"SIGNED, SEALED, DELIVERED" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN #3: REPNIK MIT RUHSAM
Von Reinhard Strobl
How Far Can We Talk? fragen die Choreographin Martina Ruhsam und der Künstler/Regisseur Vlado G. Repnik in ihrer neuesten Arbeit, die im Rahmen der Reihe „Signed, sealed, delivered“ der Wiener Festwochen in den Tanzquartier Wien Studios uraufgeführt wurde.
Es ist ein Abend über Dialoge, zwischen der Bühne und dem Auditorium, zwischen den Performern untereinander, zwischen verschiedenen Medien und zwischen dem An- und Abwesenden. Des Öfteren sind es Interviewsituationen, auch wenn nicht immer klar ist, wer eigentlich welche Rolle in diesen Settings einnimmt. Sobald man glaubt, ein Muster entdeckt zu haben, wird genau dieses gebrochen – die Kommunikation ist also gescheitert beziehungsweise wird genau dadurch aufgezeigt, dass ihr das Scheitern respektive das Missverstehen immanent ist. Oder, um es mit Ludwig Wittgenstein zu sagen: „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“
In einer Szene wird Repnik von Ruhsam interviewt, doch antwortet auf Französisch per Einspielung Jacques Derrida, der scheinbar von Repnik dargestellt wird, bis dieser jedoch innehält und in weiterer Folge eine Kamera auf den Stuhl richtet, auf dem er gerade gesessen ist. Das Interview über Derridas langjährige Weigerung, sich photographieren zu lassen, geht dessen ungeachtet weiter. Die auf die Bühnenrückwand projizierte englische Übersetzung ist das Einzige, was von der Sprache übrigbleibt. Schön zu sehen, an dieser Stelle, dass die Worte auch ohne den ursprünglichen Produzenten, den (toten) Autor, funktionieren, ihm quasi enteignet wurden, wodurch jeder die Autorschaft für sich beanspruchen kann.
Wer denn nun spricht, ist auch eine Frage, die sich bei den zahlreichen Videointerviews stellt. Sind es Selbstinterviews oder Monologe, hat das Regiekollektiv oder auch jemand ganz anderer gefragt, oder ist es die Aufgabe des Publikums, sich die Fragen zu den gezeigten Antworten zu überlegen oder sich die Fragen anzueignen, wenn sie projiziert werden?
Sexy Betonblöcke
Die eingespielten Videos wirken wie Grußbotschaften, ob nun die Wiener Choreographin Amanda Piña über ihre neue Arbeit oder der Performer Robert Steijn über seinen eigenen sexuellen Körper und die Qualität des Berührens redet und im weiteren versucht, eine sexuelle Beziehung zu einer Palette Betonblöcke aufzubauen. Konterkariert werden diese und andere Beiträge durch einem kurzen Vortrag von Bojana Kunst über die Potenzialität von Sprache – auch dieser als Video, aber mit Bildern unterlegt, die das real anwesende Publikum zeigen.
Der ganze Abend besteht aus Fragen und stellt sich zugleich selbst in Frage. Dem titelgebenden „How far can we talk?“ wird so zum Beispiel die Frage gegenübergestellt, was ein Messwert eigentlich über das abgemessene, insbesondere die Qualität des zu Vermessenden aussagt. Was erfahren wir über die Qualität eines Fußes, wenn wir wissen, wie lang er ist?
Man ist zum Teil auch versucht zu glauben, dass Baudrillards These, nach der die Bilder der Wirklichkeit wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind, in der Arbeit paraphrasiert wird, aber bei keiner der evozierten Lesarten hat man das Gefühl, nun wirklich oder endgültig die zugrunde liegende Intention verstanden zu haben. Das ganze Stück zeichnet sich gerade durch diese Unbestimmtheit, das Öffnen eines Möglichkeitsraums aus.
Konsequent endet das Stück mit einem kurzen Video, in dem der russische Performer Andrei Andrianov über den Unterschied zwischen dem Konzept einer Sache und der realen Sache sinniert und der Frage nachgeht, wie man die Leere, das große Loch zwischen dem Konzept und der realen Ausformung findet – um dann zu schließen mit: „It's a a beautiful picture. Everyone reaches to a different direction.“
(11.6.2011)
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