Was künftig geschehen muß

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"I LIKE TO MOVE IT MOVE IT": HERBSTREFLEXION AUF EINEM SCHIFF #2

Von Helmut Ploebst


Während des corpus-Gesprächs mit dem Philosophen Robert Pfaller und „I Like to Move It Move It“-Mitinitiator Guido Reimitz bekam letzterer Bedenken: „Im universitären und schulischen Bereich gibt es kein Bewußtsein dafür, wie sehr das Körperliche mit dem Lernen verbunden ist. Heute ich bin nicht mehr sicher, ob es klug ist, dieses Defizit an Reflexion aufzuheben. Weil es in alle Richtungen hin verwendet werden kann. Mit diesem Wissen über die Körperlichkeit kann auch viel ruiniert werden.“

Weil, könnte hier ergänzt werden, Körperdistanz so sehr Bestandteil unserer Kultur ist, daß der lenkende Gebrauch von Strategien ins Körperliche zur Norm geworden ist. Reimitz' Zweifel ist begründet: Was geschieht wirklich, wenn ein bestimmtes Wissen um den Körper in regulierungswütige Administrationsabteilungen gerät, was wären die Folgen, wenn dieses Wissen zur weiteren Normierung und Disziplinierung - eben etwa auch in der Schule - genützt wird?

Organisation von Körpern

Drei Wochen vor diesem Gespräch. Ein geräumiges Ausflugsschiff brummt auf der Donau. Drinnen sitzen LehrerInnen, KünstlerInnen und OrganisatorInnen, die an dem „I Like to Move It Move It“-Projekt beteiligt waren. Draußen ist es herbstlich kühl. Der Nachmittag eines professionell durchmoderierten Reflexionstages. Nach einem Vormittag der Rekapitulation (vgl. „Was geschehen ist") geht es nun um Ausblicke in die Zukunft. „Kinder, die sich bewegen, sind auch in Mathematik besser", sagt Guido Reimitz. Im Tanz wird, wäre hier anzufügen, gerne sehr allgemein über den Begriff Bewegung gesprochen. Hier jedenfalls ist eher tänzerisch motivierte Bewegung als eine etwa aus dem Fußballspielen generierte gemeint. Und Tanz ist ein überaus umfassendes Feld geworden.

Im tradierten Sinn ist Tanz jedenfalls eine sehr spezifische Form körperlicher Bewegung, die aus zahlreichen sie konstituierenden Bewegungsebenen besteht. Dabei darf nicht vergessen werden, daß alle den Körper bewegenden, nichtrepräsentativen Bewegungen im Körper ebenfalls Körperbewegungen sind: auch ganz unsichtbare wie das Schlagen der Herzen, das Feuern der Neuronen, die Flüsse der Hormone, aber ebenso das Wimmeln der wertvollen Bakterien, die in unseren Därmen siedeln. Der menschliche Körper besteht also aus Bewegung, und zwar auch dann noch, wenn er tot ist und seine Zellen zerfallen.

Die Schule ist ebenfalls ein bewegtes System, weil jede Schule eine Organisation, einen Organismus darstellt. Jede Schule ist wiederum Teil des größeren Schulsystems, in dem identifizierbare Dynamiken zur Steuerung der Subsysteme wirksam sind. In allen Schulen gibt es zwar Lehrkörper, aber seltsamerweise keine „Schülerkörper“, und es ist nicht sofort klar, ob das nun ein Glück für die SchülerInnen ist oder nicht. Schüler kommen und gehen, der Lehrkörper ist stabiler. Der Lehrkörper ist auf jeden Fall ein - hierarchisches - soziales Gebilde. Schüler werden zu sozialen Gebilden zusammengefaßt, die keine „Klassenkörper“ ausbilden. Der losen SchülerInnenschaft einer Schule steht also ihr kompakter Lehrkörper gegenüber.

Dieses Stehen ist kein Stillstehen, es ist ein um sich selbst kreisender Prozeß. Der Tanz einer konstruierten, künstlichen Opposition, jener zwischen den Lehrern und den Schülern. Die Lehrer folgen in ihrem Unterricht bestimmten Lehrplänen. Diese enthalten das Wissen darüber, was als wissenswert - und daher als unterrichtswichtig - erachtet wird und was nicht. Erstellt werden sie von einem Ministerium. Woher aber nimmt diese Administration die Berechtigung zu beurteilen, was wissens- und unterrichtenswert ist und was nicht? Wer prüft die Qualifikation jener, die den Kanon der Lehrpläne erstellen und damit die Schule zu jener machen, die den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt?

