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Wasserkocher und Vorhang

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LAIA FABRE & THOMAS KASEBACHER MIT "PERFECT HAPPINESS" IM WIENER BRUT

Von Elisabeth Hirner




Ein Picknick im Park, eine Ganzkörperenthaarung, ein gestreckter Theaterbesuch: das sind die Stoffe aus denen, wenn nicht Träume, so doch Hoffungen gemacht sind in Laia Fabres und Thomas Kasebachers Stück „Perfect Happiness“, das im brutStätte getauften Proberaum des brut Theater in der Wiener Zieglergasse Premiere hatte. Mit dem britischen Performer Bruno Roubicek treten die beiden an, die Langeweile zu zelebrieren, deren Ende zeitgleich verlockend nahe scheint.

Drei uniformierte Gestalten lungern im ästhetisch ausgefeilten Bühnenraum herum. Eine Palme, ein Wasserkocher, ein Ventilator und vor allem einige Mikrophone versprechen, dass der Abend actiongeladen und rasant werden könnte, nachdem man die präzise gesetzten Körperbilder schlampiger Haltungen studiert hat, die von den PerformerInnen während der ersten zwanzig Minuten produziert werden. Mit Hilfe der Dinge schaffen Fabre und Kasebacher einen Rahmen, in dem sich die ZuschauerInnen in der Situation von KonsumentInnen wiederfinden und darauf warten, dass „mehr“ passiert. Die Dingwelt wird sich weiter ausbreiten, wenn im gesprochenen Text dem Anhäufen von Gütern oder Genussmitteln keine Grenzen mehr gesetzt sind.

Hilflosigkeit der Bemühungen

Im Verlauf des dramaturgisch (Heidi Wilm und Hugo Vieira da Silva) und musikalisch (Bernd Oppl) raffiniert gestalteten Abends verwandeln sich die PerformerInnen in drei Stuntpersonen des schlechten Geschmacks, werden zu AnimateurInnen des Abstrusen, werben zu den Klängen von „Fahrstuhlmusik“ um die Gunst des Publikums. Dabei wechseln einander Showeinlagen mit synchronen Bewegungsabfolgen, scheinbar akrobatische Darbietungen und physikalische Experimente immer schneller ab. Momente voll Schönheit bauen sich auf und vergehen: beispielsweise, wenn Kasebacher mit heiligem Ernst auf pinkem Plastikhocker stehend, vierhundert zarte Einwegsäckchen auf einen improvisierten Holztisch fallen lässt, einem Künstler gleich, der dem Zufall ein graziöses Gebilde abtrotzen will.

Oder wenn ein einziger Scheinwerfer eine ganz andere Welt entstehen lässt. Wenn abwechselnd Geschichten phantasiert, die Geräusche der Palme per Mikro hörbar gemacht werden und die Intonation eines koreanisch klingenden Wiegenliedes zur rauschhaften Lautmalerei wird. Dann erfährt das Publikum die unbändige Ausdruckskraft der PerformerInnen, zwischen kindlicher Begeisterung und Scham, Erschöpfung und Durchtriebenheit changierend. Eine minimale Gleichgewichtsverschiebung reicht, um die Monstrosität des menschlichen Körpers und die Hilflosigkeit all seiner Bemühungen zu demonstrieren. Es ist wie eine Einladung zum Lachen und zum Weinen.

Brauchen wir all die Dinge, um der Langweile zu entkommen oder beginnt mit ihnen erst das Dilemma? Wird innerhalb des Systems Theater gefragt, bieten sich dort doch bekanntermaßen ideale Laborbedingungen. Fabre, Kasebacher und Roubicek sind wie kompetente ForscherInnen, die einmal Zaubertricks vorführen, dann wieder den Vorhang zuziehen. Wir im Zuschauerraum scheinen Versuchstiere und Artgenossen zugleich zu sein. Da die Konfrontation mit Konsumgütern von ambivalenten Gefühlen begleitet ist, spiegeln sie uns TheaterticketkäuferInnen mittels Material- und Körperschlachten. Wer wohl gewinnt? Bruno Latour?

(6.2.2011)