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SARAH PIERCE UND DIE AUSSTELLUNG "MOMENTE DES UMSCHLAGS. PUSH AND PULL" IM WIENER MUMOK

Von Astrid Peterle




Die Frage nach der Musealisierung der Performance-Kunst ist nicht erst seit Marina Abramovics monumentaler Retrospektive im MoMA im vergangenen Frühjahr in aller KuratorInnen und TheoretikerInnen Munde. Nun widmet sich auch das Wiener Mumok, in Kooperation mit dem Tanzquartier, dieser Frage, wobei der Fokus auf künstlerischen Positionen liegt, die als Live-Performances sowie als Installationen/Objekte rezipiert werden können.

Im relativ kleinen Raum der Mumok-Factory im Untergeschoß des Hauses treten die Arbeiten von sieben KünstlerInnen und -paaren in Dialog miteinander und mit dem Publikum. Alle Arbeiten sind entweder Objekte, die auch Teil einer Live-Performance sind/waren oder deren Dokumentationen, wie etwa in die Videoarbeiten von Seth Price und Kelley Walker Freelance Stenographer oder Mike Kelleys erstmals ausgestellte Videos Bridge Visitor (Legend – Trip), Documentary of Day Is Done Judson Dance Horse Dance und Documentary of a Performance with Paul McCarthy and Nakahara Maysay.

Halluzinatorische Erfahrung

Eine spannende Überlagerung innerhalb des Ausstellungsraumes ergibt sich durch die Sound-Installation von Florian Hecker 3 Channel Chronics: Die jeweils etwa eine Viertelstunde anhaltende Klangperformance fordert das Gehör der BesucherInnen mit seinen intensiven, teils schmerzlich-dröhnenden Passagen heraus und verunmöglicht die gleichzeitige (akustische) Rezeption der Videoarbeiten. Wer sich gänzlich auf diese „Grauzone der halluzinatorischen Erfahrung“ (Hecker) einlässt, kann leicht ins Sinnieren darüber geraten, ob mittels Klang vielleicht eine Intensität der Wahrnehmungsherausforderung evoziert wird, die in anderen künstlerischen Medien im Zeitalter der Post-Postmoderne bereits erschöpft ist.

Einen Umschlag von Skulptur und Handlung versucht Andrea Geyers und Josiahs McElhenys The Infinite Repetition of Revolt: Auf einer überdimensionalen Tafel-Konstruktion, die sowohl an Schultafeln als auch an mittelalterliche Triptychen erinnert, finden sich Arrangements von Notationen und Diagrammen. Diese verweisen auf gescheiterte Revolten, auf Rosa Luxemburg und Auguste Blanqui. Diese Skulptur, die selbst auf der abstrakten Repräsentation von Handlungen aufbaut, wurde später in eine Live-Performance inkorporiert.

Barbara Clausen, eine der KuratorInnen der Ausstellung, verwies in ihrer Eröffnungsrede auf die scheinbare Zusammenhanglosigkeit der einzelnen künstlerischen Positionen, betonte aber zugleich, dass alle ausgestellten KünstlerInnen sich mit „knowledge“ auseinandersetzten. Clausen traf mit dieser Aussage einen wunden Punkt der Ausstellung: Die per se äußerst spannenden Arbeiten lassen in ihrer Zusammenstellung und Präsentation als „Installationen“ eine gewisse kuratorische Schärfung vermissen. Um tatsächlich eine anregende Debatte über die Musealisierung von Performance-Kunst und die Beziehung zwischen flüchtigem Live-Ereignis und institutionalisierter Repräsentation anzuregen, bedürfte es etwas mehr Vermittlung zwischen den einzelnen Positionen sowie den disziplinären und historischen Kontexten.

Kaprows Möbelkomödie

Am Eröffnungsabend setzte hingegen die irisch-amerikanische Künstlerin Sarah Pierce beispielhaft die thematisierte Übersetzung zwischen Installation und Performance um. Ihre Future Exhibitions waren einerseits eine Art Variation auf Allan Kaprows Happening-Environment und -Instruktion Push and Pull. A Furniture Comedy for Hans Hofmann (1963). Die Instruktionstafeln, die sich in der Sammlung des Mumok befinden, fordern das Publikum zum Umräumen und Umgestalten eines Wohnraum-Environments auf. Pierce bewegte während ihrer Performance mit Hilfe von AssistentInnen Möbel, Ventilatoren, Teppiche und andere Versatzstücke, die sie im Mumok fand, von einem White-Cube-Raum in eine Black Box und vice versa. Das Publikum, das dabei ständig im Weg stand (oder gar versehentlich die Installation zerstörte, wie im Fall einer Ansammlung von Trinkgläsern am Boden), konnte währenddessen Sarah Pierces ruhigen Ausführungen über Ausstellungen aus der Geschichte lauschen.

Pierce kommentierte Dokumente wie Ausstellungsansichten, einen Künstler-Brief, einen Zeitungsbericht oder einen Katalog von Ausstellungen in Russland, London, Irland und Slowenien. Dass es in ihren Berichten dabei immer wieder auch um die Interaktion des Publikums ging, fügte sich subtil mit dem Performance-Geschehen und seinen stolpernden BesucherInnen zusammen. Pierce ist damit ein anregender Beitrag zur Frage nach der institutionalisierten Repräsentierbarkeit von Performances und ihrer Geschichte gelungen. Was offen bleibt: Braucht es für die Musealisierung der Performance-Kunst die Inkludierung ihrer Live-Umsetzung (wie im Fall von Abramovics MoMA-Retrospektive und auch der Push and Pull-Reihe) oder funktioniert sie auch allein mithilfe von Dokumentation und Objekten?


(15.10.2010)