Beheben von Systemfehlern

Ausschlaggebend bei der Systemfehlersuche im Behördenapparat sind jene Bewegungsmuster, die einander aufheben, beispielsweise in Form eines „rasenden Stillstands“. Dieser kann sich in Organisationen einstellen, die nur damit beschäftigt sind, die eigenen Funktionen am Laufen zu halten, obwohl klar ist, daß die Organisation dabei im Hinblick auf ihre Bestimmung nicht von der Stelle kommt. Dieses Motiv taucht immer wieder in zeitgenössischen Choreografien auf.

Solche Organisationen wissen sehr oft von ihrem kritischen Zustand, und sie registrieren ihre Erosion als Folge des Insichselbstdrehens durchaus. Üblicherweise entstehen im Lauf solcher Selbstabnutzung Lecks, durch die sowohl Abflüsse von innen als auch Einflüsse von außen stattfinden. Das ist die letzte Chance, die eine solche Organisation hat, um sich zu restrukturieren, bevor sie korrumpiert und zerfällt.

Die Ursachen dafür, daß Organisationen in solche rasenden Stillstände geraten, liegen entweder darin, daß sie mit den Dynamiken ihrer Umgebungssysteme in Konflikt kommen oder daß ihre inneren Strukturen defekt werden. Die Krise des Schulsystems resultiert zuerst - aber nicht ausschließlich - aus der Tatsache, daß sich die Gesellschaft wesentlich schneller entwickelt als der Schulapparat. Die sozialen und kulturellen Bedingungen der postmodernen Gesellschaften einerseits und die Wissensinhalte, die diese Gesellschaften produzieren, andererseits erfordern hochkreative und flexible Anpassungsleistungen von Verwaltungsorganen und ihren Organisationen. Geraten nun in diesen Organisationen mehrere dysfunktionale, weil etwa durch ungeeignete ideologische Grundparameter zu starr agierende Problemlösungsmodelle aneinander, dann drohen ihre inneren Strukturen zu blockieren.

In diesem Augenblick entsteht die Notwendigkeit, Einflüsse von außen zuzulassen. Der Apparat entscheidet nun, ob er sich für pragmatische Einflüsse öffnet - also solche, die bloß das bestehende System reparieren - oder für radikale - solche, die es rundweg erneuern. Das Projekt „I Like to Move It Move It“ schlägt eine dritte, kreative Möglichkeit vor, nämlich die, eine Funktion in das Schulsystem einzulassen, die es erlaubt, an acht von insgesamt vierzig Schulwochen mit ganz neuen Strategien die kreativen Kräfte von SchülerInnen zu aktivieren und zu fördern. Und im Zuge dessen „alle Schuldisziplinierungen in Frage zu stellen, ohne vorher zu wissen, was in dieser Zeit passieren wird“, wie es Guido Reimitz auf dem Schiff formuliert.

Überlebenswichtige Kompetenzen

„Ohne die Kompetenz für Kreativität“, führt er weiter aus, „werden die kommenden Generationen nicht darauf vorbereitet sein, was auf sie zukommt.“ Mit Kreativität sei jene Grundkompetenz gemeint, die es dem Einzelnen ermögliche, eigene originäre Problemlösungen zu finden. Die Grundbedingungen für einen solchen Unterricht seien ein offener Ergebnisraum und ausreichend Zeit.

„I Like to Move It Move It“ schlägt vor, künftig aktive zeitgenössische KünstlerInnen an allen Schulen temporär mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten zu lassen. „Kunst im Sinn von schönem Nachspielen ist in meinen Augen keine Kunst“, stellt Reimitz klar. „Kunst ist für mich etwas, das KünstlerInnen gegen vorherrschende Gesellschaftssysteme stellen. KünstlerInnen können Konfliktlinien innerhalb dieser Systeme spür- und sichtbar machen. Und sie machen auch den Umgang mit diesen Konfliktlinien sichtbar.“

Die Motoren des Schiffs dröhnen ein wenig lauter, als das Schiff wendet. Gruppen werden gebildet, die - nach dem Modell von Lars von Triers und Thomas Vinterbergs „Dogmen 95“ für den Film - an Leitsätzen für ein künftiges Praktizieren von Unterricht nach dem Modell von „I Like to Move It Move It“ arbeiten. Reimitz hat einen Grundkatalog erarbeitet und diesen vorab zur Reflexion zur Verfügung gestellt:

dogma09 - für zeitgenössische Theater-Kunst-Projekte an Schulen

Das Manifest dogma09 steht für eine Schulpraxis, die mehr Raum für Kreativität und Körperlichkeit bietet. Und das Manifest verbannt für den Projektzeitraum Bürokratie, Kleinmütigkeit, Einzelkämpfertum, Ergebnisdruck, Fächerdenken und Geringschätzung jeglicher Art.

