. Jahr unter dem Etikett „Volljährigkeit" präsentierte: wahlmündig, erwachsen, Führerschein ... Auf's 5-jährige übertragen würde das heißen: Kindergeburtstag, Topfschlagen, Vorschule. Glücklicherweise ist Wien aber nicht Berlin. Derlei Topik bleibt also ausgespart.
Gleichwohl ist das Erinnern um so schwieriger, je näher das Geschehen an der Gegenwart liegt. Denn zumal der zeitgenössische Tanz will sich ja immerfort vergessen. Und er mißtraut seinem eigenen Sicht-Bestand. Fünf Jahre TQW sind also auch fünf Jahre Arbeit an der paradoxen Aufgabe, dem Tanz das zu ermöglichen, was er zugleich vermeiden will: das Geronnensein im Bild, das Erstarren der Recherche in der Performance, das Ende des Prozesses im Stück. Wenige Institutionen haben sich dieser widerwilligen Realität und ihrer Diskurse so nachhaltig angenommen.
Natürlich könnte man jetzt listen: Wie viele Produktionen, Aufführungen, Vorstellungen, Begegnungen, welche Tänzer, Choreographen, Medienkünstler, Referenten, was waren die Labors, die Workshops die Residenzen ... Doch mit der legendären „Inventur" im März 2005 wurde diese Aufgabe des Sammelns und Überblickens bereits formuliert. Man darf also anders bilanzieren.
Anfang 2003 war ich erstmals zu Gast in den opulenten Räumlichkeiten im Museumsquartier. Ich arbeitete damals an den Vorbereitungen zu einem (leider nie realisierten) Projekt mit, das sich dem Verhältnis von praktischen Gegebenheiten und künstlerischen Aussagen im zeitgenössischen Tanz widmen wollte. Im Abstract war folgendes zu lesen:
„Wir konstatieren einen Mangel an qualifiziertem Diskurs im Bereich des zeitgenössischen Tanzes. Dem entspricht eine gleichsam endemische, selbstverschuldete Sprachlosigkeit des Tanzes als Folge einer behaupteten Kultur des umittelbaren Verstehens. Wir wollen fragen, ob und inwieweit Strukturen, innerhalb derer zeitgenössischer Tanz stattfindet, diese Sprachlosigkeit selbst reproduzieren und wie sie Produktion wie Präsentation und somit im allgemeinen das Erscheinungsbild des Tanzes prägen.
Die zentralen Punkte scheinen uns zu sein:
1.) die Vorstellung, Tanz sei im Reden über Theater immer schon inbegriffen, nicht aber ein eigenständiges Diskursfeld ( „Vereinnahmung" bestimmter Formen zeitgenössischer Choreographie durch Umfeld und Programmatik des Theaters),
2.) die Selbstverniedlichung des Tanzes / der Tanzszene in einem naiven Diskurs und der ambivalente / unkritische Umgang mit dem Aspekt des „Spektakels" im Sinne einer schieren Überwältigungsästhetik,
3.) die wenig reflektierte Nähe von Tanz und bildender Kunst in ihrem selbst-erklärenden (performativen), nicht-narrativen Duktus. [...]
Wir sehen das Projekt in erster Linie als offene Plattform. Von ihr aus könnte das Reden über Tanz neue Impulse erhalten, ohne mit einer erschöpfenden „Theorie" konfrontiert zu sein. Es geht darum, dem oft wirren Nebeneinander von ästhetischen Urteilen, politischen Zufallsentscheidungen und scheinbar sachlich begründeten Strukturbildungen eine subjektive, gleichwohl fachlich begründete Position entgegenzusetzen und Begrifflichkeiten für weitere Diskussionen zu formulieren.“
Mir scheint, daß diese Fragestellungen im TQW beispielhaft behandelt worden sind und das auch weiter werden. Nicht, daß es keine kritisierbaren Entscheidungen oder diffizilen Verhältnisstiftungen gäbe. Aber die Elemente der Recherche als neue Seinsform des zeitgenössischen Tanzes, die Einbettung der Theorie in die Praxis und umgekehrt, die Bündelung von Diskursen, ohne sich ihrer bemächtigen zu wollen und sie zu hierarchisieren (doch, doch, das möchte ich glauben!) und nicht zuletzt die Verteidigung des Unbequemen (was sicherlich die unbequemste Aufgabe der Struktur insgesamt ist), sind in sich wichtige Resultate, zumal nach nur fünfjähriger Arbeit.
Hier erhält die Zahl eben doch ein Gewicht. Und natürlich ist der Vorgang nicht abgeschlossen. In den Materialien zu oben erwähntem Projekt stand auch:
„Der Ansatz, die Theorie könnte sich als Ideenlieferant für spektakuläre Aufführungen profilieren, hat etwas Verzweifeltes und Absurdes an sich. Vielleicht liegt hier die Sackgasse. Vielleicht muß man die Praxis Praxis sein lassen und auf ihre Erfindungsgabe vertrauen, um dann neue Stimulantien für ein Nachdenken zu erhalten. Etymologische Schlußfolgerungen sind immer leichtfertig, aber Nach-Denken setzt ja bereits ein konsekutives Moment voraus.
Es ergibt aber auch andersherum Sinn: Das Künstlerische in unserem heutigen Verständnis ist eine Gestaltung dessen, was anders noch nicht gestaltet worden ist und was so am besten gestaltet werden kann. Die Leidenschaft der Theorie dagegen ist immer ein Verstehen und Durchdringen dessen, was ist. Auch sie braucht immer wieder neue Methoden und Instrumente (Paradigmen). Aber ob sie nun tatsächlich tanzen kann und muß zu ihrem Funktionieren, bleibt zu fragen. Allzu enge Umschlingungen dienen beiden nicht. Es sei denn, die Theorieentwicklung ist sozusagen demütig und hält sich an das, was sie sieht. Aber dann würde sie so tun, als formte sie nicht auch immer ihren eigenen Erkenntnisgegenstand, als durchdränge sie nicht das Gesehene mit ihren eigenen Schlüsseln, Strukturen, Begehrlichkeiten und denkerischen Vorgaben. (...)
Dennoch gilt: Nur das Übersetzbare macht auch Sinn. Ansonsten kommen wir zur Glossolalie, zum beseelten Lallen, zur bloßen Verströmung. Kommunikation ist aber mehr als das. Sie ist ein gesteuerter und steuerbarer Vorgang, der stets das Gegenüber im Auge behält. Insofern sollte der Tanz sich vielleicht wieder auf das Dialogische, weniger auf monologische Sinnstrukturen konzentrieren. Die Labors im Wiener TQW tun das Ihrige. Denken muß aber jeder für sich selbst.»
Das Dialogische haben fünf Jahre TQW zweifellos belebt und vorangebracht. Wir hoffen auf eine Zukunft des Tanzes und damit auf eine Zukunft des Tanzquartier Wien. Aber ohne Altersbegrenzung. Dafür mit täglichen Jubiläen.
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