1. Unterrichtsimmanenz: Projekte sind Teil des Regelunterrichts - keine Nachmittagsbeschäftigung, kein Freifach oder Ähnliches.
2. Intensität: Projekte finden im Ausmaß von 2 Schultagen über 7 Wochen statt. Eine 8. Woche wird ausschließlich für das Projekt verwendet.
3. Kompetente Zeitgenossenschaft / Systemfremdheit: Der außerschulische Blick von KünstlerInnen ist wesentlicher Bestandteil des Projektes. Sie sollten über ein qualifiziertes Verfahren eingeladen werden und mindestens 10 Jahre Erfahrung als zeitgenössische KünstlerInnen mitbringen.
4. Systemrelevanz: Die Intervention zielt auf die Atmosphäre und das Klima der jeweiligen Schule als Ganzes ab. Deshalb ist die Einbeziehung des gesamten Lehrkörpers angestrebt. Dazu ist ein begleitender LehrerInnen-Workshop zu organisieren. Teilnahmezusagen von mind. 12 LehrerInnen sind Projektvoraussetzung.
5. Prozessorientiertheit: Keine Festlegungen vor Prozessbeginn, keine Stückvorlagen, keine Musikvorgaben, kein Leistungsdruck, kein Ergebnisdruck, keine Benotung. Kein Gestaltungszwang.
6. Fairness / Wertschätzung: KünstlerInnen werden so bezahlt wie LehrerInnen. Gegenseitige Wertschätzung aller am Projekt Beteiligten hat höchste Priorität.
7. Teamorientiertheit: Jedes Projekt wird von mindestens 2 KünstlerInnen und 2 LehrerInnen geleitet. Das LehrerInnen-Team und das KünstlerInnen-Team arbeiten zusammen.
8. Klassengemeinschaft: Alle SchülerInnen einer Klasse sind in das Projekt eingebunden. Es gibt kein Auswahl- oder Ausschlussverfahren. Die Form der Mitgestaltung ist von den SchülerInnen frei wählbar.
9. Bürokratieferne: Vermeidung von Anträgen und Berichten, kein Formularwesen, Reduktion der Bürokratie auf das Allernötigste.
10. Mittelherkunft: Die budgetäre Bedeckung ist aus dem Bildungs- und nicht aus dem Kunstbudget sicherzustellen.

Wie auf Gleisen rauscht das Schiff auf der Donau. Im Mitteldeck wird diskutiert. Man reibt sich an diesem Programm, KünstlerInnen, LehrerInnen - VertreterInnen der Schüler gibt es leider nicht - und die Organisatoren. Es geht um die Auswertung der Erfahrungen mit den Projekten und das Aufbereiten für künftiges „I Like to Move It Move It“. Die Diskussionszirkel kommen zu Wort.

Die Gruppe der Künstler- und VeranstalterInnen ergänzt das dogma09 so (Übereinstimmungen ausgenommen):
• Die Künstler sollen keine Produktionsarbeit machen.
• Die Künstler unterrichten nicht allein, sondern jeweils gemeinsam mit einem anderen Künstler.
• Das Projekt soll für die Schülerinnen da sein, und nicht einen weiteren Research für die Künstlerinnen darstellen.
• Der Lehrkörper wird vorbereitet, das anfallende Raumproblem an der Schule geklärt, die Involvierten werden über ihre Rollen informiert und es erfolgt eine Kompetenzteilung.
• Künstlerische Freiheit wird vorausgesetzt.
• Es braucht mindestens fünf bis sechs Wochen, um in einen Prozess einzutauchen.
• Die KünstlerInnen sehen diese Arbeit als kontinuierliches Projekt an, auf jeden Fall über drei oder vier Saisonen oder Schuljahre - auch, damit man nicht in Druck kommt, produzieren zu müssen.
• Wenn es eine Produktion geben soll, dann bei kontinuierlicher Arbeit erst am Ende des zweiten Jahres.

  • Die Gruppen der LehrerInnen fügen ihrerseits an:
    • • Oberstes Gebot soll gegenseitige Wertschätzung sein.
    • • Die involvierten KünstlerInnen sollen fachlich und pädagogisch kompetent sein.
    • • Künstler und Räume müssen finanziert werden.
    • • Nicht der gesamte Lehrkörper muß involviert sein, es genügen zwei bis drei LehrerInnen pro Klasse, und der Direktor/die Direktorin muss absolut hinter dem Projekt stehen.
    • • Es gibt an der Schule Lehrer, die dafür bezahlt werden, dass sie die Organisation machen.
    • • Es gibt einen „Künstlerkatalog“, aus dem man Künstler aussuchen kann.
    • • Nichtstun ist erlaubt.
    • • Nichtstun ist für Schüler erlaubt, nicht aber für Lehrer.
    • • Alle, die nichts tun, müssen sich bei allen entschuldigen, die etwas tun (Rechtfertigungsumkehr).

  • Eine Gruppe, in der mehrere Schuldirektoren sitzen, plädiert für:
  • • Fehleroffenheit.
  • • Kompetente Zeitgenossenschaft.
  • • Die Arbeit jede/r SchülerIn soll mit Künstlern einmal in der Unter- und und einmal in der Oberstufe erfolgen.
  • • Das Anpassen der Projekte an den Schultyp.
  • • Die Integration solcher Projektarbeit bereits in die LehrerInnenausbildung und
  • • die Streichung des Passus „Nichtstun ist erlaubt“.

  • Alle Ergänzungen sind konstruktiv. Das heißt, jene Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf dem Schiff eingefunden haben, sind bereit für eine andere Schule, sie stimmen mit vielen Punkten des „I Like to Move It Move It“-Dogmenkatalogs überein.

  • Vom Nichtstun der Bankräuber

Doch ein Begriff spaltet die Gemüter und die Geister: das Nichttun. Reimitz merkt dazu im Gespräch mit Robert Pfaller an: „Dagegen haben die Lehrer so opponiert, daß wir es aus der Liste streichen mußten. ,Schule‘ kommt aus dem Griechischen, von scholé: das heißt ,Ort der Muße‘. Das Nichtstun, vor dem die Lehrenden eine wirkliche Panik haben, ist so wichtig, daß man es gesamtgesellschaftlich diskutieren muß.“ Immerhin: eine LehrerInnengruppe hat sich auf dem Schiff freimütig zum Wert des Nichtstuns bekannt.

In einer Gesellschaft der ständigen Betriebsamkeit haben zwei Parameter die Qualität einer tiefgreifenden Irritation: das „Nichtstun“ und die „Langeweile“. Die Forderung nach Betriebsamkeit reicht bis weit in die Repräsentation auch von Gegenwartskunst hinein. Ein Theater- oder Tanzstück, in dem nicht viel geschieht, kann ein Skandalon sein. Die Wiener Gruppe Lux Flux und das Moskauer Saira Blanche Theatre etwa haben im Jahr 2000 in ihrer dreiteiligen Arbeit „CAKP. Einladung an Nijinsky“ das Publikum 45 Minuten lang sich selbst überlassen. Ein Aufruhr war die Folge. Horror vacui. Das auf sich selbst Zurückgeworfensein macht Angst.

Die Gesellschaft des Spektakels (Guy Debord) ist auf Kurzweiligkeit konditioniert und auf die maximale Nutzung aller erreichbaren Ressourcen, also auch der menschlichen Arbeitskraft. Alle Ausbildung ist darauf ausgerichtet, ihre Auszubildenden auf eine Integration in die vorgegebenen Schemata vorzubereiten. Auch die menschliche Kreativität soll in den „Creative Industries“ als ökonomische Ressource nutzbar gemacht werden - nutzbar im Sinn eines Wirtschaftstotalitarismus, dessen Ideologie und Logik die Existenz des Einzelnen wie der Gemeinschaften durch alle sozialen Schichten hindurch definiert.

Diese Logik impliziert das ungebremste Ausschlachten aller Ressourcen so lange, bis nichts mehr davon übrig ist. Damit sind selbstverständlich auch sämtliche „Human Resources“ gemeint. Die letzte Ressource, die soeben von diesem Totalitarismus in nie gekanntem Ausmaß auszubeuten versucht wird, ist der Staat. Zur Zeit sind es etwa die Banken, die für ihr Versagen mit Milliarden „subventioniert“ werden. Auffällig dabei ist, daß den Verantwortlichen für dieses Versagen kaum je der Prozeß wegen kriminellen Verhaltens gemacht wird. Dabei ist die Logik jener, die am meisten von dem Casinokapitalismus der vergangenen zwei Jahrzehnte, der in die gegenwärtige Krise geführt hat, profitierten, ganz ähnlich der des Bankräubers: in möglichst kurzer Zeit so viel zu „verdienen“, daß der Rest des Lebens mit - Nichtstun verbracht werden kann.

Vom kreativen Nichtstun am „Ort der Muße“

Das Nichtstun ist also eines der höchsten Ziele vieler, die mit gewaltigem Brimborium und Exzellenz-Gedonner als „Elite“ ausgebildet werden. Ein „Lush Life“ in Luxus und maximaler, egozentrischer Freiheit. Während also die Konsequenzen dieser Mentalität gegenwärtig mit dem Geld jener ausgebügelt werden, denen eine ausreichende Altersversorgung angeblich nicht garantiert werden kann, geizt die „öffentliche Hand" mit jedem Euro, den sie etwa in künstlerische Projekte oder in Bildung investieren soll.

Natürlich sind die Stützungen der Banken, deren „Manager“ ihre Institute in den Abgrund manöviert haben, deswegen richtig, weil sie viele Sparer vor dem Ruin bewahren. Aber die politischen Administrationen sind gut beraten, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine ökonomische Ethik durchzusetzen, die der Wirklichkeit des Wirtschaftens entspricht und nicht jener der Ausbeutung, deren Opfer schlußendlich auch sie selbst sein könnten.

Und nun kommen wir zu dem Punkt, um den es hier geht: das richtige Nichtstun. „Nichtstun" bedeutet im Geist - auch - von „I Like to Move It Move It“ vor allem eines: Zeit für Experimente, Raum für neue Ideen und für Aktivitäten, die gegen die Logiken der Ausbeutung aller Ressourcen gerichtet sind. „Nichtstun“ bedeutet, unsere Kinder davor zu bewahren, für ein System abgerichtet zu werden, das ausschließlich darauf ausgerichtet ist, sie künftig als „Humankapital“ zu verheizen. Und das Wort „verheizen“ in seiner historisch sensiblen Bedeutung sei hier bewußt gesetzt.

Im Oktober 2008 ließ sich der Präsident des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) Hans-Werner Sinn in einem Interview über die Ursachen der Finanzkrise zu folgendem Satz hinreißen: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ (Tagesspiegel Online, Printausgabe v. 27.10.2008; Hervorhebung durch den Autor) [*] Nach heftigen Protesten ließ sich Sinn wohl schnell zu einer Entschuldigung herab. Doch er befindet sich heute noch im Amt. Dieser verheerende Ausspruch zeigt, in welchem geistigen und ethischen Zustand sich die Kaste befindet, als deren Anwalt sich Hans-Werner Sinn betätigt.

Eine Kaste, die für Kriege und die Zerstörung der Umwelt, für Hungerkatastrophen, die Stützung totalitärer Systeme, für Korruption und Genozide (mit-)verantwortlich ist. Eine Kaste, in der es selbstverständlich auch Mitglieder gibt, die sich an dieser Vernichtungsarbeit nicht beteiligen. Eine Kaste jedenfalls, die jeden Anspruch verloren hat, sich als „Elite“ zu bezeichnen. Eine Kaste also, deren Logiken mit allen demokratischen Mitteln bekämpft werden müssen. Und dieser Widerstand muß in der Schule beginnen. Nicht durch Hetze, sondern durch eine Bildung, die den Logiken des Managerialismus widerspricht, die unsere Kinder davon frei hält und ihnen eine Zukunft öffnet, die ohne die Sachzwänge des Wirtschaftstotalitarismus funktioniert.

Insofern ist das Projekt „I Like to Move It Move It“ mehr als nur ein einfacher Schulversuch. Es ist Arbeit an einer besseren Gesellschaft jenseits der „Sinn"-Krise ihrer gegenwärtigen Zustände. Das „Nichtstun“ ist hier Synonym für „Esbessermachen“, sehr realistisch, sehr leistungsadäquat und für eine Kreativität, die nicht zu industrialisieren ist - zugunsten der Zukunft unserer Kinder.


Fußnote:
[*] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Finanzen-Finanzkrise;art130,2645880


(17.12.2009)